Samstag, 25. Juni 2016

25. Juni 1916


„Im  Lauf des Juni hatten sich die Anzeichen so verdichtet, daß mit Bestimmtheit ein großer feindlicher Angriff erwartet werden mußte.
Am 24. Juni 1916, 5 Uhr vormittags, begann die Schlacht. Ein gewaltiges Artillerie-orchester spielte auf zum blutigen Völkerringen an der Somme. An das Ohr des ge-spannt lauschenden Verteidigers tönt ein Brüllen und Zischen, ein Heulen und Krachen, daß selbst die Erde bebt. Wohin das Auge blickt: Sprengwolken und Schrapnells, gewaltige Fontänen von Rauch und Staub. Und über die Erde schleicht giftgrüner Gas-hauch sengend und brennend. Es war, als schwänge der leibhaftige Teufel mit diabo-lischer Lust den Taktstock in diesem Höllenkonzert.
In die Drahthindernisse reißen Torpedominen meterbreite Gassen, wühlen hier einen Trichter, verschütten dort den Graben; Steinschlag und Eisensplitter schwirren durch die Luft; auf Schützen- und Laufgräben, auf Weg und Steg prasseln Schrapnellkugeln, jedwede Bewegung lähmend. In der Kirche von Miraumont reißt eine 24 cm-Granate das Dach vom Gestühl, Irles wird beschossen, in Pys fällt der schwarze Adler, das altrenommierte „Hardt“-Hotel, einer Granate zum Opfer. In der Nacht vom 24./25. erhellt ein gewaltiger Feuerstrahl den feindlichen Horizont, ein schweres Geschoß braust durch die Lüfte, zersplittert krachend in Bapaume, dem Sitz des Generalkom-mandos. Wo die Reichweite der Artillerie versagt, fallen die Bomben der Flieger auf Verkehr und Unterkunft; der Tod hält grausige Ernte; lodernde Flammen beleuchten das Elend der von Haus und Hof geflüchteten Bewohner der Kampfzone.
So rast das Feuer vom Morgen zum Abend, rast vom Abend zum Morgen des folgenden schönen Sommersonntags, rast in 40 km Breite von Gommécourt im Norden bis Chaulnes im Süden. Und der Verteidiger? In den mit schwäbischer Kraft und zähem Fleiß selbst geschaffenen unterirdischen Kasematten läßt die Infanterie ungefährdet den Feuerwirbel sich austoben. In diese Tiefen bis zu 10 m unter dem gewachsenen Boden, vermögen selbst die dicksten Kaliber nicht zu dringen. Mit Sicherheit und Ruhe, selbst mit Humor harren die bewährten Kämpfer der wohl nicht mehr fernen Stunde des Angriffs. Aber der Engländer greift eben nicht an; weiter speit er unentwegt aus all seinen Höllenmaschinen Tod und Vernichtung. Furchtlos und treu stehen die Leucht-kugelposten, rufen zum Alarm wenn Leuchtkugeln steigen, wenn Gas- und Nebel-wolken gegen den Graben branden. So zerrt der Angreifer an den Nerven der harten Verteidiger, die jede, auch die kleinste Feuerpause fieberhaft nützen, den Graben instand zu halten. – Sisyphusarbeit!
Doch in den Lüften tummeln sich Scharen von Fliegern. In ruhigem, sicherem Fluge, großen Geiern gleichend, schweben die Bombengeschwader ins Hintergelände; zischend saust ihr verderbenbringender Hagel in die Quartiere; über den Infanterie- und vor allem Artilleriestellungen kreisen die scharfäugigen Späher und lenken das Feuer ihrer Artillerie; im tiefsten Blau, dem Auge kaum wahrnehmbar, stoßen die englischen Flugfalken auf die an Zahl und Technik weit unterlegenen deutschen Flieger.
Schweres, wohlgezieltes Feuer liegt auf der Artillerie. Batterie um Batterie wird regelrecht bearbeitet. Schwere Granaten zerreißen den Boden unmittelbar vor und hinter den Geschützen, dazwischen fegen 12 cm mit scharfkantigen Splittern aus feinstem, silberhell glänzendem Stahl. Doch der Schaden ist gering, wenn auch jede einzelne Batterie mit hunderten von Geschossen bedacht wird. Da und dort ein Volltreffer, einzelne Geschützstände in der Beaucourt-Mulde und an der Mulin ruiné brennen aus. Im Stumpweg werden von der 4. und 5. Batterie Geschütze aus der Stellung auf den Weg geschleudert, aber die Unterstände halten stand, schützen Bedienung und Munition. Mitten im Eisenhagel wachen unerschüttert Beobachtungsoffiziere und Batterieposten, und so oft das Kommando ruft, tun die braven Kanoniere ihre Pflicht, trotz der Lücken, die der Tod in ihre Reihen reißt. Die rückwärtigen Verbindungen und Unterkünfte des Feindes, keck sich zeigende Engländertrupps werden mit Erfolg beschossen, wie auch unablässig zur Entlastung der Infanterie die lästigen Minenwerfer bekämpft und vielfach zum Schweigen gebracht werden.
Am Sonntag Nachmittag, den 25. Juni, zwischen 4 und 5 Uhr brausen in breiter Front englische Flieger gegen die deutsche Linie. Da – ein entsetzliches Schauspiel! Brennend stürzen im Norden und im Süden die deutschen Fesselballone ab. Auch der Ballon der Division, bemannt mit den Artilleriebeobachtern Leutnant d. R. Welte und Vizewacht-meister Auchter, fällt dem tückischen Phosphorsprühregen des feindlichen Fliegers zum Opfer. Beide Beobachter finden den Heldentod. Ein schwerer Schlag für die kämpfen-den Truppen, besonders aber für die Artillerie, deren Auge beinahe völlig geblendet ist. Der Fesselballon vernichtet, die eigenen Flieger in ihrer Unterlegenheit zur Ohnmacht verdammt, kämpften die deutschen Batterien wie mit einer Binde vor den Augen, während der luftüberlegene Gegner mit dem Habichtsblick seiner Flieger und Ballon-beobachter jede Falte durchforschte, auch die kleinsten Ziele erspähen und wirkungsvoll bekämpfen konnte. Die Luft war fast rein englisch. Ein für die Moral der Truppen geradezu unerträglicher Zustand.“



aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 26 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

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