Mittwoch, 7. Oktober 2015

7. Oktober 1915


„Eine lange Eisenbahnfahrt durch die ganze Donaumonarchie brachte das Füsilier-Regiment bis zum 20. September 1915 nach Werschetz in Südungarn, wo die Ausla-dungen erfolgten. Anschließend bezog das Regiment in den beiden Orten Honokszil und Izbiste Unterkunft.
Nach den schweren Gefechten in Polen, wo die ununterbrochenen Verfolgungskämpfe ganz gewaltige Anstrengungen für Führer und Truppe gebracht hatten, war schon die Eisenbahnfahrt mit ihren wechselnden Bildern und Eindrücken eine Erholung gewesen. Die nun folgenden Tage der Ruhe waren besonders wertvoll. Es war seit langen wieder einmal eine Zeit richtigen Ausruhens. Daneben wurde der Ausbildung und der Instand-setzung von Ausrüstungen und Bekleidung besondere Beachtung geschenkt. Ein großer Ersatztransport von 4 Offizieren und über 1600 Mann erhöhte die Gesamtstärke des Regiments wieder auf 67 Offiziere und 4096 Mann.
Es war zwar noch nicht „amtlich“ bekannt, aber für jedermann außer Zweifel, daß der nächste Gegner, mit dem es die in Südungarn versammelten Truppen zu tun haben sollten, die Serben waren, und daß der neue Kriegsschauplatz in jenen Bergen lag, die jenseits der Donau aus dunstiger Ferne herübergrüßten.
Das Regiment wurde für den Gebirgskrieg ausgerüstet. Zwei Gebirgs-Maschinen-gewehr-Abteilungen traten in seinen Verband. Sämtliche schweren Fahrzeuge wurden durch landesübliche, leichtere ersetzt, eine Maßnahme, die bei den jeder Beschreibung spottenden Wegeverhältnissen des neuen Kampfgebietes später sich als unbedingt erforderlich erwiesen hat.
Serbien ist ein ausgesprochenes Gebirgsland. Die wenigen Niederungen, die man dort findet, sind die Täler einiger Flüsse. Der Krieg, der in diesem Land geführt wird, hat daher den Charakter des Gebirgskriegs. Ein großer Teil des Geländes schließt Kämpfe aus.
Einer der natürlichen Zugänge, die von Norden her nach Serbien hineinführen, ist das Tal der Morava, das in seinem nordöstlichen Teil etwa 16 Kilometer breit ist. Zu beiden Seiten dieses Tales ziehen sich langgestreckte Bergrücken aus dem Inneren des Landes heraus nach der Donau hin und grenzen die völlig flache Morava-Niederung nach West und Ost scharf ab.
Es war natürlich, daß bei der deutsch-österreichischen Offensive im Oktober 1915 das Moravatal ebenso wie die beiden Höhenzüge, die dieses Tal einschließen, eine bedeut-same Rolle spielten.
Der östliche dieser Bergrücken, der als ein Ausläufer des großen Gebirgsstockes Nordserbiens sich zwischen Morava und Mlava hinzieht, ist etwa 2 Kilometer breit. Bei dem Dorfe Kostolac reicht er als schmale Bergnase bis an den Spiegel der Donau heran und trennt wie eine Mauer die Täler der beiden genannten Flüsse.
Dieser schmale Bergrücken war der Schauplatz der Kämpfe, die die Füsiliere am Anfang des Serbenfeldzuges durchgefochten haben, bis sie in der Gegend von Svilajnac die Morava überschritten und auf dem Höhenrand des westlichen Flußufers am weiteren Verlauf des Feldzuges teilnahmen. Die Straße, die eine Reihe reicher serbischer Ortschaften zwischen Pozarevac, Aleksandrovac und Svilajnac verbindet, und von dort über die Morava nach Bagrdan, Jagodina und Krusevac führt, bezeichnet zugleich den Weg der Kämpfe, auf dem das Regiment im Rahmen der großen Offensive in der Zeit vom 7. Oktober bis 12. November nach Süden vordrang.
Die deutschen und österreichischen Truppen, die den Angriff gegen Serbien ausführen sollten, wurden Ende September und Anfang Oktober nördlich der Donau bereitgestellt. Die 105. Division, zu der das Füsilier-Regiment nach wie vor gehörte, bildete zusam-men mit der 11. bayrischen Infanterie-Division das IV. Reservekorps unter dem Befehl des Generalleutnants von Winkler.
Rechts vom IV. Reservekorps stand das III. Armeekorps, links das X. Reservekorps zum Angriff bereit. Die unmittelbaren Kampfnachbarn der 105. Infanterie-Division waren rechts die 11. bayrische und links die 107. Division (rechter Flügel des X. Reser-vekorps). Der Plan, nach dem am 7. Oktober der Donauübergang und der Angriff gegen das Innere des Landes durchgeführt werden sollte, war folgender:
 
Die Vorbereitungen für den Donauübergang, der auf großen Fähren ausgeführt wurde, waren am 4. Oktober beendet. An diesem Tag begann auf der ganzen Front das Heran-schieben der Truppen an das nördliche Ufer und das Übersetzen auf die Insel Temes-ziget, von deren Südrand aus der Angriff seinen Anfang nahm.
Das Überschreiten des Flusses wurde im Abschnitt der 105. Division durch die Insel Temesziget erleichtert, die mit ihren ausgedehnten Gebüschen und Wäldern nicht nur ein Übersetzen der Truppen über den nördlichen Donauarm, vom Feind ungesehen, ermöglichte, sondern auch eine günstige Bereitstellu8ng zum Angriff über den schma-leren südlichen Flußarm zuließ.
Die Serben schienen die Absicht der deutsch-österreichischen Truppen nicht zu erken-nen. Die wenigen Posten, deren Wachsamkeit durch die monatelange Untätigkeit allmählich eingeschlafen war, hielten einen Angriff über ein solch starkes Hindernis wie die kilometerbreite Donau für unmöglich. Als am 5. Oktober die ersten deutschen Abteilungen sich auf Temesziget einnisteten, konnte man die serbischen Posten noch teilweise in beschaulicher Ruhe angeln sehen. Und als sie am 6. oder 7. Oktober all-mählich erkannten, was vor ihrer Front vorging, war es zu spät. Die alarmierten Reser-ven kamen an, als der Feind bereits auf dem Südufer sich festgesetzt hatte.
Der Beginn des serbischen Feldzuges ist ein Musterbeispiel für einen restlos geglückten Überraschungsstoß. Ohne das Moment der Überraschung wäre ein Angriff über ein Hindernis wie die Donau kaum durchführbar gewesen.
Am 2. Oktober war das Füsilier-Regiment von seiner ersten Unterkunft nach den Orten Karasjezenö und Duplaja vorgezogen worden. Am 4. begann das Übersetzen des III. Bataillons auf die Temesziget. Es folgte am 5. Oktober das II. und am 7. vormittags der Regimentsstab und das I. Bataillon.
Für den 7. Oktober, 3 Uhr nachmittags, war auf der ganzen Front der Beginn des Angriffs, das heißt das Überschreiten des südlichen Flußarmes und die Besitznahme des feindlichen Ufers festgelegt, nachdem von 2 bis 3 Uhr nachmittags ein überraschend einsetzendes Wirkungsschießen sämtlicher Batterien gegen die feindlichen Höhen vorausgegangen war.
Dem Füsilier-Regiment wurde, nachdem alle seine Teile auf der Temesziget versammelt waren, als Angriffsziel die Bergnase und Glasfabrik bei Kostolac und das feindliche Flußufer 1 Kilometer östlich davon zugewiesen. Diese Bergnase, die den Fluß beherrschte, war von den Serben zu einem starken Stützpunkt ausgebaut. Sie mußte zuerst fallen, da sie das Morava- und Mlawa-Tal beherrschte. Auf diese Höhe war daher eines besondere 30 cm-Batterie angesetzt worden.
Am Morgen des 7. Oktober lagen die Kompagnien des II. und III. Bataillons im Gebüsch versteckt am Südrand der Temesziget. Das I. Bataillon hielt Oberst von Triebig hinter der Mitte als Reserve dicht bei seine Gefechtsstand. Der Gegner schoß ab und zu von der Kostolacer Höhe herüber. Auch einige Schrapnells kamen aus südwestlicher Richtung. Die Pontons zum Übersetzen lagen bei den Kompanien mit Mannschaften der Pionier-Kompanie 209 bereit.
Um 2 Uhr nachmittags schlug die erste deutsche Granate drüben auf der Höhe ein. Krachend fuhr ein schwarzer Rauchbaum zum Himmel. Und nun begann auf der ganzen Front die Kanonade. Jede Gegenwirkung von den Serben hörte sofort auf. Punkt 3 Uhr glitten die Pontons ins Wasser und brachten die ersten Abteilungen Füsiliere ans Südufer. Um 4 Uhr hatten sich bereits 2 Kompanien des Regiments dort festgesetzt und sich nördlich der Glasfabrik von Kostolac eingegraben. Entgegen allen Erwartungen wurden die Pontons so gut wie gar nicht beschossen. Das Südufer war vom Feind überhaupt nicht besetzt. Nur von der Kostolacer Höhe schossen serbische Abteilungen nach der Donau herunter. Gegen 5 Uhr aber nahm dieses Feuer plötzlich zu, so daß das Übersetzten eingestellt werden mußte, besonders da einige Boote beschädigt worden waren. Erst mit Einbruch der Dunkelheit wurden die übrigen Teile des II. und III. Bataillons auf das serbische Ufer hinübergefahren. Die beiden Bataillone gruben sich dicht am Ufer zur hartnäckigen Verteidigung ein.
Die Lage dieser Truppen, die die Donau im Rücken hatten, war nicht sonderlich günstig, zumal da es der 107. Division am 7. Oktober noch nicht gelungen war, südlich der Donau Fuß zu fassen. Vor der Front des rechten (III.) Bataillons lag die von den Serben stark besetzte Glasfabrik und die Stellungen auf den Höhen. Das II. Bataillon hatte vor sich eine weite Fläche von Maisfeldern, die eine Feststellung über den Verbleib des Gegners in der Dunkelheit nicht mehr zuließen. Das I. Bataillon lag noch auf der Temesziget.
Dem Fernsprechtrupp des Gefreiten Sandel gelang es, eine Leitung über den südlichen Flußarm zu legen und dadurch eine Verbindung mit den übergesetzten Teilen herzu-stellen.
In der Nacht zum 8. Oktober griffen serbische Kompanien aus der Glasfabrik heraus sowie aus den angrenzenden Maisfeldern dreimal hintereinander die Stellungen der beiden Bataillone mit Handgranaten an, wurden aber jedesmal unter schweren Verlusten zurückgeworfen.“


aus: „Das Füsilier-Regiment Kaiser Franz Joseph von Österreich, König von Ungarn (4. württ.) Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

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