Mittwoch, 22. April 2015

22. April 1915


„Der 22. April kam herauf. Will er ruhig bleiben? Gelegentlich nur pfeift eine Granate nach C hinein, da und dort klacken die Postenschüsse nach den Stahlblenden beim Gegner. Da – gegen ½10 Uhr beginnt schlagartig das Feuer gegen die ganze Front der Brigade. Einschlag folgt auf Einschlag. Gegen 11 Uhr ein ohrenzerreißender Krach: das Munitionsdepot bei der Bataillonsreserve geht in die Luft mit 300 Minen, bei 1000 Hand- und Gewehrgranaten, 25 000 Schuß Infanteriemunition. Ein Riesentrichter sperrt den Laufgraben. Es wird Mittag. Einschläge, Abschüsse mischen sich zu wirrem Gebrülle: Trommelfeuer. Von ½11 bis ½12 Uhr wird der Lärm, der Staub unerträglich. Unterstände splittern, Grabenstücke werden ausgelöscht.
Da – ein neues – 1.30 Uhr nachmittags erbebt die Erde, bis zum Erdwerk, Unterstandstüren springen auf, man fliegt gegeneinander. 8 Minenstollen sprengt der Franzose vor der Front des Regiments. 3 vor B, 4 vor C, 1 vor D, oder waren es mehr? Wer kann es wissen? Grundtief ausgerissen ist der Fels, Quaderstücke trägt die Erdfontaine haushoch in die Luft, prasselnd kommen die Erdmassen zu Boden, Gras und Kraut verschüttend, Gräben, Unterstände und Menschen. Wer kann diese letzten Augenblicke schildern? Wo sind die Männer der 9. Komp., unter denen die Erde sich öffnete, wo ist ihr tapferer Führer, Oberleutnant Ströbel, der im Graben stand, den Feind erwartend, als Feuer aus der Erde brach, als der Trichter in die Luft flog. Sie liegen erschlagen unter den Erdmassen. Staub deckt den Kuhkopf. Und immer neue Fontainen springen hoch, Lage auf Lage heult von Süd, von Ost, von Südwest auf den gemarterten Boden nieder. Riegelfeuer schwerer Kaliber liegt auf allen Zugangsgräben, haut in die Reserven.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart, 1922

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