Donnerstag, 6. Dezember 2018

6. Dezember 1918



„Um Mitte November bekam sie (die 3. Kompagnie) den Auftrag nach Birsula zu gehen, um dort Ordnung zu schaffen und die mobile Bahnhofskommandantur zu schüt-zen. Bei der Ankunft wurde die Ordnung durch ukrainische Miliz aufrechterhalten. Nach einigen Tagen trafen Hetman-Truppen in Birsula ein, die jedoch nach kurzer Zeit von Petljura-Truppen vertrieben wurden. Letztere verstärkten sich Ende des Monats so sehr, daß die Lage für die Kompagnie immer bedrohlicher wurde. Täglich trafen etwa 4000 – 5000 zurückkehrende Kriegsgefangene, meist in trostlosem Zustand und halb verhungert, aus Deutschland und Österreich ein, von denen ein großer Teil von den Petl-jura-Truppen eingestellt und bewaffnet wurde.
Österreichische von Odessa kommende Transporte wurden in Birsula entwaffnet und ausgeraubt. Der Haufe der bolschewistischen Petljura-Truppen vergrößerte sich mehr und mehr, und auch der 3. Kompagnie gegenüber wurden die Russen immer feindseli-ger.
Am 4. Dezember kam ein deutscher Panzerzug von Odessa her, um die Kompagnie in Birsula zu entsetzen. Doch die Russen hatten 8 Geschütze und wohl 6000 Mann. Ein deutscher Offizier aus Birsula klärte den Kommandeur des Panzerzuges über die Nutzlosigkeit seines Vorhabens auf. Doch dieser ließ sich nicht verblüffen. Er ließ dem Petljura-Führer sagen, daß eine Division hinter ihm stehe und er verlange, daß die Deutschen in Birsula verladen und zu ihm hinausgeführt würden. Die Russen gaben nach und stellten Wagen zum Verladen.
Am andern Morgen aber wurde der Zug nicht nach Süden, sondern nach Norden abge-lassen. Auf der nächsten Station wurde der Zug von russischen Banden umzingelt, überwältigt und entwaffnet. Alle deutschen Bahnhofkommandanturen an der weiteren Strecke waren schon abgefahren oder abgeschoben worden.
Erst in Smerinka stieß die Kompagnie auf deutsche Truppen, Teile der Landwehr-Kaval-lerie-Schützenregimenter 11 und 90. Diese gaben ihre Waffen und waren zum Kampf entschlossen. Die Russen umstellten die Baracken der Kavallerie-Schützen, doch im Nu waren die deutschen M.-G. aufgestellt und wurde das Feuer auf die herankommenden russischen Horden eröffnet. Nun ließen die Russen alle Sirenen an Lokomotiven und Fabriken heulen und alles eilte bei ihnen zu den Waffen.
Die 3. Kompagnie stand abseits von den andern deutschen Truppen vereinzelt und wurde von allen Seiten angegriffen, so daß die Verluste sich mehrten. Doch sie hielt sich noch. Erst mittags, als die Munition zur Neige ging, entschloß sie sich unter Preisgabe ihres Gepäcks und des Transportzuges, zu den deutschen Truppen durchzuschlagen. Auch diese hatten einen schweren Stand, denn zwölf Transportzüge mit Bolschewisten waren den Tag über angekommen. Abgabe der Waffen lehnte die Kompagnie bei einem Verhandlungsversuch ab; es wurde weitergeschossen und geworfen, bis zur letzten Pat-rone und Handgranate. Die Kompagnie wurde dann von allen Seiten umschlossen. Als der Haufe merkte, daß die Kompagnie nichts mehr zum Schießen hatte, kamen die berauschten wütenden Kerls heran und schossen unsere unbewaffneten Leute nieder. Im ganzen hatte die Kompagnie bei diesem Gefecht 11 Tote und 10 Verwundete. Die übrig gebliebenen wurden dann in ein unterirdisches Gelaß gesperrt und bewacht.
In der Nacht war ein Leerzug bereitgestellt und auf Befehl des Petljura-Führers wurde die Kompagnie verladen und nach Norden über Proskurow abgeschoben, um sie vor der Wut des Pöbels zu schützen. Auf jeder Station durchsuchten nun Banden die Taschen unserer Leute und nahmen ihnen Messer, Geld und Uhren ab. An der galizischen Grenze begann man, ihnen die Stiefel und Kleider auszuziehen und ihnen dafür alte Lumpen zu geben. Die Unseren waren daher recht froh, an der ungarischen Grenze einen Transport von Deutschösterreichern anzutreffen, welcher die notdürftigsten Kleidungsstücke und etwas Lebensmittel hergab.
Die Österreicher hängten die Kompagnie dann an ihren Transport an, und so wurde diese über Budapest – Wien – Passau nach Ulm weitergeleitet.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

Keine Kommentare:

Kommentar posten