Samstag, 24. Dezember 2016

24. Dezember 1916


„Bei aller Arbeit zur Rüstung auf neuen Kampf wurde nicht vergessen, Vorbereitungen zu treffen zur feierlichen Begehung des Weihnachtsfestes, das vor der Tür stand, und das die Batterien und Kolonnen diesmal in Ruhe zu feiern dürfen hofften. Wie freute sich z. B. Hauptmann Mößner, seinen Zivilberuf als Architekt bestätigen zu können und den Plan zur Ausschmückung des „Festsaals“ zu entwerfen. Neue Talente wurden ent-deckt, die die Ideen verwirklichten; das Programm fertiggestellt. Da – am 23. Dezember Alarm, und am heiligen Abend rollte das Regiment von Valenciennes ab, tadellos verladen, zu neuen Kämpfen bereit. Am selben Abend wurde bei Charleville die Kolon-ne Mößner von einem entsetzlichen Eisenbahnunfall betroffen, welcher 9 Kameraden das Leben kostete, und 21, zum Teil schwer, verletzte; einer der Schwerverletzten, der Gefr. Beutter, folgte nach wenigen Tagen seinem tödlich verunglückten Bruder, dem immer arbeitsfreudigen, und um das Wohl der Pferde besorgten Unteroffizier und Fahnenschmied Beutter im Tode nach, kurz nachdem ihm der Regimentskommandeur noch durch eine wohlverdiente Auszeichnung eine letzte Freude bereitet hatte. Da die meisten Chargen vom Hauptmann abwärts, der, wie sein Leutnant Hagelauer, mit Schä-delbruch von der Unfallstätte getragen wurde, ausgefallen waren, rollte der Rest der Kolonne weiter unter Führung des Sergeanten Weidner, der sie beim Regiment meldete.
Das tragische Geschick der Kolonne beleuchtet vortrefflich die Ansprache des Feld-oberpfarrers Göns bei der Beerdigung der Todesopfer auf dem Friedhof in Charleville, die hier festgehalten werden soll:
„Mit tiefbewegtem Herzen haben wir uns an der Särgen dieser unserer Kameraden, alles Söhne des schwäbischen Landes, versammelt. Zwar sind wir daran gewöhnt worden, Männer zur Ruhe zu betten, Krieg und Tod stehen hart nebeneinander, und doch ist es hier nicht das feindliche Geschoß, nicht die blanke Waffe, die dieses Sterbens Ursache gewesen ist, sondern ein schwerer, plötzlicher Unfall.
Gerade hatten wir unser Weihnachtsfest gefeiert, und de letzten Lichter waren am Niederbrennen, ein Weihnachtsfest, so arm, wie es äußerlich sein mochte, doch reich durch unsere Liebe, die wir uns gegenseitig gaben, und durch das Andenken an die Lieben daheim. Nur diesen hier und ihren Kameraden war die schöne Feier in diesem Jahre vorenthalten gewesen.
Von der Somme her trug sie das Dampfroß auf einen anderen Kampfplatz zu neuen Taten. Hier vor dem Tore wartete ihr Zug, und wohl in wehmütiger Träumerei gedachten sie der Ihren daheim. Da geschah das Entsetzliche, daß ein eilender Fernzug heranbrauste und sich den Wartenden in den Rücken stürzte. Ein Ruck, ein Knall, ein Zersplittern, und das Schreckliche war geschehen. In den zerschmetterten Wagen, inmitten verbogener Eisenträger, seufzten und ächzten die Verwundeten, andere vergos-sen sterbend ihr Herzblut. Ein schauerliches Bild, wie von jenem Hügel her der Scheinwerfer sein magisches Licht warf, ein Weihnachtsstern, der nicht wie in der Heiligen Nacht das liebliche Bild der Geburt, sondern das erschreckende Bild des Sterbens beleuchtete.
Einem verendenden Drachen gleich spie die zerbrochene Maschine ihre letzten Rauch-wolken aus. Schnell war Hilfe gegenwärtig, die Beamten eilten, die Ärzte kamen, die Brüder des Roten Kreuzes dienten, und man befreite die Verwundeten und brachte sie in schneller Fahrt zu ihren bereitgehaltenen Betten. Aber alle Kunst und alle Fürsorge hat dem Sterben nicht wehren könne, und ihrer acht haben ihr junges Leben verloren. Denkt euch den Schrecken, der sie selbst erfüllte, denkt euch die Trauer, die jetzt durch die ganze schwäbische Heimat vom Neckar bis zum Bodensee geht. Zur selben Stunde, wo man dort, im Augenblick wenigstens den Geliebten geborgen meinte und ein stilles Weihnachtsfest beging, da legte sich die harte Hand des Todes auf die, die sie lieben. Wie manche Mutter hat die Verstorbenen in diesen Tagen, als sie die Namen hörte, bei ihren Namen gerufen und aus liebendem Herzen wohl hinzugesetzt: Du bist mein Sohn! oder andere: Du bist mein Vater, mein Bruder! Eine herzerschütternde Klage! Wer sollte dort nicht mitleiden und mitweinen, wo so viele Tränen sind. Aber eine Stunde, wie die gegenwärtige, wo wir unter dem Einfluß des Wortes Gottes stehen, soll uns nicht weich, sondern stark machen.““


aus: „Das Württembergische Feld-Artillerie-Regiment Nr. 116 im Weltkrieg“, Stuttgart 1921

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