Dienstag, 18. August 2015

18. August 1915


„Am 17. August griff der Gegner die deutschen Stellungen südöstlich Sondernach an und es gelang ihm, die Verteidiger, bayerische und preußische Infanterie, auf das „Mättle“ an den Osthang des sich zwischen Sondernach und Landersbach vom Hilsenfirst herabziehenden Höhenrückens zurückzudrängen. Der deutsche Heeresbericht vom 18. August meldet darüber: „In den Vogesen erfolgten durch sehr erheblichen Munitionseinsatz vorbereitete französische Angriffe gegen unsere Stellungen südöstlich von Sondernach. Völlig zerschossene Grabenstücke sind in den Händen der Franzosen geblieben.“ Auch die rückwärtigen Verteidigungen bis hinunter nach Wasserburg wurden mit schwerem Artilleriefeuer belegt.
Nachmittags um 5 Uhr wurde der Kompagnie von der Brigade Alarmbereitschaft befohlen. Um ½12 Uhr nachts traf der Befehl ein: „Die Gebirgs-Kompagnie marschiert sofort nach Landersbach und meldet sich am südlichen Ortseingang beim Führer des Ortsabschnitts.“ In stockdunkler Nacht zog die Kompagnie Mann hinter Mann hinüber zum Belchensattel und hinunter in die Längenrunz. Teile von Landesbach und die Spinnerei standen in hellen Flammen; unheimlich beleuchtete der rote Feuerschein den schmalen Abstiegspfad. Am Langenfeldkopf, am Schnepfenrieth, am Reichacker und am Gachneykopf blitzten die Geschütze auf und drunten im engen Landersbacher Tal krepierten die Geschosse, deren Krachen in vielfachen Echo von den Berghängen widerhallte. Mitten hinein in diesen Hexenkessel führte der Weg der Kompagnie – welcher Gegensatz zu den letzten Wochen! Gegen ½4 Uhr morgens war das Ziel erreicht; der Kompagnie wird befohlen, am Waldrand östlich des Mättle den Tagesanbruch zu erwarten. Vorbei an den brennenden Häusern des Ortsausgangs ging es dorthin. Leichtverwundete kommen der Kompagnie entgegen und verbreiten in einem seltsamen Zustand von Nervenüberreizung die tollsten Gerüchte. In gleich-mäßigen Abständen liegen die Einschläge einer 15-cm-Haubitz-Batterie mitten in der brennenden Ortschaft. Noch vor Tagesanbruch wird das Mättle erreicht, eifrig machen sich die Schützen an die Arbeit und graben sich zum Schutz gegen Artilleriefeuer Löcher hinter starken Bäumen. Handgranaten werden gefaßt; Oberleutnant Zickwolff geht mit dem Adjudanten des Abschnittskommandeurs in die Hauptstellung vor. Sie ist von Bayern und Preußen besetzt, die ermattet und erschöpft von den schweren Kämpfen des Vortags in den Gräben liegen und aufatmen, als sie hören, daß Hilfe im Anmarsch ist. Die Lage war folgende: Um 11 Uhr vormittags hatte der Gegner überraschend die bisher unberührte Stellung in etwa 300 Meter Breite unter Trommelfeuer genommen. Beim nachfolgenden Angriff war ihm das völlig zerschossene Grabenstück in die Hände gefallen; die Riegelstellung und die anschließenden Grabenstücke konnten gehalten werden. Oberleutnant Zickwolff erhält vom Abschnittskommandeur folgenden Befehl: „Ich habe mich entschlossen, die gestern in die Stellung eingedrungenen Franzosen hinauszuwerfen! Die Württ. Gebirgs-Kompagnie greift zusammen mit der 8. Bayrischen Radfahr-Kompagnie an. Die Kompagnien bauen sich hinter der eigenen Stellung auf und werfen den Feind durch eine Rechtsschwenkung auf den rechten Flügel der Bayern.“ Der Abschnittskommandeur ergänzt diesen Befehl noch mündlich dahin-gehend, daß die Sache ganz einfach sei; die paar gegenüberliegenden Franzosen seien sehr entkräftet, so daß die Stellung mit leichter Mühe aufgerollt werden könnte.
Der Angriff mußte ohne Artillerievorbereitung erfolgen, da die deutschen Batterien auf diese Stelle nicht wirken konnten. Lautlos rückt die Kompagnie in die Sturmausgangs-stellung. Der ganze Hang ist sehr dicht bewaldet und mit starkem Unterholz durchsetzt. Deutlich erklingt aus dem Dickicht das Arbeiten der französischen Spaten. Kein Schuß fällt. Die drei ersten Züge schwärmen aus, die Seitengewehre werden aufgepflanzt. Nachdem die rechts von der Gebirgs-Kompagnie aufgestellten Radfahrer ebenfalls Sturmbereitschaft gemeldet haben, gibt Oberleutnant Zickwolff 8.20 Uhr vormittags das Zeichen zum Angriff. Der erste Zug unter Offizierstellvertreter Wörn ersteigt als erster die Straßenböschung, überquert die Straße und geht über das jenseits befindliche Drahthindernis gegen den Hochwald vor; Offizierstellvertreter Mühlenstedt schließt sich mit dem zweiten Zug an, während der dritte Zug unter Vizefeldwebel Lindenbauer etwas später nach links verlängert. Offizierstellvertreter Schild bleibt mit dem vierten Zug als Reserve zurück, die Maschinengewehre baut Oberleutnant Cranz am Straßenrand auf. Erst wenige Meter haben sich die Stoßtrupps im Dickicht vorgearbeitet, da bricht die Hölle los. Ein Hagel von Geschossen überschüttet die Angreifer; Handgranaten, von unsichtbaren Händen geschleudert, sausen durch die Luft, detonieren krachend und streuen ihre Splitter nach allen Seiten. Schon liegt die Radfahr-Kompagnie fest, während sich die Gebirgsschützen noch Schritt um Schritt vorkämpfen. Nur langsam kommen die Schützen im dichten Buschwerk, in dem kaum der nächste Nachbar zu sehen ist, vorwärts. Von Granatloch zu Granatloch springend, erreicht der linke Flügel die verlorene Stellung. Mitte und rechter Flügel kommen trotz rücksichtslosem Draufgehen vor den starken Stützpunkten des Gegners nicht mehr weiter. Bis jetzt sind die Verluste noch verhältnismäßig gering, als einer der ersten fällt Unteroffizier Großhans durch Kopfschuß. Nun setzt heftiges Flügelminenfeuer ein. Die Teufelsdinger krepieren an den Bäumen hoch über dem Boden und als nun auch noch zahlreiche Batterien ihre Feuerschlünde öffnen, rast ein Orkan über das Mättle und bringt Tod und Verderben. In ungestümem Anlauf gelingt es dem Zug Lindenbauer, über zwei feindliche Grabenlinien vorzudringen, dann bietet auch ihm der wachsende feindliche Widerstand halt. Der Gegner ist stark in der Übermacht, die Verluste der Kompagnie mehren sich; alle seitlichen Verbindungen sind unterbrochen, man kämpft in einzelnen Gruppen und verteidigt das Erreichte in zähem Festhalten. Nur wenige Schritte liegen die Franzosen entfernt, man hört das Stöhnen ihrer Verwundeten und die Kommandorufe ihrer Führer. Leutnant Reutter, der Führer der bayerischen Radfahrer, macht Oberleutnant Zickwolff Meldung, daß seine Kompagnie nicht mehr weiter vorwärts komme und die befohlene Rechtsschwenkung nicht durchführen könne. Oberleutnant Zickwolff meldet seinerseits über die Gefechtslage an den Abschnitts-kommandeur und erhält den Befehl, den Angriff unter allen Umständen durchzuführen. Nun müssen die letzten Reserven heran. Zur Deckung des in der Luft hängenden linken Flügels wir ein Halbzug des vierten Zuges in der bedrohten Flanke eingesetzt. Mit großer Kühnheit dringt Offizierstellvertreter Schild bis über den jenseitigen Weg vor und setzt sich in einer dritten feindlichen Stellung fest. Immer mehr feindliche Geschütze, darunter auch 15er und 22er, greifen in den Kampf ein. In der linken Flanke werden Umgehungsversuche des Gegners bemerkt; wenn sie gelingen, ist die Kompagnie erledigt. Die Schützen kämpfen mit dem Mut der Verzweiflung; ihre Reihen lichten sich beängstigend, Verwundete schleppen sich zurück oder werden von den unerschrocken vorgehenden Krankenträgern zurückgeschafft. Allen voran „Onkel Paul“, wie der treue Kamerad Stuhlinger genannt wurde; aus den Reihen der Kämpfenden heraus holt er einen Verwundeten nach dem andern und bringt sie zum Verbandplatz. Nun tritt in vorderster Linie auch noch Munitionsmangel ein, Nachschub ist beinahe unmöglich! Weitere Kräfte zum erneuten Einsatz sind nicht da und damit wird die Lage unhaltbar. Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten: entweder aufgerieben werden, oder zurück in die bessere Verteidigungsmöglichkeiten bietende Sturmaus-gangsstellung. Zur Abwehr eines erwarteten feindlichen Flankenstoßes wir auch noch de letzte Halbzug unter Vizefeldwebel Oppold auf dem linken Flügel eingesetzt. Oberleutnant Zickwolff befiehlt höchste Feuergeschwindigkeit auf de ganzen Linie, damit alles, was an Toten und Verwundeten noch draußen liegt, geborgen werden kann. Dann zieht sich die Kompagnie auf die alte Stellung am Ostrand des Weges zurück. Auch die Radfahrer schließen sich dieser Bewegung an. Als letzter kommt Vizefeldwebel Lindenbauer mit 10 Mann seines Zuges, sie sind mit knapper Not der Gefangennahme entgangen. Da mit einem Vorstoß der Franzosen gerechnet werden muß, wird sofort mit Hochdruck an den Stellungausbau gegangen, die Schützenlöcher werden zu Gräben erweitert, Maschinengewehre eingebaut und Horchposten über den Weg vorgeschoben. Gegen Mittag hört das feindliche Artillerie- und Minenfeuer fast gänzlich auf, nachdem noch eine der letzten Granaten zwei Schützen getötet, Offizierstellvertreter Schild und Feldwebel Lindenbauer verwundet hat. Leider sind auch ein paar Vermißte zu melden. Vom ersten Zug fehlt Unteroffizier Hecht, ein lieber Kamerad von der Schneeschuh-Kompagnie, ebenso Henninger vom Beobachtungstrupp, der vorne fiel und nicht mehr zurückgebracht werden konnte. Erst ein Jahr später ist eine bayerische Patrouille im Niemandsland auf seine Überreste gestoßen. Inzwischen hat sich die Kompagnie weiter eingeschanzt; um 2 Uhr nachmittags melden die über die Straße zurückkriechenden Horchposten, daß der Gegner sich mit starken Kräften vorsichtig heranarbeite und allem Anschein nach einen Angriff vorbereite. Nun wurde der Stiel umgedreht. Handgranaten und starkes Maschinengewehrfeuer würgen den feindlichen Sturm ab, du als nun auch noch die deutsche Mörserbatterie vom Kahlen Wasen in die französische Stellung funkt und die französische Artillerie eine Serie zu kurz gehende Treffer in die eigenen Reihen setzt, gibt der Gegnernach einer halben Stunde den Versuch auf.
Der Nachmittag verläuft ruhig; ein leichter Regen bringt Abkühlung; das Artilleriefeuer liegt mehr auf den Anmarschwegen und den beiderseitigen Batteriestellungen. Abends 7.30 Uhr wagt der Franzmann noch einmal einen überraschenden Vorstoß, diesmal bei den Radfahrern auf dem rechten Flügel. Aber die Bayern sind auch auf der Hut und weisen ihn ab. Um 10 Uhr gibt es abermals einen Feuerzauber; dann wird’s ruhig. Pioniere gehen vor und bauen jenseits der Straße ein Drahtverhau. Kurz vor Mitternacht wird die Kompagnie durch das I. Bataillon Bayer. Res.-Inf.-Regiments 18 abgelöst. Sie marschiert in ihr Lager am Kleinen Belchen zurück. Über 70 fehlen, darunter sind 13 Tote und drei Vermißte, die heute auch zu den Gefallenen gerechnet werden müssen.“


 aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

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