Montag, 5. März 2018

5. März 1918


„Man unterschied in der Ukraine – und nur um diese, nicht um Großrußland handelt es ich hier – Heeresbolschewiki und Bauernbolschewiki. Erstere waren große Verbände, welche sich als eine Art von Truppen in Scharen bis zu 20 000 und mehr zusammen-taten und tatsächlich aber oft auch nur angeblich für die Idee des Kommunismus kämpften. Sie bestanden aus entlassenen und entlaufenen Soldaten und Matrosen, aus arbeitsscheuem Gesindel, darunter viele Jugendliche, und aus einer Anzahl begeisterter Idealisten. Die letzteren wurden aber im Lauf der Zeit immer weniger, denn die bolschewikische Umgebung mit ihrem „Menschlichen, Allzumenschlichen“ wirkte auf die meisten von ihnen sehr ernüchternd. Die Heeresbolschewiki lebten davon, Staats- und andere Kassen und reiche Leute auszurauben. Damit waren sie bei ihrer großen Zahl rasch zu Ende gekommen, raubten und plünderten nun überall, wo es noch etwas gab, auch bei Kleinbauern und wenig vermögenden Leuten. Das alles geschah aber nicht nur für des Lebens Nahrung und Notdurft; denn wir fanden nach Gefechten Bolsche-wikileichen mit bis zu 200 000 Rubel in den Taschen.
Die Bauernbolschewiki lebten zum Unterschied von Heeresbolschewiki im Land zer-streut, in kleinen Räuberbanden, oder auch nur aus Cliquen in ihrem Dorf, das sie terrorisierten und brandschatzten. Sie rekrutierten sich aus denselben Menschenklassen, wie die Heeresbolschewiki, nur die Idealisten waren von Anfang an sehr dünn unter ihnen gesät.
Im weiten Umkreis von Kazatin gab es keine Heeresbolschewiki mehr, aber Bauern-bolschewiki die Menge.

Die Ortschaften als Ganzes – wenige bolschewistisch gestimmte Höfe ausgenommen – widersetzten sich zwar nicht, zeigten aber zunächst auch kein besonderes Entgegen-kommen. Vielleicht war es ein Fehler von Seiten des Oberst Fromm, daß er anfangs Meldungen und Hilferufe ukrainischer Offiziere zu hoch bewertete; meist waren diese Herren Verwandte der umliegenden Gutsbesitzer und arbeiteten recht einseitig in deren Interesse. Der Oberst kam auf Grund der Berichte der Bataillone dahinter und legte von da an mehr Gewicht auf die Bitten aus Bauernkreisen. Auch verbreitete sich überall rasch das Gerücht, daß wir tatsächlich rücksichtsvoll verfuhren und alles abgelieferte Vieh und dergleichen bar bezahlten, beides in Rußland an ein Märchen grenzende Dinge.
Da änderte sich die Sache. Die Ortschaften atmeten auf, daß sie von ihren Tyrannen und Blutsaugern befreit wurden; sie brachten uns oft auch mehr Leute, als auf den Listen standen, und baten, diese auch mitzunehmen. Unseren Mannschaften schenkten die dankbaren Bauern Weißbrot, Kuchen, Käse, Honig und andere gute Dinge.
Erschossen wurde von uns, wer mit der Waffe Widerstand leistete. Alles andere übergaben wir dem ukrainischen Gericht in Kazatin, das nach kurzem Prozeß mit der Todesstrafe sehr freigiebig war.
Unsere Soldaten gingen mit Lust und Liebe an diese Unternehmungen. Sie haßten die Bolschewiki, deren Greuel sie vor Augen sahen. Sie waren nicht angestrengt, da man ja fast den ganzen Weg – hin und her – fuhr und sie freuten sich über den Dank und die Geschenke der Bauern.

Verluste hatten wir bei all dem nur ganz wenig Verwundete. Dagegen wurde in Kazatin selbst ein Mann des Regiments erschossen. Eine Patrouille – solche gingen bei Tag und Nacht – erhielt in der Dunkelheit Feuer aus einem Haus. Sie erzwang sich den Eingang, war aber zu schwach gewesen, das Haus gleichzeitig zu umstellen. Während des Türeinschlagens wurde einer unserer Leute erschossen; im Haus fand man nur noch Kinder und eine hilflose, alte Frau. Alles andere war hinten hinaus durch ein Fenster entflohen.“           
                                                                                                      
   aus: „Das Württemberg. Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 126 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 490

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