Donnerstag, 29. Januar 2015

29. Januar 1915


„Bois de la Grurie heißt der Teil des Waldes, in dem die 54. Infanterie-Brigade ihre Stellungen hatte. Der 29. Januar war als Tag des Sturmes bestimmt, die ganze 27. Infanterie-Division sollte nach langer Zeit zum erstenmal wieder gleichzeitig zum Angriff vorgehen. Frost und kaltes Wetter herrschte am Morgen des Sturmtages. Ohne Artillerievorbereitung stürzten beim Regiment 7.30 Uhr vormittags zwei Angriffsgruppen, je zwei Kompagnien stark (5., 7., 9. 11.) aus den Schützengräben und Sappenspitzen auf die vorderste feindliche Linie vor. Dieser eine Augenblick mußte entscheiden, ob die Überraschung gelungen war oder nicht. Zum Glück war dies der Fall. Der Gegner war vollkommen überrascht. Er hatte sich durch die verhältnismäßige Ruhe der letzten Zeit einlullen lassen und glaubte sich durch seine Hindernisse hinreichend gegen jede Überraschung gesichert. Die Besatzung des vordersten Grabens war rasch unschädlich gemacht, wer nicht im Nahkampf gefallen war, geriet als Gefangener in die Hände der unmittelbar dahinter folgenden zweiten Welle der Sturmtruppen. Was aber nach rückwärts ausgebrochen war, erlitt schwere Verluste durch das Verfolgungsfeuer.

Sofort drängten nun alle Sturmkolonnen des Regiments dem Gegner nach, um auch die zweite Linie wegzunehmen. Der Angriff erfolgte auch hier ganz unerwartet. Wahrscheinlich hatte die Besatzung das Feuer vorne für eine der gebräuchlichen Schießereien seitens der Posten gehalten. Ein französischer Bataillons-Kommandeur z. B. wurde beim Morgenfrühstück abgefaßt. Der auf den Lärm herausstürzende Bursche wurde niedergemacht, darauf der Kommandeur selbst von dem Unteroffizier Betzler der 9. Kompagnie mit den durch eine einladende Handbewegung begleiteten Worten: „Kommet Sie nur, jetzt geht’s nach Berlin“ in Empfang genommen.

Innerhalb einer einzigen Stunde hatten die in der Mitte beim Regiment vorgehenden Kompagnien diese beiden Stellungen sowie eine dahinterliegende dritte genommen und waren am Angriffsziel, dem Nordhang der Dieussonschlucht angelangt. Dort grub man sich ein. Die rechts und links befindlichen Teile hingen zunächst noch zurück. Eine Zeitlang entstand nun eine schwierige Lage dadurch, daß sowohl das östlich angrenzende Infanterie-Regiment Nr. 120 als das am Waldrand vorgehende Füsilier-Regiment Nr. 38 nicht gleichen Schritt hatten halten können.

Als das Infanterie-Regiment Nr. 120 bei Fortsetzung seines Angriffs nun stark nach vorwärts drückte, kniffen die vor seiner Front befindlichen Franzosen aus und wollten sich zu ihren noch vor der Front des Infanterie-Regiments Nr. 127 vermuteten Kameraden durchschlagen, Nun waren diese aber schon längst in die Gefangenschaft gewandert und das Regiment Nr. 127 weit vorgedrungen. So gerieten sie, ohne es zu ahnen, hinter den Rücken der Stürmenden. Ein Teil der Franzosen lief hinter der ganzen Front des Regiments entlang und wurde vom Füsilier-Regiment Nr. 38 gefangen. Der größte Teil, ungefähr 170 Mann unter der Führung von 2 Offizieren, erkannte plötzlich die Lage und eröffnete das Feuer aus dem Rücken gegen die Sturmkolonnen. In diesem gefährlichen Augenblick zwischen zwei Gegnern rafften Leutnant Weber, Leutnant d. R. Reißer und Wild etwa 60 Mann und einen Maschinengewehrzug zusammen, machten kehrt und warfen sich dem Gegner entgegen. Etwa 50 Franzosen fielen auf nächste Entfernung, worauf sich der Rest ergab, nachdem seine Offiziere verwundet waren.

Kurz nach 10 Uhr vormittags war das Regiment mit allen Teilen vorne angelangt. Die eigene Artillerie beschoß seit 8 Uhr morgens die rückwärtigen Verbindungen des Gegners, um das Herankommen von Unterstützungen zu erschweren. Auch die feindliche Artillerie hatte aber unterdessen zu feuern begonnen und schweres Feuer auf den linken Flügel des Regiments und in dessen Rücken gelegt.

Inzwischen war auch das Regiment Nr. 120 auf gleiche Höhe gekommen. Um 2 Uhr nachmittags wurde das Dieussontal von ihm überschritten, der linke Flügel des Regiments schloß sich dem Vorgehen an. Auch dieser Angriff war von Erfolg gekrönt. Leider hatte der rechte Flügel das Tal nicht überschreiten können, weil das an ihn anschließende Füsilier-Regiment Nr. 38 nicht auf gleiche Höhe beim Angriff gekommen war und der eigene rechte Flügel bei weiterem Vordringen in der Luft gehangen hätte. Dies war sehr bedauerlich. Wäre es dem Regiment unter anderen Umständen gelungen, schon jetzt auf den Südhang der Schlucht zu kommen, so wären ihm, wie wir sehen werden, in der Folge viel Mühe und manches Opfer erspart geblieben.

Wie gewohnt, versuchte der Gegner auch heute mit seinen Reserven bei Tag und Nacht verschiedene durch Artilleriefeuer eingeleitete Gegenangriffe, die aber nicht gelangen. Was unsere zähen Schwaben einmal hatten, das ließen sie nicht so bald mehr los.

Die genommenen feindlichen Stellungen waren sehr gut ausgebaut und lediglich dem überraschenden, ununterbrochenen Draufgehen war es zu danken, daß dieser bedeutende Erfolg errungen wurde. Wie wenig der Feind an einen so weit reichenden Erfolg dachte, bewiesen zahlreiche Munitions-, Patronen- und Handgranatenlager. Auch ein großes Hüttenlager fand man vor. Eine ganze Auswahl von neuen Schnürstiefeln und Wickelgamaschen diente manchem unserer Leute, um sich „neu einzukleiden“. Ein ausgedehnter Friedhof zeigte, daß der Gegner in den letzten Monaten durch das deutsche Feuer bedeutende Verluste gehabt hatte.

Neben einer Menge von Kriegsmaterial fielen 1 Bataillonskommandeur, 7 Offiziere, 1 Arzt, 244 Mannschaften des Infanterie-Regiments Nr. 155 sowie 4 Maschinengewehre, 4 Minenwerfer und 1 Bronzemörser in die Hände des Regiments. Die blutigen Verluste des Gegners überstiegen an dieser Stelle einige Hunderte. Das Regiment selbst hatte den Erfolg des Tages mit 53 Toten (darunter Leutnant d. R. Zeller) und 107 Verwundeten bezahlen müssen.“


aus: „Das neunte württembergische Infanterie-Regiment Nr. 127 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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