Dienstag, 28. April 2015

28. April 1915


„Die Gefechtstätigkeit war ja, mit Ausnahme einiger Feuerüberfälle, sowohl bei Tag wie bei Nacht keine rege; die Ziele der historisch alten Haubitze, die aus Przasnysz herüberspuckte, waren uns bald bekannt, und die feindliche Artillerie war der unsrigen keinesfalls gleichwertig. Mit Sicherheit aber wußten wir, daß der Russe am Frühmorgen uns in Ruhe ließ, denn da ging’s drüben nach durchwachter Nacht lustig her. Alle 10–15 Meter sah man aus den russischen Gräben Rauchwolken emporsteigen, ein Zeichen, daß auch drüben das Kaffeetrinken eine bedeutende Rolle spielte. – Und nun hinter unserer vorderen Linie? – Janowienta! – Bei unserem Einzug damals ein schmutziges, unerfreuliches Nest. Die Straßen in elend durchweichtem Zustand, man ersoff fast und war der Boden gefroren, so war das Gehen auf den ausgefahrenen Straßen außerordentlich beschwerlich, ja schmerzhaft. – Aber noch schlimmer war ihr Zustand im Frühjahr, als das Tauwetter einsetzte. Die Pferde kamen kaum vorwärts, bis an den Bauch ging ihnen der aufgeweichte lehmige Schlamm, die Fahrzeuge staken bis über die Achsen im Dreck. Hier war eilige Hilfe dringend notwendig. Unter Hauptmann Frommann wurde ein Wegebaukommando gebildet, das dank der fachmännischen Leitung und des Fleißes jenes Kommandos schon in kurzer Zeit Ordnung schaffte, indem aus den nahe gelegenen Kieferwaldungen Stämme bezw. Knüppel herbeigeschafft wurden, um damit der Straße einen festen Unterbau zu geben. – Aber auch in der Stellung hauste das Tauwetter verheerend. Das ganze Grabensystem kam ins Rutschen und war oft nicht zu entwässern. Unterstände waren in weniger als einer halben Stunde in sich zusammengesunken, so daß man Mühe hatte, die darin untergebrachte Munition oder Ausrüstungsstücke noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Bei den „im Grunde“ liegenden Russenstellungen muß diese Jahreszeit geradezu katastrophal gewesen sein. – So waren wir auch jetzt ständig in Atem gehalten. Der Wiederaufbau der Stellung, der Annäherungsgräben, der Reservestellungen hielt die Truppe Tag und Nacht in Tätigkeit. Von nun an spielte der Sandsack, um das Einfallen der Stellungen zu verhindern, eine große Rolle.“




aus: „Das Infanterie-Regiment „Alt Württemberg“ (3. Württ.) Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1921

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