Donnerstag, 22. März 2018

22. März 1918


„Am 21. März begann der große Kampf. 4.40 Uhr vormittags setzte die bis ins kleinste geregelte Artillerievorbereitung ein, zuerst bis 7 Uhr vormittags mit Gas auf die feind-liche Artillerie, dann mit Granaten auf die Vaucelette-Ferme und die anschließenden Gräben. 8.40 Uhr vormittags mit den letzten einschlagenden Granaten erfolgte der Ein-bruch des Gren.-Regts. 123 Als Regiment 2. Linie sollte Inf.-Regt. 124 mit Fortschrei-ten des Angriffs des Sturmregiments, rechts desselben vorstoßen, den Flankenschutz übernehmen und später den Dessart-Wald nehmen. Für diese Aufgaben waren III. und II. Bataillon vorgesehen, I. war vorerst Regimentsreserve. Es kam aber ganz anders. Schon während unserer Artillerievorbereitung war allgemein die starke artilleristische Gegenwirkung der Engländer aufgefallen. Man hatte angenommen, daß sich der Gegner bei dem starken Einsatz eigener Artillerie nicht sehr fühlbar machen würde und die lange Beschießung mit Gas die feindliche Artillerie lahmlegen würde. Aber der Gegner wehrte sich auf das heftigste, auf unsere Gasbeschießung antwortete er ebenfalls mit Gas, außerdem trieb der starke Westwind unser Gas teilweise zurück. Die Sturmtruppen und die rückwärtigen Staffeln mußten bis 10 Uhr vormittags die Gasmasken tragen. Dies erschwerte ungeheuer alle Bewegungen und hielt sie lange auf. Weiter kam dazu, daß frühmorgens ein undurchdringlicher Nebel herrschte. Das Zurechtfinden war schwierig und vor allem war es der Artillerie unmöglich geworden, das Vorbereitungs-schießen auf die Gräben mit Beobachtung durchzuführen. So war sie auch hierbei nur auf ihre Vermessungen angewiesen, dies schwächte fraglos den vollen Erfolg erheblich ab. Die Folge all dieser Umstände war, daß das Sturmregiment infolge hartnäckigen Widerstandes sehr schwer vorwärts kam und von einem Nehmen der Stellungen bis zur Revelon-Ferme in einem Zuge keine Rede sein konnte. Über den Bahndamm, westlich der Vaucelette-Ferme, kam vorerst niemand, Bahndamm und das Gelände davor lagen unter wirkungsvollstem M.-G.-Feuer von allen Seiten, besonders von der Revelon-Ferme her. Dieser Hof lag auf einer kleinen Anhöhe, diese fiel glacisartig ab, umso höher die Wirkung der dort eingesetzten M.-G. Auch das Folgen des Inf.-Regts. 124 gestaltete sich dementsprechend völlig anders.
Nachdem 8.40 Uhr vormittags 123 zum Sturm angetreten war, erreichte das zunächst angesetzte III. Bataillon den Weg bei den Punkten g – v (s. Skizze Nr. 22) und 10.15 Uhr vormittags die Fabrik südlich Villers-Guislain, hier baute sich das Bataillon zum Vorstoß rechts an Revelon-Ferme vorbei auf. Vorn 9. und 11. Kompagnie, dahinter rechts gestaffelt 10. Hinter der Mitte 12. und 3. M.-G.-K. Bei diesem Vormarsch und auch später zeichnete sich als Meldegänger der Gefreite Graf, 12./124, von Wildenstein, besonders aus. Unermüdlich war er tätig, zwischen dem erkundenden Bataillonsstab und den Kompagnien die Verbindung aufrecht zu erhalten und letzteren die besten Wege zu zeigen. 10.45 Uhr vormittags trat das III./124 den Weitermarsch rechts an der Ferme vorbei an und erreichte nach Überschreiten einer Mulde, die von rechts her stark unter flankierendem Feuer lag, die Stellungen westlich Vaucelette-Ferme. Von hier weiter westlich vorzukommen, schloß die feindliche Feuerwirkung vorerst aus.
Das II./124 war dem rechten Grenadierflügel gefolgt und hatte mit 5. und 8. Kompagnie ebenfalls den Bahndamm erreicht, 6. und 7. Kompagnie waren im Nebel abgekommen und hatten sich Kompagnien von Inf.-Regt. 232 angeschlossen, das die Stellungen nordwestlich der Ferme bis zur Straße Revelon Ferme – Gouceaucourt aufrollen sollte, aber auch bald bei der heftigen feindlichen Gegenwirkung festsaß. Durch die abgekom-menen Kompagnien hatte das Bataillon wenigstens Verbindung nach vorn.
I. Bataillon war von seinem Platz südlich Villers-Guislain näher an die vorderen Teile herangerückt, hatte aber, obwohl am weitesten zurück, sehr unter Artilleriefeuer zu lei-den. Die eigene Artillerie war nachgerückt und stand in der Nähe. Sie zog heftige feind-liche Gegenwirkung besonders mit schweren Kalibern auf sich, hiervon wurde auch das Bataillon mitbetroffen.
Links tobte um Epehy ein hin- und herwogender Kampf der 183. Inf.-Div. Bald war der Ort von ihr genommen, bald hatten ihn wieder die Engländer besetzt. Die englische Zähigkeit, mit der alle Stellungen verteidigt wurden, muß anerkannt werden.
Am Spätnachmittag gewann das Gren.-Regt. langsam gegen Revelon-Ferme Boden, II./124 folgte und befand sich auf gleicher Höhe rechts daneben. Aus der Ferme stieß der Gegner mehrmals durch Tanks unterstützt vor, er wurde jedesmal abgewiesen, brachte aber aus Heudicourt und Fins ununterbrochen Verstärkungen auf Sanitätskraft-wagen vor. Obwohl die Ausladestelle dauernd unter Feuer genommen wurde, kamen doch unaufhörlich Verstärkungen heran. Die Lage am 1. Angriffstag abends war wenig günstig. Das Gren.-Regt. lag mit seiner ungeschützten linken Flanke nicht gut, ebenso erging es II./124, in dessen Flanke zwei starke englische Stellungen ungenommen geblieben waren. Der Erfolg dieses Tages war weit hinter allen Erwartungen zurückge-blieben. Dem hindernden Nebel des Vormittags folgte nachmittags und nachts noch Regen, dem die Truppe schutzlos preisgegeben war. Die Verpflegung erfolgte kalt von den mitgenommenen eisernen Portionen.
Obwohl das Regiment beim eigentlichen Angriff nur mit schwachen Teilen beteiligt gewesen war, hatte es doch bedeutende Verluste, aus denen der englische Widerstand, besonders mit Artillerie, zu ersehen ist. 49 Tote, 240 Verwundete und 121 Gaskranke waren ausgefallen, unter den Verwundeten 14 Offiziere, Oberleutnant Höltje, Leutnants d. R. Bickel, Wintermantel, Gehweiler, Ochs, Etti, Glöckle, Herzog, Moser, Gindele, die Leutnants Fuß, Walter, Bauer und Oberarzt Dr. Haag.
In der Nacht vom 21./22. wurde folgende Absicht für den nächsten Tag bekannt gege-ben: 183. Inf.-Div. sollte Epehy vollends nehmen, 27. Inf.-Div. durch das Gren.-Regt. bis zur Linie Revelon-Ferme – Bahnhof Heudicourt vordrücken, um die Flanke der 183. Inf.-Div. zu sichern. Inf.-Regt. 124 hatte die beiden englischen Hauptstellungen nord-westlich Vaucelette-Ferme zu nehmen, um seinerseits das Gren.-Regt. zu decken.
Das III./124 erhielt den Befehl, unter Zuteilung der Sturmabteilung der Division und der 2. und 3./124 diesen Angriff auszuführen. 12 Uhr mittags waren beide Stellungen genommen, 16 Engländer gefangen und 2 Geschütze erbeutet. Während sich bei der Abwehr von Vorstößen aus der Revelon-Ferme ein Zug M.-G. unter Vizefeldwebel Staib, 1. M.-G.-K., von Boll, besonders auszeichnete und entscheidend eingriff, tat sich beim Angriff des III. Bataillons der Gefreite Rieder, 9./124, hervor. Als Kompagnie-meldegänger hatte er sowohl die Angriffsbefehle überbracht, als auch später die Mel-dungen vom Stand des Angriffs ungeachtet aller Schwierigkeiten zurückgebracht.
Am Vormittag noch wurde durch einen aufgefangenen Funkspruch die Absicht des Gegners bekannt, den Cambraibogen zu räumen. Hierdurch gewann der Vorstoß der Di-vision nach Westen erhöhte Bedeutung, wenn es glücken sollte, den weichenden Feind abzuschneiden.
1 Uhr nachmittags bauten sich II. und III. Bataillon zum Nehmen der Revelon-Ferme auf, beim III. 2. und 3./124. 2 Uhr nachmittags begann der Angriff. II./124, als die frischere Truppe, griff auf dem rechten Flügel, teils frontal über freies Gelände, teils durch Aufrollen der noch nicht genommenen Gräben an, links anschließend kam III. Ein M.-G.-Zug unter Vizefeldwebel Striebel, 2. M.-G.-K., hatte besonders gute Wirkung, indem er 3 englische M.-G. in der Ferme außer Gefecht setzte und dem III. Bataillon das Vorkommen erheblich erleichterte. Bei der 5./124 zeichnete sich der Unteroffizier Schranz von Waldsee, wie schon oft vorher, trotz seines jugendlichen Alters von 19 Jahren als kaltblütiger Draufgänger hervorragend aus. Artillerie und Minenwerfer unter-stützten den Angriff auf das Beste. 4 Uhr nachmittags stürmte 2./124 das Wäldchen östlich Revelon-Ferme, eine halbe Stunde später wurde die Ferme selbst von beiden Bataillonen genommen. Nachdem 5 Uhr nachmittags die Straße Revelon Ferme – Gouceaucourt erreicht war, wurde 6.15 Uhr nachmittags der Vormarsch auf Fins ange-treten. Dort trafen ohne nennenswerten Widerstand zu finden, III. Bataillon 8.15 Uhr abends, II. 11 Uhr abends ein. I./124 folgte in 2. Linie und biwakierte östlich des Ortes. 1. und 2./124 stellten an Straße Fins – Gouceaucourt. Vorposten aus, da der Dessart-Wald besetzt gemeldet war.
9 Uhr abends hatte III. Bataillon durch Artillerievolltreffer am Ostausgang von Fins Verluste. War an diesem Tag die Stimmung durch die Erfolge gehoben, so wurde sie doch durch die Verluste gedrückt. Das Regiment verlor 75 Tote, darunter Hauptmann d. R. Bauer, der beim Einsatz der Sturmabteilung heldenmütig, wie stets, da kämpfte, wo es am heißesten herging. Diesmal ereilte ihn das Geschick, nachdem er von seiner schweren Verwundung bei Bullecourt kaum geheilt war. Leutnant Werner, Leutnant d. R. King und Ilzhöfer. 261 Verwundete mußten zurückgeschafft werden, dabei Haupt-mann Schaidler, Leutnant Bumiller, Rist, Botsch, Leutnant d. R. Liebendörfer, Herzog, Sorger, Kurz und Offizierstellvertreter Nugel. Auf dem Verbandplatz tat der San.-Ser-geant d. R. Storrer, 9./124, von Ertingen, in hervorragender Weise seine Pflicht und zeigte große Kaltblütigkeit, als der Verbandplatz von englischen Fliegern angegriffen wurde.ׅ“


aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

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