Freitag, 1. Januar 2016

1. Januar 1916


„Was die Ausbildung der Mannschaften im einzelnen betrifft, so mußten aus der Menge der für die Friedensausbildung bestehenden und erprobten Übungen in weiser Beschrän-kung und auf Grund gewissenhafter Erwägung diejenigen ausgewählt werden, die für die Erreichung des gesteckten Zieles unerläßlich und durchführbar erschienen; die äußere Form mußte gegenüber der Fertigkeit zurücktreten, wenn auch soldatisches Benehmen, Haltung usw., kurz Dinge, die Aufgabe der schrittweisen Erziehung waren, unnachsichtig gefordert wurden.
Im Turnen wurden in erster Linie Übungen betrieben, die der Kräftigung der Arm-, Bein- und Bauchmuskeln dienten und die Grundlage für das im Gelände gepflegte angewandte Turnen (Sprung, Kriechen, Klettern, Hindernisnehmen usw.) bildeten und den Leuten Mut und Selbstvertrauen einzuflößen vermochten; letzterem Zweck diente insbesondere auch das Gewehrfechten.
Im Einzelexerzieren, das während der ganzen Ausbildungszeit womöglich täglich, wenn auch jeweils nur kurz, betrieben wurde, wurde unter Auslassung aller parademäßigen Übungen angestrebt, Stellung und Haltung zu pflegen und den Mann in der Handhabung seines Gewehrs gewandt zu machen. Marschübungen in der geschlossenen Abteilung und Marschdisziplin wurden vorzugsweise auf dem Marsch zu und von den Gelände-übungen betrieben. Mißlich und hinderlich für die Ausbildung namentlich im ersten Kriegsjahr war der zeitweilige Mangel an Gewehren; wochenlang mußten die Mann-schaften zu den Übungen auf dem Exerzierplatz und im Gelände mit Fechtgewehren ausrücken.
Im Gefechts- und Geländedienst wurde der Hauptnachdruck auf den Gebrauch des Gewehrs im Gefecht (Augengewöhnung, Zielerfassung, Entfernungsschätzen, sichere und rasche Handhabung des Gewehrs, Feuerdisziplin), Geländeausnützung, Schanzar-beiten, Gebrauch der Gasmasken, Werfen von Handgranaten und auf Erziehung zum selbständigen Handeln gelegt.
Die Ausbildung im Zielen und Schießen wurde mit besonderer Sorgfalt, Sowohl durch eingehende Belehrung über sämtliche hierbei in Betracht kommenden Punkte und Vor-gänge, als auch durch sorgfältige Vorbereitung und Durchführung der einzelnen Schießübungen betrieben.  Sehr förderlich und lehrreich waren hierbei die jeweils zehn bis vierzehn Tage dauernden Übungen auf dem Truppenübungsplatz. Auch in der Schießausbildung machte sich zeitweilig neben dem Mangel an Gewehren die knappe Zuteilung von Munition in höchst nachteiliger Weise geltend.
Der innere Dienst, der in der Hauptsache nach den Grundsätzen der Friedensausbildung gehandhabt wurde, war zunächst Selbstzweck, diente aber auch als Mittel zur Aner-ziehung der grundlegenden militärischen Tugenden, Durch eine entsprechende, in ernster und bestimmter, aber wohlmeinender Weise gegebene Belehrung über die im Interesse des Einzelnen und der Gesamtheit sich ergebenden Notwendigkeiten war es meist leicht, bei den Leuten Sinn und Verständnis für all das zu wecken, was dieser Zweig ihrer militärischen Ausbildung von ihnen forderte und für sie bedeutete.“


aus: „Feldverwaltung, Etappe und Ersatzformationen im Weltkrieg 1914–18“, Stuttgart 1925

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