Donnerstag, 29. Dezember 2016

29. Dezember 1916


„Unter dem Befehl des Leutnants Jeuther gehen Offizier-Stellvertreter Schild mit 8 Gruppen der 5. Geb.-Komp., Leutnant Staiger mit 3 Gruppen der 1. Geb.-Komp. über Deal Negru – 1082, und Leutnant Luckscheiter mit 2 Gruppen der 4. Geb.-Komp., 8 Karabinerschützen und 4 Reitern der 2./K. u. K. Hus. 4 auf dem Wege von Nekulele gegen Nereju vor und besetzen abends nach Kampf mit Kosaken Nereju.
Vizefeldwebel Creyaufmüller berichtet: „Mit Sicherung, allgemeine Richtung Norden, durchstoßen wir ein über den ganzen Höhenrücken ost- und westwärts breit ausgedehn-tes Waldstück und gelangen gegen Mittag auf eine freie, nur mit verkrüppeltem Unter-gestrüpp bewachsene Bergkuppe. Von dieser Kuppe können wir feststellen, daß um die im Tal 1500 – 2000 m vor uns liegende Ortschaft Nereju Stellungen gezogen sind, welche die Russen besetzt halten.“
Leutnant Staiger: „Noch während wir uns mit den russischen Vorposten herumschossen, waren aus Nereju zahlreiche kleine russische Trupps von wenigen Mann (3 – 5) hervor-gebrochen und hatten sich über das ganze Vorgelände verteilt. Das Gelände bot in zahlreichen, regellos zerstreuten Mulden, Sand- oder Erdlöchern der verschiedensten Größen ideale natürliche Deckungen. In solchen Löchern lagen nun über das ganze unübersichtliche Gelände verstreut immer wieder ein paar Russen, so daß wir zu gleicher Zeit aus Entfernungen von 400 – 1800 m beschossen wurden. Die Russen hatten wohl weniger die Absicht, Nereju um jeden Preis zu halten, als uns bei unvor-sichtigem Vorgehen durch unerwartetes Feuer aus einer Deckung heraus möglichst große Verluste beizubringen. Diese Kampfweise der Russen führte dazu, daß meine zwei Gruppen eine Frontbreite von 1200 – 1500 m einnahmen. Da eine einheitliche Führung nicht mehr möglich war, ging ich auf den rechten Flügel, um mit Leutnant Luckscheiter Verbindung aufzunehmen.“
Vizefeldwebel Creyaufmüller: „Als erster Verwundeter wird ein Schütze der 5. Kom-pagnie gemeldet (Oberschenkelschuß). Neben mir liegt Unteroffizier Hartmann, ein gebürtiger Isnyer und einstmals stolzer Flügelmann der 1. Kompagnie, der gleichfalls mit seinem Fernglas die russischen Gräben absucht und seine Freude über die Erkennung der gegnerischen Bewegungen dadurch Ausdruck verleiht, daß er in seiner biederen Art als guter Allgäuer sagt: „Eich wemmer no denn scho saaga, blutige Henneköpf“, und zu mir gewandt, ich soll seine Geschoß-Einschläge bei den Russen beobachten, die er mit seinem Zielfernrohr-Gewehr aufs Korn nimmt. Daß er ein guter Schütze ist und seine Munition nicht unnütz, auch bei der großen Entfernung, veraus-gabt, hat er in dieser Stunde bewiesen. Die schwarze Pelzmütze im Sandloch gegenüber flog rücklings hoch. Aber das Strauchwerk vor uns erwies sich bald als ungenügende Deckung. Die wenigen Schüsse aus dem deutschen Zielfernrohr-Gewehr mußte der tapfere Schütze und mutige Beobachter mit seinem Leben bezahlen. Durch die Brust getroffen, den zerschossenen Gewehrschaft fest umfassend, ist Unteroffizier Karl Hartmann den Heldentod gestorben. Nicht Schmerz, nicht Wut, der Ruf nach der fernen Mutter waren seine letzten Worte. Auf ferner Berghöhe haben wir ihn eingebettet und mit Tannenreis schmückten wir das Heldengrab unseres gefallenen Kameraden. Die Bewohner des nahegelegenen Nereju werden diese Stätte aus großer Zeit nicht unbe-achtet lassen. Inzwischen ist Mittag vorüber und Leutnant Staiger tritt zum Abstieg mit zwei Gruppen der 1./Württ. Geb.-Batl. in west-nordwestlicher Richtung an. Ihm folgt Offizier-Stellvertreter Schild mit einer Abteilung der 5./Württ. Geb.-Batl. Die dritte Gruppe der 1./Württ. Geb.-Batl. hält die Höhe noch besetzt und hält dadurch den Gegner davon ab, das Vorgehen der Umgehungsgruppen zu vereiteln. Am Ostabhang des von uns besetzten Höhenrückens liegen die zwei Gruppen der 4./Württ. Geb.-Batl. und unterstützen unser Vorgehen durch ihr überraschendes Feuer auf die russischen Schützengräben. Von Mulde zu Mulde, von Hügel zu Hügel gewinnen wir im feind-lichen Feuer Gelände und liegen jetzt auf Wurfweite von den russischen Stellungen entfernt. Abgesessene Kosaken halten Nereju besetzt. In heldenhaftem Nahkampf fällt der freiwillige Schütze Mayer vom 2. Zug der 1./Württ. Geb.-Batl. Unsere Sanitäter betten den zweiten Toten des Tages in einer Talmulde nahe der ersten Wohnstätte von Nereju zur letzten Ruhe und das Birkenkreuz auf seinem einsamen Heldengrab grüßt hinauf zur Ruhestätte unseres vor Stunden gefallenen Kameraden. Die noch rückwärts liegenden Teile der 1. und 4./Württ. Geb.-Batl.  rücken jetzt über den freien Nordhang nach und füllen unsere Reihen auf. Dies gibt den Russen Veranlassung, zurückzugehen, soweit sie es überhaupt noch können.“
Leutnant Staiger; „Unter glänzender Ausnützung des Geländes! Auch sonst habe ich die Russen an diesem Nachmittag immer wieder bewundern müssen, wie hervorragend sie sich dem Gelände anzupassen verstanden, ganz besonders wenn sie eine Stellung aufgaben. Ich hatte einige Leute bei mir auf dem rechten Flügel und wir schossen uns mit den Russen herum. Schließlich hatte ich noch einen Mann vorne bei mir. Wir lagen uns auf 60 m gegenüber und schossen, was das Rohr hergab, in der Aufregung hüben wie drüben gleich schlecht. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr, das sah jeder ein. Ich brüllte: „Hurra!“ und „Vorwärts!“ und rannte vor und spürte nach zwanzig Schritt, daß ich allein war, stand da und sah, wie drüben auch ein Kosakenoffizier stand und mit der blanken Klinge auf seine Leute einhieb und sie nicht vorwärtsbrachte. Sinnlos vor Wut und Erregung schoß ich meine ganze Pistole auf den Mann drüben ab. Allmählich kam mir das Zwecklose meiner augenblicklichen Lage zum Bewußtsein, daß ich so mit leergeschossener Pistole als Zielscheibe für die in der Aufregung ganz miserabel schies-senden Kosaken dastand, und mit einem Seitensatz verschwand ich in einer Vertiefung.“
In den Russen haben die Gebirgsschützen vortreffliche Soldaten und sehr ernst zu nehmende Feinde kennengelernt. Russen, Österreicher und Deutsche in einer Front mit Türken und Bulgaren – was wäre da aus der Entente geworden!“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

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