Sonntag, 9. August 2015

9. August 1915


Aus einem Bericht des Leutnants d. R. Walz (Ordonnanzoffizier I./IR 126):
„Eine volle Woche schon liegt schwerstes Artilleriefeuer auf der vom I. Bataillon am 30. Juli im grauenhaften Flammenwerferangriff genommenen Trichterstellung bei Hooge, als das schwergeprüfte I. Bataillon am Abend des 7. August erneut in Stellung geht. Man weiß nicht so recht, was der Engländer eigentlich will: will er mit seiner Artillerie nur den Ausbau unserer neugewonnenen Stellung verhindern oder bereitet er einen Angriff zur Wiedererlangung der für ihn äußerst wichtigen Trichterstellung vor? Das sind unsere Gedanken im Gefechtsstand des I. Bataillons in der Nacht vom 8. zum 9. August. Wird der erste Jahrestag der Feuertaufe des 8. Regiments wiederum ein Gedenktag besonderer Art werden? Als das um 3.15 Uhr früh erneut scharf einsetzende Artilleriefeuer zum Trommelfeuer sich steigert und um 4 Uhr Maschinengewehr- und Infanteriefeuer zu hören ist und rote Leuchtkugeln aufsteigen, ist die Ungewißheit von uns gewichen.
Jede Verständigung durch Telephon ist ausgeschlossen, denn während die braven Fernsprecher an einer Stelle flicken, wird der Draht an unzähligen anderen Stellen wieder zerschossen. Nur unter Aufwendung größter Energie ist es möglich, durch Patrouillenoffiziere und Meldegänger die Lage zu klären. Wie diese beim Eintreffen des Regimentskommandeurs auf dem Abschnittskommandeursgefechtsstand war, ist an anderer Stelle dargetan. Als der Regimentskommandeur zur persönlichen Leitung des Gegenangriffs in Begleitung der Ordonnanzoffiziere des Regiments und des I. Bataillons vorne eintrifft, bietet sich ein trostloses Bild. Die vordere Linie ist vollkommen eingeebnet, die den Trichter nach Osten und Nordosten umschließende Deimlingstellung unhaltbar und die Minenwerfer am Bellewaardeteich, die den Gegenangriff in erster Linie vorzubereiten haben, sind ohne Munition. Persönlich führt der Regimentskommandeur seine führerlos gewordene 8. Kompagnie im schwersten Feuer zur Deimlingstellung vor, die als Ausfallstellung für den Gegenangriff gedacht ist. Mann für Mann läßt er am Eingang zum Deimlingsgraben an sich vorbeiziehen, hier mit Worten der Ermutigung an noch kriegsungewohnte, dort mit Worten der Anerkennung an kriegserprobte und ausgezeichnete Mannschaften und Unterführer, und gleichzeitig drückt er jedem noch Handgranaten aus dortstehenden Munitionskisten in die Hand, während ununterbrochen ein Eisenhagel über den Graben hinwegfegt. Wie leuchten die Augen der braven Musketiere! Wohl sind sie es gewohnt, ihren Oberst fast täglich in Stellung zu sehen, aber seine Anwesenheit in diesem Hexenkessel, das hebt sichtlich ihren Mut. Eine unvergeßliche Erinnerung für jeden Beteiligten, dem ein gütiges Geschick die Rückkehr zu den Seinen gestattet hat.
Auf dem linken Flügel in Hooge-Süd, wohin wir in die zweite Stellung über Haufen von Toten und Verwundeten gelangen, herrscht absolute Unsicherheit über das Schicksal der 2. und 3. Kompagnie. Von einem zusammenhängenden Grabensystem in diesem Abschnitt kann überhaupt nicht mehr gesprochen werden. Vielfach liegen die Leute platt auf dem Boden in Vertiefungen, schutzlos dem Feuersegen preisgegeben. Die Zugangsgräben sind größtenteils eingeebnet und voller Toter und Verwundeter.
Das seit 3 Uhr früh ununterbrochene Artilleriefeuer steigert sich ab 2 Uhr nachmittags zum wahren Orkan, und schweren Herzens muß gegen 5 Uhr nachmittags der Plan eines Gegenangriffs aufgegeben werden. Der Weg zum Abschnittskommandeur Hooge-Nord führt uns wiederum durch die II. Stellung. An einer eingeschossenen Stelle müssen wir über einen Toten hinwegkriechen, dem ein Granatsplitter die Kopfhaut völlig vom Kopf getrennt hat. Ein grauenvoller Anblick, und für den Bruchteil einer Sekunde taucht in meinem Gedächtnis die Erinnerung an Karl May’sche Indianerfiguren auf. Springend und Deckung suchend sind wir schon in Nähe des Gefechtsstandes des Kommandeurs Hooge-Nord, der sog. „Bärenhöhle“, als der Tag auch von der kleinen Gruppe des Regimentsstabs sein Opfer fordert. Der Ordonnanzoffizier des Regiments, Leutnant d. R. Haidlen, erhält eine schwere Verwundung am Oberarm.
In der „Bärenhöhle“, einem gewöhnlichen Unterstand von 3 m im Geviert, sieht’s aus wie in einem Bienenhaus. Dicht gedrängt sitzen, stehen und liegen Kommandeur, Adjudant, berichterstattende Grabenoffiziere, Ordonnanzen, Patrouillen und Fernspre-cher beisammen, alles in allem wohl an die 16 Menschen. Hiobsposten über Verluste des Tages liegen vor und laufen stündlich noch ein. Mit Sorge verfolgt ein jeder das in unverminderter Stärke anhaltende Feuer in diesem Unterstand, der wohl kaum einem 7,5-cm-Volltreffer standhalten dürfte. Gegenüber dem Unterstand steht eine riesige Buche, die sich durch einen Volltreffer in ihr Wurzelwerk um 45 Grad in Richtung auf die Bärenhöhle geneigt hat und jeden Augenblick auf den Unterstand stürzen kann, was gewiß nicht einer Beruhigung der unsagbar aufgepeitschten Nerven dienlich ist.
Da die Aufgabe des Regimentskommandeurs in der Kampfstellung mit der Einstellung des Gegenangriffplanes ihre Erledigung gefunden hat, begibt sich der Regimentsstab durch den Geyerweg zum Gefechtsstand des Abschnittskommandeurs zurück, vorbei an einer größeren Zahl schwerer Minen, die heute zur Angriffsvorbereitung vorne gefehlt haben und die in dem rasenden Feuer nicht mehr zu den Werfern geschafft werden konnten. Tote Trägermannschaften halten teilweise bei ihnen noch die Wacht.“

„Von der 2. und 3./126 war, wie schon erwähnt, seit dem Beginn des Kampfes nicht eine einzige Meldung eingegangen; alle Versuche, die Verbindung dahin aufzunehmen, waren ebenso gescheitert wie die Versuche des Hauptmanns Herbert, ihnen durch die 1. und 4. Kompagnie Hilfe zu bringen. Daß sie nicht unrühmlich unterlegen waren, daß sie viele Stunden lang gekämpft hatten, das bewies das Gewehr- und Maschinengewehr-feuer, das man immer wieder aus dieser Richtung gehört hatte.
Ein Bericht des Leutnants d. R. Seitz, seit dem 6. August Führer der 2. Kompagnie, bestätigt diese Wahrnehmung, ebenso das Zeugnis des Landwehrmanns Kronenbitter aus Dornhan (OA. Sulz), des einzigen Mannes der 2. Kompagnie, der zum Regiment zurückfand.
Um 4 Uhr morgens war die 2. Kompagnie (A), nachdem das feindliche Artilleriefeuer vorverlegt worden war, von Süden, Südwesten und Westen her angegriffen worden. Der Angriff wurde glatt abgewiesen und auch der im Abschnitt der 3. Kompagnie (B) eingedrungene Gegner konnte wieder hinausgeworfen werden. Dabei wurden vier Gefangene gemacht; aber die eigenen Verluste durch das vorausgegangene Artillerie-feuer waren groß. Leutnant Seitz ließ nun die Verschütteten ausgraben, den Graben notdürftig instandsetzen, Munition verteilen und nach rechts und links Verbindung suchen. Der linke Flügel des Abschnitts Hooge-Nord (6./132) wurde dabei völlig zerstört und unbesetzt gefunden. Der Kompagnieführer stieß nun hier mit zehn Mann nach Norden vor. In Höhe des Trichters fand er jedoch den Graben abgedämmt und besetzt. Ein Versuch weiter vorzudringen scheiterte am Flankenfeuer aus dem Trichter; er zog sich daher wieder über die Chaussee zurück. Einen zweiten Versuch, direkt auf den Trichter durchzubrechen, vereitelte der Engländer durch M.-G.-Feuer. Bald darauf ging der Engländer seinerseits aus dem Trichter zum Angriff auf die Kompagnie in südlicher Richtung vor. Der Angriff wurde abgewiesen und vier Mann, die bis in die Stellung der Kompagnie vorgestürmt waren, gefangengenommen. Bei diesem Angriff glückte es dem Landwehrmann Kronenbitter durchzubrechen. Zwei auf ihn zukommende Engländer schoß er nieder und rannte durch eine Gasse davon, die im gleichen Augenblick eine englische Granate in die englische Linie riß. Einen zweiten englischen Angriff aus dem Trichter schlug die Kompagnie ebenfalls ab. Um 7 Uhr morgens trat Ruhe ein, die Leutnant Seitz dazu benützte, die Verbindung mit der 3. Kompagnie, die bisher nicht herzustellen gewesen war, erneut aufzusuchen. Um 8 Uhr vormittags kehrten die Patrouillen zurück; sie waren überall auf Engländer gestoßen; die Kompagnie war abgeschnitten. – War bisher die Stimmung trotz der großen Verluste und der beginnenden Übermüdung in dem Bewußtsein, die Stellung gegen alle Angriffe gehalten zu haben, eine gehobene gewesen, so machte sich nun mit der Enttäuschung über die vermeintliche Preisgabe der Kompagnie Hunger und Durst, Erschöpfung und Munitionsmangel doppelt lähmend geltend.
Der rechte Flügelzug hatte seinen völlig zerschossenen Graben entlang der Chaussee, der ihm keinen Schutz mehr bot, räumen müssen. seine Reste und die des mittleren Zuges unter Leutnant d. R. Seitz drängten sich in einem kurzen Grabenstück der Westfront, das noch leidlich erhalten war, zusammen, während der linke Flügelzug unter Leutnant d. R. Wendel noch die Südfront hielt; aber nicht mehr lange. 9 Uhr vormittags setzt von neuem schweres Artilleriefeuer ein, diesmal – deutsches. Schuß um Schuß sitzt mit verblüffender Sicherheit in dem Graben, den unsere Artillerie wohl längst vom Engländer besetzt glaubt, verursacht neue Verluste und zwingt den Leutnant Wendel, ihn aufzugeben und ebenfalls auf den Westgraben auszuweichen. Hier lagen nun die Trümmer der Kompagnie, auf engstem Raum zusammengepreßt, entkräftet, von Durst gequält und zermürbt von dem bitteren Gedanken, im Stich gelassen zu sein, ohne jede Möglichkeit, aus eigener Kraft durchzubrechen mit ihren acht Gefangenen. Eine einzige Granate konnte zwanzig zugleich das Leben kosten. „Ich selbst“ – schreibt Leutnant Seitz – „war in den letzten Tagen dreimal verschüttet worden, den ganzen Morgen hatte ich mich bemüht, meine Leute zusammenzuhalten, sie aufzumuntern, jetzt war ich am Ende meiner Kraft; mein Körper gehorchte mir nicht mehr; auch meine Gedanken versagten den Dienst; in apathischem Hindämmern verging die Zeit. Ich brauchte Monate, um diesen Zustand zu überwinden.“
Aber noch einmal wurden die versagenden Nerven aufgepeitscht. Der Engländer schoß sich mit schweren Minen von Westen her auf den Graben ein; die deutschen Granaten kamen trotz der Notschüsse aus den Leuchtpistolen näher und näher. Da versuchte die Kompagnie sich mit der letzten Munition wenigstens die Minenwerfer vom Leibe zu halten. Vergeblich. – Maschinengewehrfeuer vom Trichter schlägt von rückwärts in ihre Reihen und zwingt die Tapferen in den Graben zurück. Nutzlos und sinnlos wäre es, noch mehr Leute zu opfern. Nach sechsstündigem Kampf streckt die Kompagnie die Waffen, ein kleines Häuflein nur mehr und meist verwundet.
Das ist das erschütternde Ende der 2. Kompagnie. – Kaum weniger tragisch war das der 3. Kompagnie. Als das Trommelfeuer begann, war ihr vorderer Graben nur von einem Zug besetzt. Zwei Züge unter dem Kompagnieführer, Leutnant d. R. Mayer, arbeiteten an der Herstellung des Verbindungsweges nach dem Trichter; ohne diesen Zugang keine Verpflegung, kein Material, keine Munition. Das Trommelfeuer schneidet die beiden Züge von dem Stellungsgraben ab und treibt sie auf den Trichter zurück, in dessen Verteidigung sie sich heldenmütig geschlagen haben. Sie wurden, mit dem Kompag-nieführer, zum größten Teil niedergemacht; ein kleiner Teil (drei Gruppen) entkam; wenige gerieten in Gefangenschaft.“



aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929
Kartenskizze: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart 
nach freundlicher Unterstützung durch Herrn Frank Nullmeyer

Keine Kommentare:

Kommentar posten