Donnerstag, 2. April 2015

2. April 1915


„Am 1. April 1915, 3 Uhr nachmittags, kamen Major Graf und sein Adjudant eben von der täglichen Stellungsbesichtigung aus Ammerzweiler zurück, als eine Ordonnanz des Regiments sie dringend auf das Regiments-Geschäftszimmer nach Bernweiler berief. Dort wurde Major Graf von Hauptmann Grohe, dem Brigadeadjudanten, der zu diesem Zweck mit Artillerie- und Pionieroffizieren in Bernweiler erschienen war, der strikte Befehl erteilt, in der Nacht vom 1./2. April am Lerchenberg, nördlich Ammerzweiler, einen Vorstoß zu unternehmen und Gefangene einzubringen. Die erheblichen Bedenken (Vollmondnacht; keine Zeit zu Vorbereitungen; ungünstiges Gelände) mußten gegenüber dem Befehl der Brigade, daß „höhere Rücksichten die sofortige Ausführung verlangten, koste es was es wolle“, zurücktreten.

Major Graf setzte infolgedessen mit Billigung des Regiments zwei Unternehmungen an. Einmal hatte Hauptmann Kieser (4. Komp.) die französische Stellung auf dem 304 m hohen Lerchenberg zu stürmen; und dann hatte Leutnant Seebaß, Führer der 1. Komp., den vor dem feindlichen „Balschweiler Vorwerk“ befindlichen Unteroffiziersposten auszuheben. Die Vorstöße waren als nächtliche Überrumpelungen gedacht. Artillerie wurde, ohne sich vorher eingeschossen zu haben, von der Brigade bereitgestellt.

Die Vorbereitungen zum Angriff waren 1.30 Uhr nachts beendigt. Die Brigade behielt sich jedoch vor, den Befehl zum Angriff zu erteilen, der gleichzeitig mit einer Unternehmung des Landw.-Inf-Reg. 119 bei der Ziegelei Mischen bei Oberburnhaupt stattfinden sollte.

Es war eine wunderbare klare Vollmondnacht. An der ganzen Front herrschte Totenstille. Hell hoben sich die dunklen Linien der feindlichen Lerchenbergstellung im Schein des Mondlichts ab. Da bricht um 2.40 Uhr vormittags Hauptmann Kieser in eigener Person mit seinen Leuten von der 4. Komp. in überraschendem Angriff gegen die feindlichen Linien vor. Zwei Gruppen Infanterie in der Mitte, je drei Gruppen mit einigen Pionieren der badischen 2. Res.-Pionier-Komp. 14 vermischt auf den Flanken. Im Marsch, Marsch! geht es wie auf dem Exerzierplatz über die mit dichtem Gras und Gestrüpp bewachsenen Äcker hin, rasch war nach mehreren Sprüngen das feindliche Drahtverhau erreicht; schon stürzt sich die nördliche Abteilung unter dem schneidigen Vizefeldwebel Heller der 4./L. 123 in den vordersten feindlichen Graben, rennt auf einen Unterstand los und wirft Handgranaten hinein; doch siehe, der Feind ist gewarnt und rennt schleunigst davon. Vizefeldwebel Heller eilt mit einigen beherzten Leuten nach; schon ist er eine Franzosen auf 3 m nahe, da rasselt ein feindliches Maschinengewehr von der Seite her. Vizefeldwebel Heller fällt, ins Herz getroffen; die andern werden verwundet. Der Angriff kommt ins Stocken; die Schar zieht sich, die Leiche des tapferen Führers in der Mitte, zurück.

Die mittlere Abteilung beschäftigt inzwischen befehlsgemäß den Feind durch Feuer. Gleichzeitig stürmt Hauptmann Kieser mit der linken Abteilung in raschem Tempo über die Straße Ammerzweiler–Niederburnhaupt und gelangt bis an das Drahthindernis des Gegners. Doch hier ist der Feind auf seinem Posten. Als hätte er Kenntnis von dem Vorstoß, schickt er Hauptmann Kieser eine starke Abteilung in die linke Flanke und überschüttet ihn und seine braven Leute mit heftigem Maschinengewehrfeuer. Die Überraschung war mißlungen. Mit Toten und Verwundeten kehrte auch diese Abteilung in die eigene Stellung zurück.

Kaum hatte Hauptmann Kieser durch Fernsprecher dem Bataillon und Regiment Meldung erstattet, als die Brigade einen sofortigen zweiten Angriff mit Artillerie befahl.

Rasch rafft Hauptmann Kieser acht Gruppen seiner Kompagnie mit zwei Gruppen Pionieren zusammen und stürmt 4.30 Uhr vormittags noch einmal unter dem Schutze der eigenen Artillerie vor. Es gilt, keine Minute zu verlieren; denn von der Nacht bleibt wenig Zeit mehr übrig. Es gelingt ihm, mit dem zuverlässigen Leutnant Hauff die Straße Niederburnhaupt–Ammerzweiler, südlich der feindlichen Stellung auf dem Lerchenberg, zu überqueren und durchs Drahtverhau in die feindliche Stellung einzudringen. Doch siehe, der kluge Feind hat den ersten Graben geräumt und sich in rückwärtige, die erste überhöhende Linien zurückgezogen. Hauptmann Kieser schwenkt nun nach Norden ein und gedenkt, das feindliche Werk von der südlichen Flanke aufzurollen. Da geraten die vorgehenden Gruppen wie beim ersten Angriff in heftiges Maschinengewehr- und Infanteriefeuer, das die eigene Artillerie nicht niederhalten kann, weil beide Parteien schon zu eng ineinander verstrickt erscheinen. Schwere Verluste treten ein. Hauptmann Kieser wird von drei Schüssen an beiden Armen schwer verwundet und verliert für längere Zeit das Bewußtsein; Leutnant Hauff sinkt, durch die Brust geschossen, nieder; zwei weitere Zugführer, Vizefeldwebel Dreher und Stimm, von der 4./L. 123, werden gleichfalls schwer verwundet.

So war der Erfolg der tapferen Schar zum zweiten Male versagt. Sie mußte umkehren. Aber gerade der Rückzug war am allerschwersten. Zwar drängte der Feind über seinen ersten Graben hinaus nicht nach. Aber inzwischen war es hell geworden. Und nun lag die breite Mulde, durch die die Stürmer hindurch mußten, im scharfen Maschinengewehrfeuer des Feindes, das trotz eigener Artillerie und Maschinengewehre nicht zum Schweigen gebracht werden konnte. Mancher brave Landwehrmann wurde auf dem Rückweg erst verwundet und lag nun, von Feind und Freund gesehen, zwischen dem Drahtverhau der beiden Stellungen. Die Versuche, die Schwerverwundeten unter dem Schutz der Genfer Flagge hereinzuholen, die der Bataillonsadjudant mit einigen Tapferen anstellte, wurden mit heftigstem Maschinengewehr- und Infanteriefeuer des Feindes beantwortet.

Schließlich gingen der stellvertretende Führer der 4. Komp., Leutnant Dinkel, Friedrich, und Unteroffizier Kolb aus eigenem Antrieb mit einer großen Genfer Flagge in die feindliche Stellung, um mit dem französischen Führer über die Bergung der Verwundeten zu verhandeln. Ein französischer Leutnant vom 235. Inf.-Regiment erschien, teilte aber nach kurzer Besprechung mit dem französischen Oberkommando mit, daß die Franzosen eine Bergung der verwundeten Deutschen nicht gestatten und nur die Toten herausgeben würden. Die Unterredung war ergebnislos. Wer sind nun die „Barbaren“, als welche man die Deutschen hingestellt hat? Das Urteil sei dem Leser überlassen.

Der zweite Vorstoß, den die 1./L. 123 in der Balschweiler Stellung unternahm, verlief planmäßig und ohne Verlust, hatte aber auch kein positives Ergebnis, da der Feind – ob gewarnt? – den Unteroffiziersposten just in dieser Nacht geräumt hatte. Immerhin ließ Leutnant Stark, der Führer der Patrouille, die gesamten Anlagen gründlich zerstören und einebnen.

Der 2. April 1915 war für das I./L. 123 und die 4. Komp. ein schwerer Karfreitag geworden, ein Tag des Opfers und des Leidens. 10 Tote, 18 Verwundete, darunter viele Chargen, vom Hauptmann bis zum Gefreiten herunter, und etwa ein Dutzend Leute, die verwundet in französische Gefangenschaft gerieten, hatte dieser Tag gekostet. Und das schwerste war, daß die Unternehmung keinen Erfolg gehabt hatte. Es gelang zwar, in den folgenden Nächten noch 4 unverwundete, aber völlig erschöpfte Kameraden und 4 Tote im Vorgelände zu bergen; aber dies änderte am Gesamtergebnis nichts.“



aus: „Württembergisches Landw.-Inf.-Regiment Nr. 123 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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