Freitag, 23. Februar 2018

23. Februar 1918


„Tiefe Stille liegt am Morgen des 23. Februar 1918 über den Stellungen der 26. Landw.-Division. Plötzlich, um 10.30 Uhr vormittags, wird die Ruhe unterbrochen durch feind-liche Artillerieschüsse, die zuerst vereinzelt auf das Batteriegelände und die Anmarsch-wege im Nonnenbruch fallen. Allmählich wird das Feuer stärker und setzt nun auch auf die Infanteriestellungen im ganzen Divisionsbereich und im Gebiet der linken Nachbar-division ein. Besonders heftig werden die Brennpunkte des Divisionsabschnitts, der Hartmannsweilerkopf, die Höhe 390 und die Höhe 425, beschossen: Artillerievorbe-reitung des Feindes zu einem Infanterieangriff.
der Ordonnanzoffizier der Untergruppe verlangt von der Fernsprechvermittlung sämt-liche Batterien, um Befehl zur Eröffnung des Vernichtungsfeuers durchzugeben. Fieber-haftes Arbeiten in der Vermittlung, Stecken von Stöpseln und Verbindungsschnüren, Fallen von Klappen, Anfragen von hinten: „Was ist denn los?“, Kurbeln, Anrufen der Batterien: keine Antwort! Der Feind hat es meisterhaft verstanden, durch seine Streu-schüsse in die Nähe der Batteriestellungen und des Gefechtsstandes der Untergruppe sämtliche Leitungen abzuschießen. Nun gilt es auf andere Weise, die Befehlsüber-mittlung zu den Batterien, die inzwischen selbständig das Feuer eröffnet haben, auf-rechtzuerhalten. Die Funkenstation der Untergruppe kommt dafür nicht in Betracht, da nur eine Zugstellung mit einer Gegenstation ausgerüstet ist. Sie ist außerdem vollauf beschäftigt durch den Verkehr mit den Funkerstationen der Beobachtungsstellen, der Infanterie und der rückwärtigen Befehlsstellen. Meldehunde und Brieftauben stehen nicht zur Verfügung, Radfahrer und Meldereiter kommen auf den unter Feuer liegenden Straßen und Wegen nicht durch. Es bleibt nur ein weg der Nachrichtenübermittlung übrig, der durch Läufer. Durch den Läufer, der an keinen Weg gebunden ist, der sich durch den Wald sprungweise vorwärtsarbeiten und der dichtesten Lage des Feuers ausweichen kann. Befehle werden in Eile geschrieben, und als Erster zum Überbringen des Befehls in die Stellung der Fuß-Art.-Batterie 836 und in die der 1. Batterie des Feld-Art.-Reg. 116 meldet sich Unteroffizier Glöckler, der Fernsprechunteroffizier der Unter-gruppe. Gleichzeitig mit ihm gehen seine Kameraden, Gefr. Schallenmüller und Kano-nier Rau vom Stab der III. Abteilung des Feld-Art.-Regt. 116 .mit Befehlen in die übrigen Stellungen der Untergruppe zur 2./116, 6./116 und zur Fuß-Art.-Batterie 870, während die übrigen Fernsprecher, Unteroffizier Gehring, Gefr. Keß und Kanonier Staudt die zerschossenen Leitungen wieder herzustellen suchen. Das feindliche Feuer hält unterdessen mit unverminderter Stärke an; auch mit Gasgeschossen wurde der Nonnenbruch bedacht. Durch die Funkenstation kommt die Nachricht, daß der Panzer-turm der Beobachtungsstelle „Ida“ (Idiotenanstalt südlich Sennheim) eingeschossen wurde und die darin befindlichen Beobachter der 6./116, die noch kurz vorher eine im Ochsenfeld offen aufgefahrene feindliche Batterie unter erfolgreiches Feuer genommen hatten, verletzt worden seien. Meldungen der Beobachtungsstellen und der linken Nachbardivision lassen erkennen, daß der vermutliche Angriffspunkt des Feindes nicht in unserer Divisionsfront, sondern in der unserer linken Nachbardivision, in der Gegend von Niederaspach und Exbrücke zu suchen ist. Das Feuer eines Teils unserer Batterien wird dementsprechend umgelenkt zur Unterstützung der linken Nachbardivision.
Um 4.15 Uhr nachmittags beginnt der Angriff. Drei französische Bataillone dringen in die Gräben bei Exbrücke und Niederaspach ein, werden aber nach erbittertem Nah-kampf mit der bayrischen Landwehr von dieser im Gegenstoß wieder zurückgeworfen. Dabei lassen sie 21 Gefangene in unserer Hand und haben über 200 Tote und Verwun-dete. Wie aus Gefangenenaussagen und aufgefundenen französischen Befehlen hervor-ging, war das Ziel des feindlichen Angriffs der Lerchenberg, östlich Niederaspach, um den, seiner beherrschenden Lage wegen, schon früher gekämpft worden war.
Die Freude über die erfolgreiche Abwehr des Angriffs wird nur beeinträchtigt durch die Verluste, die unser Erfolg gekostet hat. Allein von den Batterien der Untergruppe Non-nenbruch (2./116 und 6./116) sind 14 Mann zum Teil verwundet, zum Teil gasvergiftet, und Unteroffizier Glöckler gefallen. Seine Kameraden, Unteroffizier Gehring und Gefr. Altenöder, die durch sein langes Ausbleiben beunruhigt, ihn suchten, kommen zurück mit der Meldung, sie hätten Glöckler sehr schwer verwundet in der Stellung 1./116 gefunden. Er hatte den Befehl in die Stellung der Fuß-Artillerie gebracht, und war auf dem Weg von dieser zur 1./116 von einem Granatsplitter getroffen worden. Von seinen Kameraden zum Verbinden in die Batteriestellung gebracht, ist er dort seinen Ver-letzungen erlegen. So hat Unteroffizier Glöckler, der sich schon in allen früheren Ge-fechten des Regiments, besonders bei Givenchy – Vimy, bei Fort Douaumont und an der Somme, durch seine hervorragende Pflichttreue ausgezeichnet hatte, auch an diesem Tag sein Teil mit dazu beigetragen, daß der feindliche Angriff zurückgeschlagen wurde. Er hat seine Treue mit dem Tode besiegelt und bleibt unvergessen bei seinen Kameraden und seinen Vorgesetzten.“


aus: „Das Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 116 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

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