Sonntag, 18. Januar 2015

18. Januar 1915


„Mitte Januar 1915 erachtete der Regimentskommandeur Ausbau der Stellung und Geist im Regiment für genügend gereift zu einer energischen Unternehmung; sie sollte als nächtliche Überraschung durchgeführt werden. In lautloser Stille wurden in der Nacht vom 17. auf 18. Januar 4 Kompagnien dem Granathof gegenüber bereitgestellt, Pioniere mit Sprengmaterial dahinter. Kein Geschütz unterbrach mit seinem Donner das nächtliche Schweigen. In den deutschen Gräben waren Auftritte, Leitersprossen und Gestelle angebracht, um  ohne Geräusch auf und über die Brustwehr kommen zu können.

Punkt 1.10 Uhr vrm. traten die deutschen Schützen an, sie gelangten ohne einen Schuß bis wenige Meter vor die französische Stellung. Erst als das schlechte und schmale französische Drahthindernis teils beseitigt, teils überstiegen wurde, krachten die ersten feindlichen Schüsse. Aber im nächsten Augenblick waren 2 schwäbische Kompagnien im französischen Schützengraben. Die 2 andern Kompagnien waren als Reserve rückwärts belassen worden.

Der feindliche Graben umgab Granat- und Friedhof und war von 2 Kompagnien besetzt. Ehe diese den Schlaf sich völlig aus den Augen rieben, war der größte Teil mit Kolben und Bajonett niedergemacht und über 100 Mann mit 3 Offizieren gefangen genommen. Entkommen dürften nur wenige sein.

Weiter ging der deutsche Sturm, hinein in den Granathof, während gleichzeitig ein Leuchtraketenzeichen die Artillerie aufforderte, aus allen Rohren loszudonnern, nicht auf den viel umstrittenen Hof, sondern hinter denselben. Die Verbindung von Granat- und Friedhof nach rückwärts sollte von deutschen Granaten abgesperrt werden, ein damals noch recht neues Verfahren. Es gelang vollständig, die Franzosen wußten nicht, ob Freund oder Feind in Hof und Begräbnisplatz saß, keinen Schuß gab ihre Artillerie dahin ab und keine feindliche Reserve durchschritt die Feuersperre.

In den Kellern des Granathofs lagen die gefürchteten Scharfschützen. Sie waren befreit von jedem nächtlichen Sicherungsdienst, wurden überhaupt geschont in jeder Art. Der gewöhnliche Kommißbetrieb war Sache der 2 überrumpelten Kompagnien gewesen. Aber als brave, tapfere Soldaten wollten die Scharfschützen nichts von Übergabe wissen, ein rasendes Schnellfeuer zu Kellerfenster und -türe hinen mußte einsetzen und sie niedermähen. Ehre sei diesen Helden!

Jetzt konnte die Tätigkeit der Pioniere beginnen. Sie schafften Sprengstoff und Sandsäcke zum Verdämmen in die Keller. Nach zweistündiger, eiligster Arbeit im Schweiß ihres Angesichts meldeten sie: „Sprengfertig“. Ein langgezogener Pfiff aus der Torpedopfeife rief alle Deutschen schleunigst zurück in den eigenen Schützengraben, 5 Minuten später – ein Druck auf die elektrische Leitung und mit Donnergetöse flogen die Kellergewölbe in die Luft. Freilich nicht alle, bei einigen scheint die Sprengung versagt zu haben. Sie boten schwachen feindlichen Truppen immer wieder Schutz. Aber von großer Bedeutung waren diese deckenden Reste nicht, und unsere schwerste Sorge, die Eingänge der feindlichen Minenstollen in den Granathofkellern, war zerstört, die Minengefahr für uns auf geraume Zeit beseitigt. Der Vorsprung, den das deutsche Minensystem hiemit über das französische bekommen hatte, ließ sich vom Gegner überhaupt jetzt kaum mehr einholen.

Die eigenen Verluste an Toten und Verwundeten betrugen 3 Offiziere und 31 Mann.

Wie nicht anders zu erwarten erfolgte im Lauf des 18. Januar ein französische Racheschießen; sie sandten einen achtstündigen Eisenhagel auf La Boisselle. Eine Granate durchschlug den Geschäftszimmerunterstand des Regiments. An dem Platz, an welchem der Regimentskommandeur zu arbeiten pflegte, saß zufällig der Ordonnanzoffizier Leutnant d. R. der Feldartillerie Haußer aus Ludwigsburg, Bühlers Nachfolger. Beide Beine wurden ihm abgeschlagen, nach einigen Stunden starb dieser brave und tüchtige Mann.“

aus: „Das württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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