Freitag, 24. Juni 2016

24. Juni 1916


„Die Gebirgsartillerie sollte nun zum erstenmale auch auf dem westlichen Kriegsschau-platz als Träger artilleristischen Offensivgeistes die Infanterie beim Sturm durch Unter-stützung mit direktem Schuß aus nächster Entfernung unterstützen, eine Aufgabe, wie sie zwei Jahre später bei den großen Angriffsschlachten des Jahres 1918 noch einmal gestellt und unvergleichlich besser gelöst wurde. Die Aufgabe des Alpenkorps bestand darin, das Dörfchen Fleury bei Douaumont zu nehmen, und darüber hinaus gegen das Hauptziel Verdun vorzustoßen.
Der Grund des Versagens des Einsatzes der Gebirgsartillerie, um dies gleich vorneweg zu nehmen, lag hauptsächlich darin, daß die Urheber der Idee von falschen Voraus-setzungen ausgingen. Sie hatten die leichte Beweglichkeit unserer auf Tragtiere verlasteten Geschütze im Gebirge bewundert und gedachten nun diese Eigenschaft bei dem sumpfigen Wegnetz vor, beim Anstieg auf die Côte-Lorraine und im darauf-folgenden Trichtergelände ausnützen zu können. Man hatte aber nicht bedacht, daß diese leichte Beweglichkeit nur dank dem großen Apparat von Tragetieren usw. möglich war. Gehörte doch zu den zwölf kleinen Geschützen ein Aufgebot von über 1200 Mann und über 940 Pferden. Sowie also durch feindliches Artilleriefeuer große Verheerungen unter dieser Karawane eintraten, was nützte es dann, glücklich die Hälfte der Geschützteile unter den größten Verlusten in vorderste Linie gebracht zu haben, wenn der Rest hinten in Trichtern und Gräben lag und man nicht schießen konnte? Und gerade die Hauptbe-dingung eines Durchbruches im Stellungskriege. das Überraschungsmoment und das damit verbundene Niederhalten des feindlichen Artilleriefeuers während des Sturmes mußte hier bei Verdun entbehrt werden. Außerdem war es ein Grundfehler, die Gebirgs-artillerie im Abteilungsverbande geschlossen zu verwenden, dies hat sich immer gerächt. Nur einzelne Geschütze und Züge mit schneidigen jungen Offizieren als Führern, die in engster Verbindung mit ihren Infanteriesturmtrupps und Kompagnien diesen den Weg zum Vorwärtskommen bahnen, vermögen etwas zu leisten. Kronzeuge dafür ist der Einsatz des Jahres 1918, wo die Mitwirkung der württembergischen Gebirgsartillerie von den Infanterieregimentern in alle Himmel erhoben wurde.
in der Nacht vor dem Sturme auf Fleury stand die Geb.-Art.-Abteilung 2 bei der Ornesmühle bereit, um bei fortschreitendem Angriff über Bezonvaux, Cailettewald zu folgen. Der bayrische Zug der Geba 8 war schon seit einigen Tagen beim Ouvrage de Hardaumont, wo auch ein Abteilungs-Munitionslager errichtet worden war, in Stellung gegangen. Trotz starken Sperrfeuers gelang es der Geba 6 ohne Verluste den sumpfigen Grund des Bezonvauxbaches zu überschreiten, die Höhen des Ouvrage de Bezonvaux zu erklimmen. Hier in dem noch beinahe intakten Vorwerk befand sich eine pomphafte Inschrift der früheren französischen Besatzung: „S‘ ensevelir sous le ruines de l‘ ouvrage, plutôt que de se rendre“. Was sie seinerzeit aber nicht verhindert hat, schon auf den moralischen Eindruck unserer 42 Zentimeter hin bei noch ganz unbeschädigten Kasematten das Fort zu räumen! Durch das Wäldchen von Hardaumont, in dem es bös aussah, streckten doch nur noch einige entlaubte Bäume ihre Äste wie Besenstiele in die Luft, wurde nun bis an den andern Rand vorgezogen und in Feuerstellung gegangen. Die Geba 8 war schneidig bis in den Cailettegrund hinabgestiegen, aber nach sehr schweren Verlusten – der tüchtige Offizierstellvertreter Lupfer des württembergischen Zuges büßte hier mit vielen anderen sein Leben ein – wurde unverrichteter Dinge zurückge-kehrt, da der Infanterieangriff infolge mangelnder artilleristischer Niederkämpfung betonierter Maschinengewehrnester nicht weitergekommen war. Diese Batterie bezog nun auch anschließend an die Geba 6 in dem Wäldchen von Hardaumont Feuer-stellung.“


aus: „Die württembergische Gebirgs-Artillerie im Weltkrieg 1915-1918“, Stuttgart 1920

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