Samstag, 24. März 2018

24. März 1918


„Hénin, früher ein Ort von etwa 500 Einwohnern jetzt ein Trümmerhaufen, aus dem noch einzelne, dürftige Häuserreste hervorragen, liegt eingebettet in das flache Tal des Cojeulbaches, eines Nebenflüßchens des Senséebaches. Der Cojeulbach wendet sich kurz vor der Ortschaft aus west-östlicher Richtung nach Norden, teilt die Ortschaft in zwei ähnlich große Hälften. In der Mitte des Dorfes führt über ihn eine für Kolonnen fahrbare Brücke. Südlich dieser Brücke ist der Bach 5 – 6, nördlich 4 – 5 Meter breit und 1½ Meter tief. Außer der Brücke sind einige Baumstämme und schmale Bretter-stege über den Bach gelegt in Abständen von 30– 50 Meter. Die Ortschaft steigt auf beiden Seiten des muldenförmigen Tales an den sanften Abhängen empor, am westli-chen etwas höher. Von beiden Seiten aus ist sie ganz eingesehen. Vom Südosten führen zwei Hohlwege, der nördliche von Croisilles, der südliche von St. Leger ins Dorf. Bei ihrem Eintritt ins Dorf treten sie aus den Böschungen heraus, etwa 80 Meter hinter dem Dorfrand vereinigen sie sich zur Hauptstraße, die quer durchs Dorf über die oben genannte Brücke führt und auf der nordwestlichen Seite wieder als Hohlweg die Anhöhe hinaufsteigt.
Die Bereitstellung der Bataillone I. und III. ging ruhig und sicher vor sich, kaum belästigt durch vereinzeltes Maschinengewehrfeuer von der linken Flanke. Dagegen wurde die Bereitstellung des II. Batl. durch Flieger- und Erdbeobachtung erkannt. Das Bataillon kam nicht zur Beteiligung am Angriff des Tages, aber leichter war seine Rolle darum nicht. In den Hohlweg eingeklemmt war es den Bomben und dem feindlichen Artilleriefeuer ausgesetzt, das sich bis 11 Uhr vormittags mehr und mehr steigerte und den ganzen Tag über in gleicher Stärke anhielt, gegen Abend, kurz nachdem das Bataillon sich 400 Meter östlich vom Hohlweg aufgebaut hatte, zu trommelfeuerartigem Feuerüberfall auf den Hohlweg und das Gelände östlich davon anschwoll. Der Tag brachte einzelnen Kompagnien des Bataillons mehr Verluste als denen der angreifenden Bataillone. Der Bataillonsführer, Major Keerl, wurde durch mehrere Granatsplitter an der Ferse verwundet, der Kompagnieführer der 5. Komp., Leutnant d. R. Häußler, an der Hand.
Um 7.30 Uhr vormittags war die Bereitstellung der zwei anderen Bataillone durchge-führt. Beim III. Bataillon fand alles gute Deckung gegen Sicht hinter Mauerresten, Gebüschen und in Granatlöchern. Das I. Batl. war in seinem Hohlweg weniger günstig dran, fand aber immerhin dort einige englische Baracken, die mit ihren Resten engli-schen Überflusses die Stärkung für die kommenden Anstrengungen geben. Die Beo-bachtung läßt sich nicht unterdrücken, und hat uns immer wieder zu denken gegeben, daß, wenn das englische Volk in der Heimat durch unsern U-Bootkrieg Mangel leidet, es dies sein Feldheer kaum fühlen läßt. Die Ausrüstung des Tommy mit vorzüglichen Stoffen, hohen Gummistiefeln, westenartigen über dem Waffenrock getragenen, ärmel-losen Lederjuppen, und die Verproviantierung mit Fleischkonserven, Tee, Zigaretten, Schokolade ist immer noch vorzüglich. Auch an Grabenbaumaterial scheint es weniger als bei uns zu fehlen, abgesehen vom Holz. Freilich der englische Unterstand ist weit nicht so fest und sicher gebaut wie der unsrige. Sollte unser Artilleriefeuer das weniger nötig machen? Auch ist er nicht so heimelig ausgestattet wie der deutsche. Dafür, wie für die pietätvolle Ehrung seiner Toten, hat der einseitig praktische Engländer entschie-den weniger Sinn als der gemütvolle Deutsche. Wo wir aber in mühseliger Arbeit mit Faschinenreisig unsere Grabenwände einflechten, wird dem englischen Soldaten zu diesem Zweck festes engmaschiges Drahtnetz fix und fertig geliefert. Nach den Vorräten an Munition, die wir in englischen Gräben vorfanden, scheint auch daran wenig Mangel zu sein. Überall ist noch aus dem Vollen geschöpft. Der Gedanke, daß der brave deut-sche Soldat unter so viel schwereren Bedingungen schafft, ist schmerzlich.
Um so kampffreudiger war jetzt die Stimmung. Endlich an den Gegner! „Was meinst, Christian, des Kriegle gwenne mer?“ ruft der Kompagnieführer der 3., Leutnant d. R. Kupferschmid, seinem Burschen zu. Eine Stunde nachher war er tot. Eine Kugel von der linken Flanke trifft noch im Hohlweg einen Mann seiner Kompagnie in den Kopf, daß er lautlos umsinkt. Darob bestürzte Gesichter. „Hänget keine so Gsichter ronder! 's ist im Krieg no emmer so gwesa, daß gschossa hat!“ So wenig ernst vor einem über Tod und Leben entscheidenden Sturm? Nein, der Ernst versteht sich von selbst, aber vorbild-licher tiefer Humor, der die eigene und fremde Stimmung meistert.
Von der Stellung des III. Batl. aus überblickt man die ganze Ortschaft und das Angriffs-gelände. Freilich zeigt ein Blick durchs Fernglas auf die gegenüberliegende Höhe, daß dort eine ausgebaute, durch bedeutendes hohes Drahthindernis geschützte feindliche Stellung auf uns wartet. Aber nur ruhig! Unsere Artillerie wird schon die Bresche schießen! In das Dorf hinein werden Patrouillen geschickt zur Feststellung der eigenen vorderen Linie. Die 234. Inf.-Division sollte noch vor uns sein. Merkwürdig, daß man von ihr auf dem Marsch zur Bereitstellung gar nichts entdeckt hatte! Die Patrouillen vertreiben einige Engländer aus der Ortschaft und kehren mit der Meldung zurück, daß eine eigene vordere Linie überhaupt nicht vorhanden sei – erste Enttäuschung! – und daß der Feind jenseits des Orts seine Gräben aufgefüllt habe und in gut ausgebauter Stellung, die das ganze Tal und den Übergang über den Cojeulbach beherrsche, bereit-stehe.
Um 10 Uhr soll nach Brigadebefehl das Wirkungsschießen der Artillerie einsetzen. Es wird 10 Uhr, nichts rührt sich. Man wartet und wartet. Die Leute werden unruhig. Wieviel von einer wirkungsvollen Artillerievorbereitung für das Gelingen des Sturmes abhängt, kann der gemeine Mann gut beurteilen. Die mehrmalige Meldung der Batail-lone an das Regiment und die Weitermeldung von dort nach oben, daß ohne reichliche artilleristische Vorbereitung der Sturm unmöglich sei, bleibt erfolglos. Woran liegt’s? Die Meinung, der Gegner sei infolge des deutschen Vordringens weiter links im Abbau, war nach den Meldungen von der stark besetzten englischen Stellung gegenstandslos. Gegen ¾11 Uhr platzen einige Schrapnells mit hochgelegenem Sprengpunkt über dem englischen Graben, einige Granaten leichten Kalibers fahren weit vor den englischen Gräben in die Wiesen. Sie rühren nicht an das englische Hindernis. Das Maschinenge-wehrfeuer, besonders von der linken Flanke, wird immer lästiger. Wird gestürmt? Wird nicht gestürmt? Es wird gestürmt! Punkt 11 Uhr ruft’s am ganzen Ortsrand: „1. Welle raus!“, einige Sekunden nachher: „2. Welle raus!“ Und nun spielt sich ein Vorgang ab, an den das Regiment ewig mit Stolz und Schmerz denken wird. Mancher Kompagnie-führer mag sich der stillen Sorge nicht ganz haben erwehren können: Wie werden sich meine Stellungskrieger nach dreijährigem Stellungskrieg dieser ungewohnten Aufgabe gegenüber benehmen? Sie war unnötig. Wie ein Mann erheben sich die Wellen, stürzen  vor, die jungen Zugführer rücksichtslos und schneidig voraus, die Kompagnieführer mit ihrem Stab anfänglich bei der 3. Welle, allmählich sich an die Spitze ihrer Kompagnie vorarbeitend, die Bataillonsführer, Hauptmann von Raben (III. Batl.) und Hauptmann Schneider (I. Batl.) in ungestümem vorwärtsreißendem Drang inmitten ihrer Bataillone. Kaum hat der Gegner die Bewegung erkannt, so knattert’s, knallt’s, pfeift’s, saust’s von allen Seiten. Ein Höllenlärm! „Wieviel Dutzende von Maschinengewehren haben denn die da drüben?“ Dazu schießen die eigenen Maschinengewehre, die sich auf der Anhöhe im Rücken aufgebaut hatten, überhöhend hart über die Köpfe weg. „Alles eigene Maschinengewehre!“ ruft der Kompagnieführer der 12. Komp., kann aber nicht mehr überzeugen, wie die ersten stürzen. Es gelingt unseren vorzüglich schießenden Maschi-nengewehren, dieses oder jenes feindliche Maschinengewehr niederzuhalten. Aber der Feind ist zu überlegen an Zahl. Die Ortschaft ist in Staub gehüllt. Geschosse und Steine fliegen um die Köpfe und schlagen prasselnd auf Straße und Mauerreste. Jetzt setzt auch das feindliche Sperrfeuer ein. Gottlob liegt es mit seiner Hauptwirkung auf dem östli-chen Teil des Dorfes, ist also von den Stürmenden schon unterlaufen. Von Granatloch zu Busch, von Busch zu Mauerrest huscht Mann für Mann vor. In notdürftiger Deckung schnauft er einige Sekunden auf. Dann ein Ruck des Willens, und er stürzt wieder vor, fällt. Der nächste ihm auf demselben Weg nach, fällt, aber keiner bleibt zurück. Hier bricht einer lautlos zusammen, dort stürzt einer mit grellem Aufschrei hintenüber, den Vorbeieilenden trifft der flehentliche Blick eines Schwerverwundeten Sterbenden. Ein kleiner junger Unteroffizier der 11. – in Flandern hat er sich erst ein paar Gefangene und dafür das E. K. I geholt, zur Division war er auf sicheren Posten kommandiert gewesen, hielt das Stubenhocken nicht aus, wollte zurück zur Kompagnie, – der ruft: „Nur alle mir nach! Wir werden die Kerle schon kriegen!“ läuft einige Schritte, fällt. Die Wellen haben sich zu einzelnen Gruppen aufgelöst, die sich beherzten Führern und Draufgän-gern anschließen. Es fällt manch kühnes, aufmunterndes Wort, manche Heldentat wird vollbracht. Aber wer nennt all die Namen? Schnell arbeitet man sich durch das Dorf zum Cojeulgrund hinunter. Dort muß auf Baumstämmen und schwankendem schmalem Steg über den ziemlich breiten Bach balanciert werden. Nur einer ist, glaub ich, hinein-gefallen. Es war doch nützlich, daß man auch diese Kunst auf der Hindernisbahn geübt hat. Aber ein dankbares Ziel für den Gegner ist es, wie Mann für Mann über den Bach muß. Furchtbar haust das feindliche Feuer unter denen, die im Gefechtsdrang der War-nung ihres Kompagnieführers vergessend, den Übergang über die große Brücke erzwin-gen wollten. Ein Haufen Toter liegt nachher an der Stelle.
Das III. Bataillon erreicht durch den ansteigenden teil des Dorfes den Nordwestrand. Die 12. Komp. mit dem Kompagnieführer an der spitze macht in ihrem Vorwärtsdrang dort nicht Halt, sondern stürmt auf die etwa 100 Meter vor dem Dorf dem Dorfrand entlang führende englische Stellung los, gelangt bis ans Hindernis. Dort ist freilich jedes Vorwärtskommen ausgeschlossen. Kein Gang, nicht die geringste Lücke erkennbar in dem 10 Meter tiefen, 2 Meter hohen Hindernis! Also einzeln zurückkriechen! In den vor dem Ortsrand liegenden Weidengebüschen und einzelnen kleinen Löchern sucht man und schafft man sich durch vorsichtiges Eingraben Deckung unter stärkstem feindli-chem Maschinengewehrfeuer. Die kühne Bedienungsmannschaft eines leichten Maschi-nengewehrs findet einigen Schutz hinter einer Steinpyramide in der Nähe der feindli-chen Stellung und feuert unentwegt drauf los. Am Rand des Dorfes bleibt man in dauerndem rasenden Maschinengewehrfeuer und immer mehr sich steigernden Artil-leriefeuer liegen.
Das I. Batl. war von seiner Ausgangsstellung (im Hohlweg Hénin – Croisilles hart vor dem Dorf) unmittelbar hinter den letzten Wellen des III. Batl. vorgestoßen, aber mehr in westlicher Richtung. Die 1. Komp. erreichte die Mitte des Dorfes, die 2. Komp. ging links davon vor. Die beiden Kompagnieführer, Oberleutnant Widmer (1.), Leutnant Scheurlen (2.), auch der Kompagnieführer der 1. M. G. K., Leutnant d. R. Sannwald, wurden bald verwundet. Über den Bach kamen die wenigsten Leute der Kompagnie. Mit einer Gruppe war Leutnant Menzinger (2.) und Fähnrich Hertkorn über die gefähr-lichen Bachübergänge und ein im Dorf befindliches starkes Drahthindernis bis in die Nähe des südwestlichen Dorfrandes vorgedrungen, fanden den aber von einem hinter Sandsackbarrikaden gedeckten Maschinengewehr besetzt. In raschem kühnem Handgra-natenkampf wurde die Bedienung vertrieben. Sie zog sich in ein kleines Grabenstück westlich vom Ortsrand zurück. Rasches Nachdrängen war unmöglich, da man von einem Maschinengewehr in der linken Flanke beschossen wurde. Langsam arbeitete man sich also an den Ostrand heran und beobachtete von dort zwei in dem nahen Grabenstück aufgestellte Maschinengewehre mit etwa 50 Engländern. „Ach was! Die holen wir!“ ruft der junge Führer in ungestümer Begeisterung, erhebt sich, und fällt dem Fähnrich tot in die Arme. Frech und frohlockend über den Fall des Führers steigen die Engländer auf den Grabenrand.
Die 5. Komp. war mit ihrem rechten Flügel am südlichen Dorfrand vorbeigestürmt bis an den Bach. Leutnant d. R. Kupferschmid hatte mit seinem Kompagniestab hart am Ostrand einen Übergang gesucht und den Bach überschritten. Außer seinem Burschen, der auf dem Weg dorthin verwundet und von deinem Herrn noch verbunden worden war, ist niemand mehr vom Kompagniestab von dort lebend zurückgekommen. Von vorne, von links und von rechts übers Dorf weg hatten sie rasendes Maschinengewehr-feuer bekommen. Der Führer eines Maschinengewehrzuges, Leutnant d. R. Kietschke, eben erst zum Regiment gekommen, sucht inmitten der Infanteriewellen und 50 Meter vor ihnen eine Stellung für seine Maschinengewehre. Vorbeieilend sieht er, daß eines seiner Maschinengewehre Ladehemmung hat. „Kerls schießt! Ihr blamiert ja die ganze Innung!“ In einem Granatloch, wo er einen Augenblick Deckung sucht, erhält er gleich darauf einen Schuß durch die Schulter.
Der Regimentsstab lag während des Angriffs auf der Höhe östlich Hénin. Am 23. hatte er noch vor Héninel die Hälfte eines Stollens bewohnt, die der Stab vom Inf.-Reg. 458 geräumt hatte, ungern, aber: „O weh“, hatte der Adjudant gemeint, „jetzt kommen die Württemberger, mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Die schmeißen uns einfach raus!“
Der Überblick über das Angriffsgelände, den der am 24. etwa 10 Uhr bezogene Ge-fechtsstand gewährt, war gut – oder wäre vielmehr gut gewesen, wenn man ihn hätte ungestört ausnützen können.
Das Artilleriefeuer, das bald auf die Gegend einsetzte, besonders nachdem der in der Nähe aufgestellte Blinker nach vorne Zeichen gegeben hatte, zwang zum mehrmaligen Stellungswechsel. Das Maschinengewehrfeuer von der gegenüberliegenden Höhe pfiff um die Ohren. Mancher Herr, der sonst das Haupt aufrecht zu tragen gewohnt ist, hat dort die Rekrutenkunst des Kriechens auf dem Bauche wieder gelernt.
Der Sturm hatte nicht länger als eine halbe Stunde gedauert. Jetzt lagen die Kompagnien rings am Ostrand, wie und wo sie ihn erreicht hatten. Jede Bewegung war unmöglich, denn rasend pfiffen die Maschinengewehrgeschosse hart über Löcher und Steine weg, hinter denen man lag. Das Eingraben konnte nur mit äußerster Vorsicht und unter großen Schwierigkeiten vor sich gehen. Wo der Gegner das geringste Ziel erkannte, überschüttete er es mit Feuer, dazu nahm das Artilleriefeuer auf das Dorf im Lauf des Tages immer mehr zu mit mittleren und schweren Kalibern. Die Lage erinnerte an den übelsten Tag in Flandern. Und das war nur der erste Tag der großen Offensive für das Regiment! Der Eindruck unverschuldeten Mißerfolgs verbunden mit schmerzlichen Verlusten legte sich lähmend aufs Gemüt. Mit unvergleichlicher Tapferkeit und wahrem Todesmut waren Offiziere und Mannschaften vorgegangen. Wir hatten später Gelegen-heit, uns von einem andern Regiment erzählen zu lassen, daß es einen ähnlichen Auftrag bekommen hatte. „Wir konnten doch nicht vor,“ meinten die, „es waren ja noch Maschi-nengewehre da.“ Die Ehre des Regiments ist nicht verloren, aber viel edle Begeisterung und frischer Mut. Quälende Fragen liegen uns auf der Seele. Wo steckte die Artillerie? „Sie haben keine Munition zur Hand gehabt.“ Unsere Divisionsartillerie beim ersten Sturm keine Munition? Eine halbe Stunde nach dem Sturm lag unser Artilleriefeuer vorzüglich im englischen Graben. Warum hat man die alte Lehre, die wir dem Feinde in Flandern und an der Somme zu seinem Schaden oft genug gegeben hatten, vergessen? Wie oft haben wir ihn dort von unserer zusammengetrommelten Stellung mit den wenigen geretteten Maschinengewehren mit blutigen Köpfen heimgeschickt! Und nun rennen wir gegen eine wohlausgebaute, völlig unberührte, mit Maschinengewehren gespickte Stellung an! Im Augenblick des Angriffs weist der Soldat solche Fragen von sich. Es gibt kein Warum und Wozu. Aber nachher, wenn das gekommen ist, was kom-men mußte, wenn er die toten Kameraden im Granatloch einbettet, die Verwundeten wegträgt, wenn die Kompagnien sammeln und es fehlen so viele, so viele! Doch still davon! Der Sturm wird bald wiederholt! Unter günstigeren Bedingungen! Den Namen Hénin wird das Regiment nie vergessen. Anscheinend beruhte der Angriffsbefehl auf einer falschen Voraussetzung. Der Gegner war nicht auf dem Rückzug, wie man an-nahm. Die Beobachtung war wohl gemacht worden vor dem Sturm, aber die in vorder-ster Linie gemachte Feststellung über den Ausbau und die Besetzung der feindlichen Stellung konnte nicht mehr bis zur Artillerieleitung durchdringen. Außerdem waren nicht alle Regimenter der Brigade bei Tagesanbruch mit der Bereitstellung fertig. Die vom Gegner beobachtete Bereitstellung eines Regimentes gab ihm die Möglichkeit wirksamer Gegenmaßnahmen.
Bei Einbruch der Dunkelheit werden die Verbände geordnet und für die Abwehr nach der Tiefe gegliedert. Im III. Bataillon übernimmt die 9. Komp. die von der 11. und 12. Komp. erreichte Ortsrandstellung, die 12. wird an den Ostrand Hénin, die 10. und 11., Minenwerferzug und Maschinengewehrzug mit dem Bataillonsstab in eine Batterie-stellung östlich Hénin zurückgezogen. Beim Rückmarsch durch Hénin mußten die Gas-masken aufgesetzt werden. Der Gegner schoß einiges Gas. Doch das können wir besser! Wenigstens das Gas mit dem bekannten süßlichen Geruch, das wir schon lange kennen, führt wohl zum Weinen, aber nicht zum Sterben. Leider konnten die Verwundeten trotz aller Bemühungen der Kompagnieführer, des Bataillons und des Regiments erst am Abend des folgenden Tages vollends zurückgebracht werden.ׅ“

aus: „Das Württ. Infanterie-Regiment Nr. 180 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921


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