Sonntag, 16. August 2015

16. August 1915


„16. August. Abmarsch nach Mjen, woselbst die 1. Eskadron einrückt. Die 3. Eskadron wird dem Detachement Keller zugeteilt. Das Regiment übernimmt dessen Flanken-schutz von Punkt 146 nordöstlich Domanowo aus. Von Punkt 146 nördlich Bransk wird die 4. Eskadron entsandt zur Säuberung des Waldgeländes Poletyli. Sie besetzt den Ostrand. Nach Eintreffen von 2 Bataillonen 125 rückt es nach dem Waldrand westlich Poletyli. Die 3. Eskadron rückt ein, ohne den in Frieden und Krieg in seiner verant-wortlichen Stellung hochbewährten Wachtmeister Ungerer.
Nach den bei der Infanterie eingegangenen Meldungen konnte die Division mit Sicherheit annehmen, daß am heutigen Tage mit einem bewaffneten Widerstand der Russen nicht mehr zu rechnen war. Sobald der Vormarschbefehl beim Regiment eingetroffen war, wurde angetreten. Für die Major Keller zugeteilte 3. Eskadron galt es nun, vom Sammelplatze aus schleunigst den gebotenen Vorsprung zu gewinnen. Im Galopp begaben sich Patrouillen vor der Spitze vornweg, die Schwadron folgte im Trab. Ganz korrekt meldete der Führer der Spitze von Kalnica aus, der Westausgang sei frei. Neben dem Eskadronführer befand sich der Ordonnanzoffizier der Division, Fürst Wittgenstein – dieser um ein Stabsquartier auszusuchen. Vor dem Ausgang links befanden sich einige Häuser mit etwas Abstand von der Straße und dem Dorfe. In dem Zwischenraum fiel beiden auf, daß die Bewohner ganz russisch, mit langem Kopf- und Barthaar, flehend nach uns gerichtet, auf den Knien lagen. Kaum hatten wir sie passiert, wurde uns auch schon klar, weshalb sie glaubten, unsere Rache fürchten zu müssen, denn von der Höhe südlich, etwas westlich des Dorfes, setzte auch schon ein ganz sorgfältig gezieltes Feuer auf die Schwadron ein, so daß mangels jeder Deckung nichts übrig blieb als das Kommando „Zu vieren linksum kehrt, Galopp Marsch“. Wacht-meister Ungerer, bisher Schließender, befand sich nunmehr am Anfang der galoppieren-den Kolonne, hätte somit nach menschlichem Ermessen, wenn der Gegner nicht sehr stark vorhielt, am sichersten sein müssen, und doch wollte es das Schicksal, daß gerade er einen Infanterieschuß in die Halsschlagader erhielt. Nach wenigen hundert Metern, als die Schwadron bereits wieder in Trab gesetzt war, fanden die beiden am Ende reitenden, Fürst Wittgenstein und der Eskadronchef, ihn bereits mit einem der Trompeter links herausgezogen, auf den Hals seine Pferdes gestützt, schwer aus seiner Wunde blutend. Er wurde sofort in den Straßengraben gedeckt niedergelegt. Aber ohne daß ein sofort herbeigeholter Infanterie-Sanitätsunteroffizier ihm helfen konnte, starb er in wenigen Minuten, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, an Verblutung.“


aus: „Bilder aus der Geschichte de Ulanen-Regiments König Wilhelm I (2. Württ.) Nr. 20“, Stuttgart 1934

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