Dienstag, 20. Dezember 2016

20. Dezember 1916


„Am 17. Dezember hatten wir noch Ruhe, aber in der starken Kälte so recht keinen Aufenthalt, zudem mahnte der Donner von der Front her.
Am nächsten Tage gegen Mittag kam eine Autokolonne und brachte das I. Bataillon über Arrancy und Mangiennes in den Thilwald nördlich von Azannes. Als es dunkel war und der Mond blendend weiß schien, stiegen II. und III. Bataillon in die überfüllten Lastwagen und rumpelten unter fürchterlichem Stoßen und Wackeln bei klirrender Kälte dieselbe Straße und kamen im Mont Aubéwald und Neuenwald unter, sofern man den Aufenthalt dort Unterkommen nennen konnte. Unheizbare Baracken, durch deren Ritzen der Wind pfiff, waren unsere Wohnung.
Hier erfuhren wir die ersten brauchbaren Nachrichten von vorne. Artillerieoffiziere sagten uns, die eigentliche Gefechtshandlung sei vorbei, aber es herrsche auf beiden Seiten noch die nach Großkämpfen übliche Nervosität. Besonders auf unserer Seite sei sie groß. Die Oberste Leitung sei natürlich gerade in diesem Augenblick von einer solchen Niederlage sehr empfindlich getroffen gewesen und habe böse aufgeräumt unter den höheren Führern. Nun herrsche allgemeine Angst vor weiteren Angriffen der Franzosen. Sie hätten aber sicher nichts weiter vor.
Nachmittags kam Ablösungsbefehl: II. Bataillon vordere Linie, I. Bereitschaft, III. Reserve.
Gegen 10 Uhr abends setzte sich das II. Bataillon in Bewegung. Der Vollmond schien etwas trüber, Glatteis machte den Weg unsäglich beschwerlich. Vor uns wetterleuchtete es von Abschüssen und Einschlägen.
Über Soumazannes wurde Herbebois-Nord erreicht, wo der Brigadegefechtsstand mit einer ganzen Kolonie von Blockhäusern malerisch am waldigen Berghang lag. Hier wurden Nahkampfmittel gefaßt, sowie dreifache eiserne Portion. Wir sahen da eine neue Möglichkeit, die Zufuhr nach vorne zu bringen: Ponnys waren schwer bepackt und zogen in langer Kolonne vorüber.
Als die Kompagnien mit dem Nötigen ausgestattet waren, begann der beschwerliche Marsch den Ostrand von Herbebois entlang nach Süden. Auf dem schlüpfrigen Boden ging es mehrmals bergauf und bergab. Oft glitten die schwerbepackten Leute aus und fielen hin. Als der Südrand des Waldes erreicht war, machte sich in frischen Granatlöchern Gasgeruch bemerkbar, und bald heulten auch Granaten heran. Dann kam der Abstieg in die verrufene Ornesschlucht, in der im aufgeweichten Boden Leichen, Munition und Trümmer aller Sorten lagen. Die Schlucht war fast dauernd unter Feuer, und man konnte aufatmen, wenn man sie hinter sich hatte. Am andern Rand begann der gerade von Norden nach Süden laufende Bayerngraben, durch den man die Stellung erreichte.
Das II./247 löste das II. Bataillon des Leibregiments Nr. 8 ab. Die Stellung verlief südlich des sogenannten Vauxkreuzes, von dem aber nichts mehr vorhanden War, in östlicher Richtung. Der rechte Flügel stieß an den Chaumeswald Drei Kompagnien waren in vorderer Linie, eine etwa 800 Meter dahinter. Der Bataillonsunterstand war in der Gegend der Ornesquelle hinter dem nördlichsten Zipfel des Chaumeswaldes.
Wir hatten von einer ausgebauten Stellung gehört und waren nun enttäuscht, nichts davon zu finden. Ein kaum knietiefer, schlammiger Graben zog sich über die kahle granatendurchfurchte Hochfläche. Einige angefangene Erdlöcher dienten als Unter-schlüpfe. Einige schlechte Stollen waren vorhanden. Das Ganze war eine ehemalige Artilleriestellung, daher lag sie großenteils hinter dem Hang.
Wir stellten sogleich fest, daß die Karten, die wir bekommen hatten, falsche Einzeich-nungen der Stellung trugen; nach ihnen lag das Vauxkreuz vor der Linie. Das wurde sofort gemeldet und mit Skizze nach hinten gesandt. Dort war man aber nicht geneigt, unserer Skizze zu trauen. Jedenfalls befeuerte die Artillerie weiter unsere eigenen Linien. Es begann nun dasselbe Elend wie bei der Sommeschlacht, und alle Meldungen darüber nützten nichts. Es gab Kompagnien, die durch eigene Artillerie schwerere Verluste hatten, als durch die feindliche.
Überhaupt war der Gegner nicht übermäßig tätig. Wir merkten vorne bald, daß dem Beschuß nur wenige Batterien und dem Kaliber nach die üblichen Stellungsbatterien entsprachen. Der ganze Charakter des Feuers hatte nichts ausgeklügelt Feindseliges. Die Franzosen schossen, weil wir schossen, und streuten ziemlich planlos mit meist harmlosen Kalibern die Gegend ab. Auch ihre Infanterie war wenig aktiv. Sie fühlte sich noch unsicher und tastete das Gelände ab, wo sie am besten Stellung suchen könnte.
Dagegen herrschte bei unserer Artillerie ausgesprochene Nervosität. Alle Augenblicke kamen rasende Feuerüberfälle, weil französische Leuchtkugeln als das Sperrfeuerleucht-zeichen angesehen wurden. Die Franzosen setzten dann meistens auch mit Sperrfeuer ein, und so kam es mehrfach vor, daß eine Stunde lang ein Orkan von Geschossen die Hochfläche zerwühlte. Glücklicherweise gingen die meisten doch dahin, wo sie hin sollten, ins Niemandsland.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 247 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1924


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