Dienstag, 6. November 2018

6. November 1918



„Mitternacht war schon vorüber. Kein Schuß unterbrach die Stille. Die Nacht war tief dunkel. Da, kurz vor 3 Uhr morgens, wurde die am rechten Flügel des Regiments ste-hende 6. Kompanie plötzlich von Engländern in der Flanke überraschend gepackt und aufgerollt. Der Feind war wie aus dem Boden gewachsen. Die links anschließende 5. Kompanie konnte mit knapper Not gerade noch 200 Meter nach Osten ausweichen. Ehe sie sich versehen hatte, hatte der Feind die schwache Besatzung der Mecrimont-Ferme überrannt. Die Ferme war englisch.
Das alles war im Laufe weniger Minuten erfolgt. Als Leutnant d. R. Schoder um 3 Uhr morgens die Überraschung telephonisch meldete, glaubte Hauptmann Franke zunächst an ein Phantasiegebilde. Er fragte beim rechten Nebenregiment an. Dieses erwiderte, die Meldung des Leutnants Schoder stimme. Der Feind habe die Sicherung an der Eisen-bahnbrücke südlich Berlaimont völlig überrascht, ohne daß dabei ein Schuß gefallen wäre, desgleichen die linke Flügelkompanie. Auf diese Weise sei es möglich, daß der Gegner unbemerkt dem Füsilier-Regiment in die Flanke gekommen sei.
Gleich darauf klingelte Hauptmann Uhland, der Führer des I. Bataillons an: sein Batail-lon halte noch, die 1. Kompanie habe nach Norden abgeriegelt.
Das klärte die Lage. Hauptmann Franke gab dem in Leval liegenden III. Bataillon den Befehl, zum Gegenstoß nach Norden anzutreten und die Mecrimont-Ferme wieder in Besitz zu nehmen. Das II. Bataillon sollte, sobald der Angriff des III. Bataillons von Süden her wirksam werde, seinerseits von Osten her angreifen. War der Feind nicht übermäßig stark, so mußte er durch diesen doppelseitigen Angriff in eine Art Zange geraten. Die Möglichkeit war gegeben, ihn gründlich zu schlagen.
Leider schwand diese Möglichkeit bald. Das III. Bataillon stieß auf geschlossene eng-lische Kompanien. Man prallte in der dunklen Nacht auf Schrittweite aufeinander. Hier entschied nur mehr die Masse und die rohe Gewalt. Und diese war beim Feinde. Es kam zu erbitterten Nahkämpfen. Schüsse fielen fast gar nicht, Maschinengewehre und Artil-lerie waren in dem nächtlichen Durcheinander ausgeschaltet. Nur das Bajonett tat hier seine Arbeit.
Es war – zum erstenmal wieder seit langer Zeit – ein reiner Infanteriekampf, der im Dunkel der Nacht am Sambre-Kanal ausgefochten wurde. In breiter geschlossener Front, in ruhiger Gleichmäßigkeit, drückte der Engländer von der Eisenbahnbrücke bei Berlaimont aus nach Südosten. Wenn an einer Stelle die schwachen Kompanien des Regiments Widerstand leisteten, blieb die englische überflügelnde Front im Vorgehen und kam so von selbst in Rücken und Flanke. Mehr als einmal hat nur die tiefe Dunkel-heit, die unbemerktes Entschlüpfen durch eine schmale Gasse erlaubte, die Kompanien vor der Umzingelung gerettet.
Es wurde 6 Uhr morgens.
Das I. Bataillon hielt immer noch seine alte Stellung. Ein Teil hatte Front nach Norden, der andere Front nach Westen. Das II. und III. Bataillon lagen um diese Zeit hart bedrängt an der Bahnlinie nordwestlich Petit Maubeuge. Um 6.30 Uhr vormittags wurde das I. Bataillon von Norden und Nordosten her gefaßt. Ein Zurückgehen nach Osten war nicht mehr möglich. Hier stand bereits der Feind. Um der fast unvermeidlich geworde-nen Gefangennahme zu entgehen, faßte Hauptmann Uhland und seine Kompanieführer einen kühnen Entschluß: nach Westen, also gegen den Kanal zu, durchzubrechen, und dann, am Kanal entlang nach Süden vorgehend, Anschluß an die 121. Division zu ge-winnen.
Der dichte Nebel half dem Bataillon. Der Plan gelang den Kompanien, nicht aber dem Bataillonsstab. Dieser stieß auf allernächste Entfernung im Nebel mit einer geschlos-senen englischen Abteilung zusammen, die nach der ersten gegenseitigen Überraschung zu feuern begann. Es war fast ein Wunder, daß der ganze Stab unverletzt nach Osten entkam. Die Kompanien schlugen sich an den Westrand von Leval durch, fanden bald Anschluß an die 121. Division und kämpften dort den Tag über mit.
Da auch ein Teil des III. Bataillons nach Süden abgedrängt worden war, war die Ge-fechtskraft des Regiments in dem ihm zugewiesenen Abschnitt (bei und nördlich Bahn-hof Aulnoye) allmählich verschwindend gering geworden. Zwischen dem Südrand von Aulnoye und der Bahnlinie lag das arg mitgenommene II. Bataillon mit Schützengrup-pen und ein paar Maschinengewehren. Die breite Höhe südlich des Bahnhofs war zu-nächst frei von Freund und Feind. Zu allem hin griffen jetzt, etwa 8 Uhr vormittags, die Engländer das rechts neben dem Füsilier-Regiment liegende Regiment an. Die 479 wehrten sich aber in Aulnoye energisch. So gewann Hauptmann Franke Zeit, am West-rand des Bahnhofs eine zusammenhängende Schützenlinie aufzubauen und dicht östlich des Bahnhofs aus Pionieren und Fernsprechern eine kleine Reserve von 50 Mann zu bilden.
Etwa um 9 Uhr vormittags sah man auf der Höhe südlich des Bahnhofs Bewegung: entweder eine englische starke Patrouille oder eine schwache deutsche Schützenlinie. Es waren die drei Bataillonsstäbe des Regiments, die hier die Höhe verteidigten. Bis 1.20 Uhr nachmittags haben sie den Höhenzug gehalten. Hauptmann Uhland wurde dabei verwundet. Die Besatzung der Höhe betrug ausschließlich der Offiziere ganze 16 Ge-wehrträger. Da der weitaus größte Teil des Regiments im Süden bei der 121. Division kämpfte, ergaben es die Verhältnisse bei Aulnoye von selbst, daß die Bataillonsführer zu Zugführern, der Regimentsführer zum Kompanieführer wurde.
Um 1.20 Uhr nachmittags wurden die Stellungen nördlich und südlich des Bahnhofs befehlsgemäß geräumt. Das Regiment ging, um nicht umfaßt zu werden, langsam, mit den Offizieren und Unteroffizieren vor der Front, auf die nächste Höhe, etwa 1 Kilo-meter östlich, zurück und besetzte hier wieder im Anschluß an das Infanterie-Regiment 479.
Als die Dämmerung hereinbrach, schob sich von Süden her die 121. Division an den linken Flügel des Regiments heran. Damit war wieder, nach mehr als 10 Stunden, eine geschlossene Front hergestellt. Auch die zur 121. Division abgedrängten Teile des Füsi-lier-Regiments meldeten sich kompanieweise allmählich wieder zurück. Als es dunkel geworden, war das ganze Regiment wieder beisammen.“


aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

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