Mittwoch, 8. Juni 2016

8. Juni 1916


„Für den Abend des 8. Juni war ein Angriff großen Stils durch das I. Bayerische und Teile des Alpenkorps südwestlich vom Fort Douaumont geplant. Um die Aufmerk-samkeit des Gegners von den Vorbereitungen zu diesem Unternehmen abzulenken, sollten die 1. und 50. Division am frühen Morgen dieses Tages den ihnen gegen-überliegenden Feind angreifen.
Das Vorbereitungsfeuer für diesen Angriff hatte schon am 7. Juni, nachmittags 3 Uhr, begonnen; die Erwiderung desselben blieb nicht aus, so daß der Aufstieg des II. Bataillons und der 2. M.-G.-Kompagnie in der Nacht zum 8. auf den Vauxberg dauernd unter Feuer lagen ein, viel Zeit ging verloren; so konnte die Ablösung erst ¼ Stunde vor dem auf 4 Uhr morgens festgesetzten Beginn des Angriffs beendet werden. Trotzdem gelang es der Tatkraft des Bataillonskommandeurs, Major Blezinger, und seiner Kompagnieführer, die Bereitstellung zum Angriff noch rechtzeitig durchzuführen. Vom rechten zum linken Flügel standen zum Angriff bereit: 5. Kompagnie in der Kehle, 8. und 7. in der Ostflanke des Forts, die 6. in dem Anschlußgraben bei der Liesesappe. Außer dem II. Bataillon befanden sich noch die zuletzt abgelösten Teile des I. Bataillons (meist von der 1. Komp.) im Fort, die nun von dem Führer derselben, Leutnant d. R. Schumacher, gesammelt wurden.
Planmäßig begann 4 Uhr morgens der Angriff, aber ehe er noch recht in Gang gekommen war, setzte ein mächtiger, das Fort von drei Seiten umfassender franzö-sischer Gegenangriff ein, der sich hauptsächlich gegen die Kehle des Werks richtete, wo der tapfere und vielbewährte Oberleutnant Großrau (5. Komp.) das Kommando führte. Welle auf Welle drangen die französischen Schützen aus dem Bergwald vor, starke Schützenlinien stiegen aus den Gräben von Batterie a – 766 a, während die französische Artillerie zum Trommelfeuer überging. Aber die Kompagnien, die rasch die Ausgangs-stellung wieder eingenommen hatten, hielten in ihren zerschossenen Gräben stand und eröffneten ein wirksames Feuer auf den Angreifer, unterstützt durch ihre herbeieilenden Reservezüge, durch die M.-G.-Kompagnie, die aus überhöhender Stellung dem Feind schwere Verluste zufügte und durch das auf Zeichen einsetzende Sperrfeuer, das unter den Angreifern mächtig aufräumte. Trotzdem gelangten Teile desselben bis in nächste Nähe der Gräben, wurden aber im Nahkampf mit Bajonett und Handgranate zurück-gewiesen. 4.15 Uhr war der gefährliche Angriff abgeschlagen; der Franzose flutete in seine Ausgangsstellungen zurück.
In einer Kampfschilderung des Oberleutnants Großrau heißt es über die Abwehr des französischen Angriffs gegen die 5. Kompagnie:
„Furchtlos und treu hatte die Grabenbesatzung unter ihrem tapferen Führer, Unteroffizier Metzger aus Neuenbürg, in dem Eisenhagel, der auf sie niederging, ausgehalten. Noch ehe der Angriff begonnen hatte, war das Grabenstück eingeebnet und die Mannschaft größtenteils tot und verwundet; auch Unteroffizier Metzger hatte den Heldentod gefunden. Trotzdem verließ Punkt 4 Uhr morgens die erste Sturmwelle den Graben, als der Alarmruf ertönte: Die Franzosen kommen!
Da hätte man unsere Schwaben sehen sollen! Aus dem Fortinneren quoll es hervor, sich drängend und schiebend; jeder wollte der erste oben sein als ein Glied in der lebenden Mauer, die sich, wie aus der Erde gezaubert, nun schützend zwischen Feste und Angreifer aufrichtete. Und es war in der Tat höchste Zeit. In zahlreichen Wellen und dahinter in dichten Kolonnen kamen die Franzosen daher, fest entschlossen, sich die verlorene Panzerfeste wieder zu holen. Die Verluste waren schwer auf beiden Seiten; aber nur über unsere Leichen wäre für den Franzmann der Weg ins Fort gegangen. Mit Gewehr und Handgranaten wurden alle Stürme restlos, zum Teil aus allernächster Nähe, abgeschla-gen.“
Als ein Vorbild von Unerschrockenheit erwies sich dabei die Gefechtsordonnanz des Kompagnie-führers, der Gefreite Karl Heinzelmann. Stehend freihändig schoß er auf die Anstürmenden, kalten Blutes wie auf dem Übungsplatz, schleuderte er seine Handgranaten in die feindlichen Reihen. Ein Kopfschuß machte zwei Stunden später seinem jungen Leben ein Ende.
Auf dem linken Flügel, im Abschnitt der 7. Kompagnie, war der Unteroffizier Otto Steiner aus Rottenburg a. N. der Held des Tages. Trotz des Befehls, auf die Stellung zurückzugehen, blieb er mit seinem Stoßtrupp vor dem französischen Sappenkopf (bei 763) liegen und verhinderte zwei Versuche der Franzosen, von hier aus vorzubrechen, mit seinen unfehlbar sicher geworfenen Handgranaten. Erst um 4 Uhr nachmittags, als die letzte Granate verbraucht war, kroch er mit seinem verwegenen Trüpplein in den Graben der Kompagnie zurück.
Auch Unteroffizier Sülzle der 1. Kompagnie mit seinem Stoßtrupp konnte sich erst zum Rückzug auf die Stellung entschließen als auch ihm die Handgranaten ausgegangen waren. Glücklich erreichte er nun die eigene Linie; aber – ein Mann fehlte, der vorn noch neben ihm gelegen hatte. Da gibt es für Sülzle kein Zögern. Bald kriechend, bald springend, arbeitet er sich von Trichter zu Trichter vor, bis er den verwundet liegengebliebenen Kameraden findet; und mitten durchs Feuer bringt er ihn auch glücklich wieder zurück. Ein paar Augenblicke später sät das deutsche Sperrfeuer Tod und Verderben auf jene Stelle.
Sehr wesentlich wirkten bei der Sturmabwehr die Maschinengewehre mit. Mitten im wütenden Eisenhagel wurden sie unter der entschlossenen Führung des jugendlichen Leutnants Teichmann aus dem Fort heraus auf das Glacis in Stellung gebracht. Immer wieder schlugen Volltreffer in die Stände und begruben Mannschaften und Maschinen; immer wieder gruben sich die Schützen aus, brachten die Gewehre instand und hämmerten von neuem los.“
(„Schwäbische Kunde“, Band 3.)
Um 5 Uhr morgens schlug im Rücken der Kämpfer ein Volltreffer in den rechten Schul-terpunkt des Forts, verschüttete den dort befindlichen einzigen Zugang und entzündete zugleich ein kleines Depot von Handgranaten und Kartuschen, so daß hier eine Panik entstand, der jedoch Leutnant d. R. Schumacher (1. Komp.) und Leutnant Müller (3. Komp.) bald Herr werden konnten. Leutnant Schumacher ließ dann durch seine Leute den Ausgang wieder freilegen.
7.45 Uhr nachmittags erneuerten die Franzosen nach heftiger Feuervorbereitung ihre Angriffe, diesmal mit noch stärkeren Kräften, aber wiederum ohne Erfolg. Der Gegner erlitt auch jetzt wieder schwere Verluste; trotzdem setzte er 9.45 Uhr abends nach ausgiebiger Feuervorbereitung zum drittenmal zum Sturm gegen das Fort an. In dichten Kolonnen sah man ihn aus dem Bergwald vorrücken; aber Sperrfeuer und M.-G.-Feuer zerschlugen seine Reihen, nur einzelne Wellen gelangten in die Nähe des Forts, wurden aber von der standhaft aushaltenden Grabenbesatzung tapfer zurückgewiesen, Das feindliche Artilleriefeuer jedoch blieb die ganze Nacht mit geringen Pausen auf dem Fort, den Anschlußgräben und dem Hintergelände liegen.“


aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

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