Montag, 26. Oktober 2015

26. Oktober 1915


„Für den 23. Oktober war die Wegnahme der Höhen beiderseits Tulez befohlen. In frischem Zug faßten das Gren.-Reg. 119 die Höhen westlich, das Inf.-Reg. 125 die Höhen östlich Tulez zu beiden Seiten der Straße an. Um die Mittagszeit waren die Angriffsziele erreicht. Das II. Bataillon legte noch Hand auf die Brückenstelle Vencani und schob stärkere Aufklärungsabteilungen über die Turija vor. Leider wurde an diesem Tage der Leutnant d. R. Mayer (Viktor) so schwer verwundet, daß er am 1. November starb. Dieser tapfere Offizier, der in den Reihen des Regiments schon in Frankreich und Rußland gekämpft hat, ruht in serbischer Erde, aber auch dort von uns unvergessen.
Am Abend meldeten unsere unermüdlichen Patrouillen, die sich unerschrocken und wagemutig an die Fersen des Feindes geheftet hatten, dessen Rückzug hinter die Bahnlinie Lazarevac – Arangjelovac. Daraufhin wurde am kommenden Morgen (24. Oktober) der Vormarsch gegen die Höhen 365 – 388 angetreten. Das II. Bataillon hatte die Vorhut zu übernehmen und 2 Kompagnien des III. Bataillons unter Hauptmann d. R. Henning schützten die linke Flanke durch Vorgehen im Karmenickartal. Diese Vorsicht war geboten, weil das zerklüftete unübersichtliche Gelände für den Gegner sehr ein-ladend dazu war, uns mit kleinen Abteilungen unliebsame Flankenüberraschungen zu bereiten.
Noch hatte das II. Bataillon im Aufstieg auf die Höhe 365 die letzte Wegschleife nicht erreicht, da schlägt heftiges Gewehrfeuer ihm entgegen. Die als Vorhutspitze verwandte Kavallerieabteilung sitzt zum Fußgefecht ab, die Vorhutbatterie geht auf der Marsch-straße in Stellung und schleudert auf kaum 500 m dem kecken Feinde ihre Granaten ins Gesicht. Lange erträgt er das nicht, schon nach wenigen Schüssen räumt er das Feld. Der Vormarsch kann weiter gehen.
Zuvor aber wird die Truppe noch verpflegt. Das gibt uns Zeit, von der Höhe 365 aus in Muße zu beobachten. Durch das Scherenfernrohr sah man, wie der Feind jenseits der Bahnlinie einem Ameisenschwarm gleich an den steilen Hängen der Orlovica-Berge hinaufkrabbelte, um sich dort einzunisten. Nachdenklich schweiften unsere Blicke bergauf, bergab. Dort wird es also morgen wieder schwere, blutige Arbeit geben.
Inzwischen hatte auch die linke Seitendeckung Henning nach kurzem Feuergefecht die Höhe 388 genommen.
Bis zum Einbruch der Dunkelheit wurden das II. und III. Bataillon in die Gegend von Darsova vorgezogen, das II. Bataillon rechts nahm Anschluß an das Inf.-Reg. 121 und das III. Bataillon links an das Res.-Inf.-Reg. 208. Das I. Bataillon biwakierte weiter rückwärts. Die Patrouillen der vorderen Bataillone schlängelten sich durch die busch-reichen Täler an die Bahnlinie unterhalb der feindlichen Stellungen heran, einige gelangten auch noch über die Bahnlinie hinaus. Doch der Feind war sehr aufmerksam und erwiderte jede Bewegung mit giftiger Schießerei. In dieser Stellung schien er ernst machen zu wollen.  Mit kühlem Hauche senkte sich die Dämmerung auf einen Tag voll Kampf und Hitze. Schön, friedlich, nur selten gestört durch einen weithindröhnenden Schuß, lagen im düsteren Abendschein Berg und Tal. Mattweiß leuchteten die kleinen Häuschen der überall verstreuten Gehöfte.
Der erwachende Morgen (25. Oktober) fand das Regiment angriffsbereit gegen die Höhe Orlovica; in vorderer Linie II. Bataillon rechts, III. Bataillon links. Die Höhe Sutica links hatte ein Regiment der 44,. Res.-Division, die Höhe Vagen rechts das Inf.-Reg. 121 zu nehmen. Heulend und gurgelnd rollten die schweren Geschosse unserer Mörser und Haubitzen über unsere Köpfe hinweg auf die Berghöhen des Sturmzieles, zischend und pfeifen fegten die Schrapnells und Granaten der leichten Artillerie über das Tal. Dröhnend, sich in tausendfachem Echo der Berge brechend, krepierten die schweren Kaliber auf dem Gipfel des Orlovica, Rauch- und Erdsäulen stiegen in die Luft, mit zahllosen Schrapnellwölkchen punktierten die leichten Batterien die grünen Hänge. Eine herrliche Schlachtensinfonie.
9 Uhr vormittags begann der Infanterieangriff und schon 10 Minuten später war kein Angreifer mehr zu sehen. So mußte es sein, das war die erwünschte Leere des Schlacht-feldes. In kleinen, unzusammenhängenden Reihentrupps hatten sich die Schützen der einzelnen Kompagnien in die waldigen Berghalden wie Raupen verkrochen und einge-fressen. Aber auch der Gegner stand vorzüglich gedeckt, selbst mit dem Glase war er nicht zu entdecken, man hörte und spürte nur fortwährend sein unangenehmes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, das feindliche Artilleriefeuer war gering. Nachdem die vorderen Kompagnien durch Kräfte des I. Bataillons aufgefüllt worden waren, ging um 3 Uhr nachmittags die Meldung ein, daß sich unsere Schützen unter Ausnützung des vorzügliche Deckung gegen Sicht bietenden Geländes dicht unterhalb der feindlichen Stellung festgesetzt hätten, mit der Absicht, von hier aus im Schutze der Dunkelheit in die gegnerischen Gräben einzudringen. Um 2 Uhr nachts war der Orlovica unser. Da auch die Nachbarn ihre Angriffsobjekte erreicht hatten, waren die stärksten Bollwerke, welche sich dem Rudnikpaß vorlagerten, gefallen. Zu diesem Erfolg hatte die Artillerie wesentlich beigetragen. Gefangene erzählten von dem furchtbaren Eindruck, den das Feuer namentlich unserer schweren Kaliber auf die serbische Infanterie ausgeübt hat.
Am Vormittag des 26. wurden die Bataillone an die Rudnikpaßstraße herangezogen, um sich zum Weitermarsch bereit zu stellen. Wieder setzten heftige Regengüsse ein, wir waren offenbar infolge des späten Abbruchs des russischen Feldzuges in die serbische Regenperiode geraten. Die Wege wurden grundlos. Pferde und Fahrzeuge versanken stellenweise bis an die Kniee, bezw. Achsen im tiefen Schlamm. Welche Schwierig-keiten sich hieraus für die Artillerie und auch für unsere Maschinengewehre ergaben, läßt sich leicht ermessen. Bis über den Helmbezug mit einer braunen Lehmkruste überzogen, schob sich die Infanterie der Division, am Rande des kaum erkennbaren Weges, einer hinter dem anderen einherstapfend, langsam bergan. Regimentsstab, I. Bataillon und M.-G.-K. kamen bis Kalanjevac und ruhten hier unter dem Schutze des III. Bataillons, das nach Kalanjevci vorgeschoben wurde. Das II. Bataillon, welches hinter der 4. Fußart. 13 zu folgen hatte, wartete 10 Stunden lang vergebens auf die Batterie, biwakierte deshalb an der Marschstraße in strömendem Regen, zog anderen Tages die Kanonen den Berg hinauf und kam ohne einen trockenen Faden am Leib bei Nacht und Nebel in Zivkovci (27. Oktober) an, wo es auch kein Unterkommen fand, da schon längst der letzte Winkel belegt war.“


aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–1918“ׅ, Stuttgart 1923

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