Dienstag, 27. Januar 2015

27. Januar 1915


„Die Eroberung des Hartmannsweilerkopfes am 20. und 21. Januar wirkte sich auf die Regimentsfront am 27. Januar insofern aus, als die Franzosen versuchten, das Glück noch einmal zu wenden und die Kanalstellung bei Ammerzweiler im Raume von Altkirch aufzureißen. Alle diese Kämpfe sind als Ausläufer des großen Joffreschen Angriffs und der deutschen Gegenkämpfe zu betrachten, die mit Ende des Januar die französische Angriffsbewegung scheitern ließen.

Man hatte hier unten den Franzosen auf den 27. Januar, Kaisers Geburtstag, nichts Gutes zugetraut. Der Fernsprecher meldete schon in der Frühe in die Gräben von einem bevorstehenden Angriff bei Ammerzweiler. Aus dieser Gegend hört man auch bald Kanonendonner und Infanteriefeuer.

Aber man sollte im Regimentsabschnitt nicht unbeteiligter Zuschauer bleiben.  Kurz nach 10 Uhr vormittags setzt bei kaltem, unsichtigem Wetter feindliche Artillerie von Largitzen her auf die Stellungen der 2. und 3. Kompagnie ein. Bald griff das Artilleriefeuer auf die Stellungen des II. Bataillons am Landfürstenweiher über und steigerte sich gegen 1 Uhr äußerst heftig, um dann allmählich abzuflauen.

Ähnlich war es dem III. Bataillon um Carspach ergangen: Hier werden die Schützengräben von starkem Artillerie- und Infanteriefeuer überschüttet. Es scheint, als ob die Franzosen hier zum Angriff schreiten wollen. Ihre Schützenlinien traten aus dem Walde heraus, drehten aber alsbald um, als unser Feuer ihnen entgegenschlägt.

Waren diese Unternehmungen wohl bloß als Ablenkung gedacht, so erfolgte der Hauptangriff in dichtem Nebel um 11 Uhr im Raum von Ammerzweiler bis zum Rhein-Rhône-Kanal. Hier stand auf dem rechten Flügel des IV. Bataillons am Kanal bei Heidweiler die 3. Kompagnie des Landsturmbataillons Freiburg II. Ihre Feldwache 1 am Übergang der Aspacher Straße über den Kanal mußte sich vor überlegenen Kräften zurückziehen. Es gelang dem Führer dieser Kompagnie, Hauptmann Leers, nicht, mit allen seinen Leuten die verlorene Stellung wieder zu nehmen; er selbst wurde mit 2 seiner Zugführer dabei schwer verwundet.

Dagegen gelang es der Feldwache 2 der 15. Kompagnie unter Vizefeldwebel Breuninger, die auf dem rechten Flügel des Bataillons stand, einen weiteren überlegenen Angriff der Franzosen aus dem Schönholz und Lerchenholz durch wohlgezieltes Feuer aufzuhalten. Sie hielt wacker aus, obwohl sie sich kurz vor 12 Uhr verschossen hatte. Gleich darauf setzte der Gegner zum Sturme an; in diesem Augenblick kam durch Leutnant Schneider (4. Kompagnie), der die Feldwache 3 innehatte, Munitionsersatz. Der feindliche Sturm brach nun unter dem vollwirkenden Feuer der Feldwache zusammen und die Franzosen fluteten in den Wald zurück. Sie hatten mindestens 25–30 Tote und eine entsprechende größere Zahl Verwundeter liegen lassen müssen. Dem Gegner genügte diese Abfuhr. Denn er erschien an dieser Stelle nicht mehr (Skizze 8).

Inzwischen hatte die Reservekompagnie des III. L. 119 vom Regiment den Befehl erhalten, die vom Landsturm geräumte Stellung bei Heidweiler wieder zu nehmen. 2 Züge der 11. Kompagnie unter Hauptmann Rechkemmer gingen dorthin ab, 1 Zug der 16. Kompagnie und 1 Zug der Landsturmkompagnie stießen zu ihnen zur Verstärkung. Die Franzosen hatten sich inzwischen im eroberten deutschen Graben festgesetzt und hatten einen weiteren Graben ausgehoben. Im Wäldchen selbst hatten sie bis an den vordersten Rand Drahtverhaue angebracht. Diese Arbeiten glaubten sie durch 4 Maschinengewehre genügend gesichert. Dies war die Lage, wie sie Hauptmann Rechkemmer, der seiner Kompagnie im Auto vorausgefahren war, antraf. Um 5 Uhr nachmittags waren die einzelnen Züge eingetroffen und gefechtsbereit. Die Züge der Landsturmkompagnie und der 16. Kompagnie gingen im Reihenmarsch durch die engen Gassen des Drahtverhaus am Ortsausgang von Heidweiler und entwickelten sich in breiten Schützenlinien gegen das dem Schönholz östlich der Straße Niederspechbach–Aspach vorgelegenen Wäldchen, in dem die Franzosen saßen. Der rechte Flügelzug unter Vizefeldwebel Flaig, bei dem sich der Kompagnieführer befand, lehnte sich mit seinem rechten Flügel an den Kanal an, der linke Flügelzug unter Leutnant Lumpp sollte in den Raum von der Waldspitze bis zur Straße, die von Heidweiler zum Lerchenholz führte, vorgehen. Zug Flaig kam rasch vorwärts, der Nordostrand des Waldes war vom Gegner frei. Im Wald stieß man aber sofort auf Drahtverhaue, hinter denen die vorgeschobenen Posten der Franzosen auf 50 Meter Entfernung das Feuer aufnahmen. Maschinengewehr- und Infanteriefeuer schlug hier den Vordrängenden entgegen. Während ein Teil das Feuer aufnahm, gelang es einem anderen Teil rasch das Gewirr der Drähte zu übersteigen. Im Sturm ging es über das Maschinengewehr her, die Vorposten werden auf den Schützengraben dahinter zurückgeworfen. Den rasch nachdrängenden Deutschen konnten die Franzosen auch hier nicht standhalten und die ungefähr 40 Mann starke feindliche Grabenbesatzung verließ fluchtartig ihre Stellung. Kräftig schlug das Verfolgungsfeuer des rechten Flügels Flaig in ihre Reihen, während sein linker Flügel unter Hauptmann Rechkemmer 2 weitere Maschinengewehre im Sturme nahm und die Franzosen im Bajonettkampf aus ihren Gräben hinauswarf. Man richtete sich sofort in diesem Teil des früheren eigenen Grabens ein und es gelang, ihn gegen die feindlichen Angriffe, die sofort wieder einsetzten, zu halten.

Leutnant Lumpp hatte sich indessen mit seinem Zug rasch gegen die Waldspitze entwickelt und sie im Nu erreicht. Da schlägt ihm von vorn heftiges Infanterie- und Maschinengewehrfeuer entgegen. Das kommt aus dem weiter dahinter liegenden Waldrand, der sich nach links hinüberzieht. Will man den neuen Gegner packen, so muß man über das freie Feld weg, das hier der gegnerischen Stellung vorgelagert ist. So entschließt sich der Führer, seinen Zug nach rechts in den Wald hereinzuziehen, um in ihm gedeckt gegen die feindlichen Gräben weiter vorzukommen. So lassen sich unnötige Verluste vermeiden. In dem schwer übersichtlichen Gehölz war rasch die Verbindung mit dem Kompagnieführer hergestellt. Es gelang, den Zug ohne Verluste in den Wald hereinzubringen, ihn auf die Höhe des Zuges Flaig vorzuführen und zu dessen Verlängerung nach links vorzutreiben. Rasch wird der Graben von der Seite her aufgerollt und besetzt. Da bemerkt ein Mann der 11. Kompagnie einen feinen Lichtschimmer, der aus einem Unterstand kommt, den man im ersten Anlauf übersehen hatte. Rasch beordert Leutnant Lumpp 5 Mann mit aufgepflanztem Bajonett an die Ausgänge. Er selbst sprang mit einem mächtigen Satz in den Unterstand hinein unter die verdutzten Franzosen, denen er den Revolver unter die Nase hält. Sie ergeben sich schnell. Bei der Durchsuchung des Unterstandes wurde noch 1 Maschinengewehr gefunden, das vorher dem Zug bei seinem Vordringen Halt geboten hatte. Die Gefangenen, ein Unteroffizier und 12 Mann, wozu weitere sich totstellende, aber völlig unverwundete Franzosen hinzu kamen, wurden sofort nach rückwärts gebracht, ebenso die vor und hinter dem Graben liegenden Verwundeten.

Der Graben wurde umgehend neu instandgesetzt und neue Drahthindernisse angelegt. Zum Schutze dieser Arbeit waren Sicherungen bis an die Aspacher Straße vorgetrieben worden, die alsbald mit den erneut vorfühlenden Franzosen in ein längeres Feuergefecht gerieten. Um 1 Uhr nachts wurde die 11. Kompagnie aus den von ihnen in glanzvollem Schwung genommenen und gehaltenen Gräben herausgezogen, die nun die 15. Kompagnie übernahm. Gegen ½4 Uhr morgens trafen die beiden Züge der 11. Kompagnie wieder in ihrer Altkircher Stellung ein. Sie durften stolz sein auf ihre Leistung. Die Franzosen hatten in den wiedergewonnenen Stellungen 33 Tote, 24 Gefangene, 4 Maschinengewehre, 20 Infanteriegewehre, viel Munition und Schanzzeug zurückgelassen. Die Gefangenen gehörten aktiver und Reserveinfanterie an, einige einer Pionierabteilung. Alle waren kräftige, gut gebaute Gestalten. Viele verwundete Franzosen hatten noch flüchten können und vor unsern Stellungen bedeckte eine größere Anzahl Toter das Gefechtsfeld. An eigenen Verlusten hatte die Kompagnie 3 Tote, 4 Schwer- und 9 Leichtverwundete gehabt. An der glanzvollen Durchführung des Unternehmens gebührt auch der eigenen Artillerie mit ein Verdienst, da sie ihr Feuer geschickt vor der vorgehenden eigenen Truppe vorausgeführt hatte.
 
 
Wie bei Heidweiler suchte der Gegner auch im Hirzbacher Wald unsere Verteidigungslinie zu durchbrechen. Gegen 3 Uhr lebte hier das Artilleriefeuer wieder auf. Die 2. Kompagnie beobachtete, daß der Gegner in der Nähe der alten Largitzer Straße sich schanzend vorarbeitete und verschiedene Patrouillen vorzutreiben suchte. Diese wurden, wo sie sich zeigten, unter Feuer genommen. Sie suchten in einer Tannenschonung Schutz und in einer vor der Stellung der 2. Kompagnie gleichlaufenden Mulde. Gegen 4 Uhr verstärkte sich das Artilleriefeuer und griff wie am Morgen auf den Anschnitt des II. Bataillons über, auch schwere Batterien hatte der Gegner in Stellung gebracht. Um ½6 Uhr traten starke feindliche Linien zum Angriff vom Gemeindeweiher bis über die alte Largitzer Straße hinaus an. Den Hauptstoß hatte die 2. Kompagnie aufzufangen, die hier auf dem äußersten Flügel des Regiments stand und die Grenze des Abschnitts decken mußte. Dem Gegner gelang es, im Schutze jener Mulde sich nahe heranzuarbeiten und im Nu stand er vor dem Drahthindernis, das er rasch an einer zirka 50 Meter breiten Stelle aufbrach. Den vereinigten Anstrengungen der 2. und der 1. Kompagnie, die im starken Artilleriefeuer von Hirsingen zu Hilfe geeilt war, gelang es nach erbittertem Kampfe, den Angriff der Franzosen aufzuhalten und dem Gegner schwere Verluste beizubringen. Während des Gefechtes konnten auf gegnerischer Seite verschiedentlich anfeuernde Rufe der Führer und das Aufschreien der Verwundeten vernommen werden. Die Franzosen wurden in ihre Ausgangsstellung zurückgeworfen. Die 3. Kompagnie konnte mit gutsitzendem Flankenfeuer den beiden eigenen Kompagnien wesentlich Entlastung bringen.

Nach 8 Uhr abends stießen die Franzosen erneut in der Stärke von etwa 6 Kompagnien vor, die dem Regiment 372 angehörten. Umsonst! Ihr Angriff brach in dem zusammengefaßten Feuer des I. Bataillons zusammen. Der Gegner ging fluchtartig in seine Stellungen zurück. Etwa 100 tote Franzosen bedeckten das Feld vor der Stellung, die Verwundeten nahmen die Franzosen im Schutze der Dunkelheit mit sich. Dem gegenüber waren die eigenen Verluste äußerst gering: 1 Toter und 6 Verwundete waren das ganze Opfer, das hier gebracht werden mußte. Den Franzosen war die Lust zu weiterem Angriff auch hier vergangen.

Der Erfolg des Tages wirkte außerordentlich belebend auf die in den Dezembertagen so überaus hart mitgenommenen Mannschaften, die von dem seelischen und körperlichen Druck jener harten Wochen trotz der neuen schwierigen Aufgaben, die ihnen hier gestellt waren, sich rasch zu erholen begannen. Man hatte wiederum erleben dürfen, daß schwäbische Kraft und schwäbischer Mut nicht so leicht unterzukriegen sind.
 
 

aus: „Das Württembergische Landwehr-Inf. Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

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