Dienstag, 11. April 2017

11. April 1917



„Am 11. April 1917, 2 Uhr vormittags, hörten die Posten Motorengeräusch. Bei dem starken Artilleriefeuer wurde das Geräusch wenig beachtet. Die Kompagnien wurden aber gefechtsbereit gemacht, da der Gegner auffällig Bullecourt im Abschnitt 120 und Riencourt in unserem Abschnitt unter Feuer nahm. 4.30 Uhr vormittags sahen die posten Engländer am Drahthindernis arbeiten, sie alarmierten die Kompagnien. 4.45 Uhr vormittags wurde das Motorengeräusch lauter und kam näher, bald wurden mehrere Tanks erkannt, die auf den Abschnitt zufuhren. Dahinter folgten 5 englische Sturmwel-len, denen dicht gedrängte geschlossene Abteilungen folgten. In großer Anzahl erschie-nen tieffliegende Flieger, die mit Hupen Signale gaben. Unser rechtzeitig ausgelöstes Sperrfeuer setzte ein, war aber für den großen Abschnitt reichlich dünn. Die Graben-besatzung war auf die Brustwehr gesprungen, um nicht im Graben wehrlos niederge-macht zu werden, und schoß und warf Handgranaten in die anstürmenden Massen. Die M.-G. mähten die Engländer reihenweise nieder, aber immer wieder schlossen sich die Reihen und drängten näher an den Graben heran. 70 Patronen hatte jeder Mann verfeuert, dann begann der Nahkampf. Die 1. Kompagnie am rechten Flügel wurde zuerst überwältigt, 20 Mann und die Bedienung eines schweren M.-G. niedergemacht, 40 Mann wurden verwundet, der Rest wich auf die zweite Linie aus. Der Kompagnie-führer, Leutnant d. R. Mohr, setzte seinen Reservezug zum Gegenstoß an, er fiel aber bald darauf durch eine Handgranate an der Spitze des Sturmtrupps. Der Zug hatte anfangs Erfolg und drängte die Engländer zurück, bald aber gingen die Handgranaten aus und diesen Augenblick benutzte der Gegner und warf den Zug wieder zurück. An einem Hohlweg hinter der Stellung klammerte sich der Rest der 1./124 an und suchte ein weiteres Nachdrücken der Engländer zu hindern. Glücklicher in der Abwehr war die links daneben liegende 2. und 3. Kompagnie. Trotzdem etwa 7 feindliche Kompagnien gegen sie anliefen und 3 Tanks vor der Stellung hin- und herfuhren, gelang es den Kompagnien, ihre Stellungen zu halten und sich gegen die Einbruchsstelle abzuriegeln. Ein Tank war in das Drahthindernis hineingefahren und in den Drähten stecken geblie-ben, vergeblich suchte er sich durch Vor- und Zurückfahren zu befreien, schließlich blieb er liegen, feuerte aber weiter. Ein M.-G. mit S.m.K.-Munition und ein Minen-werfer nahmen ihn unter Feuer. Nach kurzer Zeit war er außer Gefecht gesetzt, die Munition des M.-G. hatte den Panzer durchschlagen, der Minenwerfer 4 Volltreffer erzielt, die fliehende Besatzung wurde abgeschossen. Gegen die beiden nächsten Unter-abschnitte gingen ebenfalls mehrere Tanks vor. Alles, was in ihrer Nähe war, wurde beschossen; Mit 6 M.-G. aus jedem Tank kämmten die Engländer die Brustwehr der Stellung ab und erstickten jeden Widerstand. Die 10. und 11. Kompagnie hatten hier schwere Verluste. Obwohl ein Minenwerfer einen Tank durch Volltreffer auf den Radgürtel außer Gefecht setzte, konnten sich beide Kompagnien der Übermacht nicht erwehren und wurden aus der 1. und 2. Linie zurückgedrängt. 40 Mann fielen in Gefangenschaft. Im Abschnitt am weitesten links hielten sich die 12. Kompagnie und Teile der 11. gegen alle Angriffe, 5 Gruppen des Grenadier-Regiments halfen hier entscheidend mit. 8.30 vormittags hatten die Engländer C 1 1. und 2. Linie genommen, in C 4 und 5 die 1. Linie und Teile der 2., von hier aus waren sie in dem Calwer Graben weiter vorgestoßen bis an das Drahthindernis der Artillerieschutzstellung. Mehrere feindliche Kompagnien mit zahlreichen M.-G. hatten sich am Weg Kapelle, südlich Riencourt – Sanssouci-Mühle festgesetzt.
II./124 war in der Nacht zum Schanzen an der Artillerieschutzstellung vorgezogen ge-wesen und hatte beim Einsetzen des Trommelfeuers selbsttätig einzelne Züge vorge-schickt, die die 2. Linie verstärkten und beim Abdämmen gegen den eingedrungenen Feind halfen. Die dem K.-T.-K. unterstehende 9./124 hatte mit 2 Zügen den im Calwer Graben vorgedrungenen Gegner bereits bis zur 2. Linie im Handgranatenangriff zurück-getrieben, als sie sich infolge falscher Gerüchte von ihrer Umfassung auf die Artillerie-schutzstellung zurückzog. Die Lage war nicht gut, vor allem waren die Kompagnien, die sich vorn noch hielten, bei einem erneuten Angriff der Engländer in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Die Entscheidung mußte schnell gesucht werden und so gab der K.-T.-K., Hauptmann d. R. Schöllmann, folgenden Befehl: „Gegenstoß der 9. und 5. Kompagnie durch Calwer Graben, Gegenstoß der 7. Kompagnie von der Artillerie-schutzstellung gegen Sanssouci-Mühle. Gegenstoß der 6. und 8. Kompagnie von Ver-bindungsgraben 6 aus. Um 9 Uhr vormittags brechen alle Stoßkolonnen gleichzeitig vor.“ Die 9./124 unter Leutnant d. R. Schlotterbeck bahnte sich schnell wieder im Calwer Graben ihren Weg und trieb den Feind in der 2. Linie zusammen und besetzte diese bis zum rechten Grenadierflügel. Der Gegner an der Mühle wurde von der Artil-lerieschutzstellung unter wirkungsvolles Feuer genommen, besonders ein M.-G.-Zug unter Leutnant d. R. Kimpfler riß hier große Lücken. Als die 7./124 gegen die Mühle vorstieß, war der eingedrungene Feind auf allen Seiten umstellt, denn auch 6. und 8./124 hatten am rechten Flügel die 2. Linie und die Verbindungswege wieder genommen. Während die eingeschlossenen Engländer in Scharen nach Riencourt gefangen abge-führt wurden, stürmten die Sturmtrupps durch den Erfolg ermutigt über freies Feld vor und nahmen die 1. Linie wieder, unterstützt von Stoßtrupps, die von beiden Seiten die vorderste Stellung aufrollten, auf dem linken Flügel beteiligten sich auch hieran Teile der Grenadiere. Das am Weg Riencourt – Noreuil verloren gegangene deutsche M.-G. wurde von Leutnant d. R. Schlotterbeck zurückerobert, 2 englische M.-G. wurden feuernd mit stürmender Hand genommen. Nochmals wurde eine große Zahl Engländer gefangen, 15 Lewis-M.-G. und 2 Minenwerfer erbeutet. Beim Vorstoß am rechten Flü-gel zeichnete sich besonders die 4./124 aus, der sich die Reste der 1. Kompagnie ange-schlossen hatten. Die Sturmabteilungen der Unteroffiziere Pfitzenmaier, Bäuerle und Spieß brachen jeden Widerstand des Gegners, der sich besonders in C 1 aufs Hart-näckigste wehrte. Unteroffizier Stoll, 2./124, hatte den Engländern 5 Lewis-M.-G. entrissen, er ließ sie gegen den Feind einbauen und verwenden. 3 Uhr nachmittags war der Abschnitt wieder restlos in der Hand des Regiments. Hunderte von englischen Toten lagen vor der Front, besonders an den Durchbruchsstellen und vor dem M.-G. am Weg Riencourt – Noreuil. Sie gaben ein beredtes Zeugnis von der Schwere des Kampfes, 4 Tanks lagen kampfunfähig gemacht vor der Stellung. Englische Kavallerie, die zuerst mit einer stärkeren Patrouille am Drahthindernis entlang geritten war und mit stärkeren Abteilungen weiter rückwärts gehalten hatte, mußte unverrichteter Sache wieder abzie-hen.
So war am 11. April der anfängliche Mißerfolg in einen glänzenden Sieg umgewandelt worden. Alle Angehörigen des Regiments hatten ihren alten Ruf voll bewährt und hervorragende Proben von Tapferkeit und unerschütterlichem Mut abgegeben. Neben mehreren hundert Gefangenen betrug die Gesamtbeute 2 Tanks, 7 schwere M.-G., 49 Lewis-M.-G., 2 Minenwerfer und viel sonstiges Material. Der 11. April gehört mit zu den Ehrentagen des Regiments.
Die eigenen Verluste waren schwer. Tot waren 144 Mann, darunter die Leutnants d. R. Nestle, Mohr, Hauff, Weber, Geiger und Fähnrich Ricker, verwundet wurden 230, dabei die Leutnants d. R. Beutter, Strenger, Blattmann, Sauter und Offizierstellvertreter Schütze. Die Fähnriche Hepp, Hafner und 60 Mann wurden vermißt.

aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921


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