Donnerstag, 1. November 2018

1. November 1918



„Wir standen östlich von Schloß Landreville. Vor uns der Hazoiswald, von wo man das Hintergelände beim Feind einsehen konnte. Einige schöne Spätherbsttage verliefen ohne Störung. Da fielen eines Nachmittags einige Schüsse in unsere Nähe, ein Flieger stand über uns. Dann wurde es wieder ruhig. Wir gaben uns der Hoffnung hin, nicht erkannt worden zu sein.
Da begann es am Abend des 31. Oktober im ganzen Abschnitt sehr lebhaft zu werden. Auch über unsere Stellung ging Schuß auf Schuß hinweg. Die Verbindung zur Unter-gruppe war bald unterbrochen. Die Infanterie ließ mitteilen, sie rechne am Morgen mit einem Angriff. Zwei unserer Kanoniere brachten die Nachricht. Sie erzählten, sie seien kaum durch das stark beschossene Zwischengelände hindurchgekommen. Das half aber nichts: einer der beiden mußte mit einem anderen Kameraden den schweren Weg wieder antreten. Ihr Ziel erreichten sie nicht mehr, sie fielen in die Hände der vorrückenden Amerikaner. Wir in der Batteriestellung spürten in allen unseren Nerven den kommen-den Angriff. So mancher Großkampftag lag schon hinter uns; aber diesmal war es an-ders. Es fehlte die Verbundenheit mit der Infanterie und das Vertrauen auf ihre Wider-standskraft. Schweigend lagen und saßen wir in unseren Löchern. Langsam rückte die Nacht voran, bald mußte der Morgen kommen. Der eine oder andere war nun doch eingeschlafen; wir andern, abgestumpft und müde, dösten vor uns hin. Da, mit einem Schlag fahren wir alle auf, dann stehen wir einige Sekunden wie gelähmt. Ein ungeheu-res Getöse hat eingesetzt, schwere Einschläge in der Batterie. Ein Donnern und Krachen vor uns, hinter uns, zur Rechten, zur Linken. In der Luft pfeift es, gurgelt es, heult es, Geschoß auf Geschoß zieht über uns hinweg. Der Boden wankt und zittert. Ohne Kom-mando stehen die Bedienungen an den vier Geschützen. Und dann beginnen diese in den Morgen hinein nochmals im wilden Sperrfeuertempo Granaten gegen den Feind zu schleudern, den sie in seiner Übermacht nicht mehr aufhalten können. Von vorn keine Nachricht, von hinten keine Befehle! Die Ungewißheit sollte diesmal nicht lange dau-ern. Bald nachdem es Tag geworden, ging Infanterie aufgelöst durch unsere Stellung zurück. Der Feind sei längst im Hazoiswald. Wir mußten also mit der Entfernung abbre-chen. Im Wald glaubten wir noch unseren Nachtbeobachter Unteroffizier Meister mit zwei Meldegängern. Warum kam er nicht auf die Batterie zurück? Erst nach Monaten erfuhren wir, daß er dort mit einem seiner Begleiter geblieben war. In der Batterie sah es inzwischen übel aus, besonders beim rechten Zug. Granatloch an Granatloch, umherge-schleuderte Munition, in den schwer gefährdeten Unterständen einige Schwerverwun-dete, die nicht weggebracht werden konnten. Es kamen nur noch einzelne Infanteristen durch unsere Stellung, wir wußten, vor uns wird kein Widerstand mehr geleistet, unsere vier Haubitzen stehen nun in vorderster Linie.
Der Batterieführer, Leutnant Mosthaf, schlug einem mit seiner Mannschaft zurückge-henden M. G.-Offizier vor, mit uns zusammen ein Widerstandsnest zu bilden. Das Ma-schinengewehr wurde links von der Batterie aufgestellt, die Leute legten sich nieder; als aber Leutnant Mosthaf nach wenigen Minuten vom rechten Flügel zurückkam, waren unsere Kampfgenossen verschwunden. Wir waren auf uns selbst gestellt! Von der hinter uns stehenden 1. Batterie kommt die Nachricht, links von uns habe der Gegner unsere Höhe schon erreicht. Nicht lange darauf kam Maschinengewehrfeuer von links rück-wärts. Noch immer lag das feindliche Feuer auf unserer Stellung, vor uns war noch kein Amerikaner zu sehen. Waren wir nach hinten schon abgeschnürt? Leutnant Mosthaf läßt zum Sprengen der Haubitzen alles zurecht machen. Noch feuern die Geschütze, aber heil sollen sie dem Amerikaner nicht in die Hände fallen. Das Maschinengewehr steht schußbereit links vorwärts der Batterie. Wie sieht es rechts aus? Der Batterieführer will nach dieser Seite selbst erkunden. Da schlägt eine Granate vor ihm ein und verwundet ihn an Kopf und Bein. Den am Boden Liegenden zieht Unteroffizier Pflüger zwischen der in Brand geratenen Munition heraus, in einem Granatloch bei der 1. Batterie wird er verbunden, da kommt wieder eine Granate und verwundet seine beiden Begleiter. Von Leuten der 1. Batterie wird er zurückgebracht. Die 8. Batterie kommandiert nun Leut-nant Beck.
Die Lage ist verzweifelt. Der Amerikaner kommt jetzt von vorn und von beiden Seiten. Das Artilleriefeuer hat aufgehört, dafür pfeifen jetzt die M. G.-Geschosse. Der alter-probte Unteroffizier Ginader fällt. Ein dumpfer Knall, ein-, zwei-, drei, viermal: die 8. Batterie hat ihre vier Haubitzen gesprengt. Von Deckung zu Deckung geht, was noch an Mannschaften da ist, zurück. Nur beim Maschinengewehr liegen noch Leutnant Beck mit einigen Mann, sie feuern so lange es geht. Die Stellung ist abgeschnürt und wird genommen, die kleine Schar beim Maschinengewehr und die Schwerverwundeten fallen in die Hand der Amerikaner. Der Kampf ist aus.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Feldartillerie-Regiment Nr. 54 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1929

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