Mittwoch, 6. April 2016

6. April 1916


„Die 11. Komp. hatte vor V zwei Unteroffiziersposten vorgeschoben, den einen an das Ostende der Spinne, den anderen an den südlichen Waldrand. Kurz vor 5 Uhr vormittags setzte plötzlich starkes feindliches Artilleriefeuer aller Kaliber auf Zugangswege und Bereitschaften des Regimentsabschnitts ein. Heftige und langanhaltende Feuerüberfälle legten sich auf das Artilleriegelände am Landwehrweg und an der Wiesenschlänke. Es dämmerte leise, der Morgennebel verhängte die Aussicht. Und plötzlich waren die Franzosen da; sie warfen sich in dichten Haufen auf die Südwestecke der Achselklappe, auf den Südrand des Waldes, auf das 22. Bayr. Regiment. Gegen die 61 Mann der 11. Komp. mochten mindestens drei feindliche Kompagnien in den Kampf getreten sein. Unser Unteroffiziersposten an der Spinne wurde vom Rücken gefaßt, abgeschnitten und blieb verschwunden; der andere Posten hielt sich in seinem Postenloch unentwegt unter heftigen Handgranatenkämpfen. Gewehrkugeln schwirrten, Handgranaten bellten. Hilfe-suchend zischten die roten Leuchtraketen in den Nebel, Sperrfeuer fordernd. Aber es war zu spät, als die ersten Lagen kamen; die feindliche Übermacht hatte die Achsel-klappe überrannt. Am linken Flügel zwar war der Angriff abgewiesen; Leutnant Künlen, der mit ganzen 13 Mann hier focht, hatte sich behauptet. Der Unteroffiziersposten am Waldrand, der nicht wankte, brach die Welle; zwei Maschinengewehre in der vordersten Linie taten das Ihre. Aber bereits saßen, von Westen her vordringend, die Franzosen im Rücken des Zugs Künlen. Zusammen mit etlichen Pionieren der 1./L.-Pion. 13, die tapfer mitfochten, teilte Leutnant Künlen seine Schar; die eine Hälfte hielt mit dem Maschinengewehr den Feind in der Front ab, die andere Hälfte schuf nach rückwärts Luft. Bei diesem Kampfe wurde Leutnant Künlen durch ein Maschinengewehr, das unter Führung des Vizefeldwebels Dimpfl von der Einmündung des Wiesengrabens in die Achselklappe in richtiger Erkenntnis der Lage nach Osten feuerte, trefflich unterstützt. Nach 30 Minuten heißen Handgranatenkampfes, in dessen Verlauf die Franzosen erhebliche Verluste an Toten und Verwundeten erlitten, warf der Rest die Waffen weg und ergab sich (insgesamt 22 Mann).
In der Mitte der Kompagnie war der Feind in erheblicher Stärke eingedrungen; er saß in unserem Graben, darüber hinaus in den Trichtern des Buschfeldes. Aber die Kompagnie hatte sich nicht in den Stollen überraschen lassen. Um ihre Führer geschart, stand sie am Graben. Wohl waren die beiden Maschinengewehre des Vizefeldwebels Dimpfl schußbereit gewesen, als der Angriff losbrach; sie bekamen den Feind, der von den ihn schützenden Gräben und vom Höhenkamm aus in einem Sprung im deutschen Graben war, nur einen Augenblick vor die Mündung und wurden dann durch ein feindliches Maschinengewehr, das aus der Achselklappe heraus feuerte, beschäftigt. Sie machten sich sofort an die Bekämpfung dieses Gegners, ob auch bei dem einen Gewehr ein Mann nach dem andern, der es bediente, im spritzenden, pfeifenden Zischen der Geschosse mit blutigem Kopf nach rückwärts wankte. Aber sie wurden des Gegners Herr, den gleichzeitig eigenes Maschinengewehrfeuer von der Schunkspitze her kräftig anpackte.
Während diese Szenen sich abspielten, waren Leutnant Völter, der Führer der 11. Komp., und Leutnant Schmid schon lang daran, sich Luft zu schaffen. Sie dachten an kein Zurückgehen etwa in Richtung auf den Maschinengewehr-Zug oder auf den linken Flügel, der, wie wir sahen, noch stand, sie warfen sich auf den Feind wo er am dichtesten stand. Schritt um Schritt wurden die blauen Männer auf den Waldrand zurückgedrängt. Im Nahkampf, Mann gegen Mann, Handgranaten werfend, fiel hier Vizefeldwebel Kull. Teile des Feindes wurden gegen den Zug Künlen abgedrängt, gerieten so zwischen zwei Fäuste und streckten die Waffen. Der Rest entwich. Die Stellung war wieder unser, auch der Unteroffiziersposten am Südrand des Waldes fand sich wieder ein. Die kleine Schar des Leutnants Völter war schwer zusammenge-schmolzen: 33 Mann standen noch aufrecht; dafür waren 65 Gefangene in ihren Händen geblieben. Mußte nicht ein zweiter Angriff kommen? Auf Anfordern von Leutnant Völter schickte Major Ziegler den Zug Cluß der 9. und den Zug Gangel der 10. Komp. nach der Achselklappe vor. Der Regimentskommandeur hatte die 3. Komp. vom Neger-dorf nach deutsch T vorgeschoben. Der Zug Seitzer dieser Kompagnie ging ebenfalls nach der Achselklappe vor. So verfügte Leutnant Völter über eine verhältnismäßig zahlreiche Truppe. Er brauchte das, denn das feindliche Gewehrgranaten- und Maschi-nengewehrfeuer, das auf der Achselklappe lag, forderte Opfer und ließ einen erneuten Angriff befürchten. Vizefeldwebel Gangel der 10. Komp., in stärkstem Feuer von Mann zu Mann eilend, seine Leute anstellend, ordnend, befehlend, fiel. Leutnant Völter trieb wiederum einen Posten im Laufgraben zur Spinne hinüber vor, ein zweiter wurde an den Südrand des Waldes vorgeschoben. So war hier alles zum Besten geordnet. Man kauerte im Graben, saß auf den Stollentreppen mit schußbereitem Gewehr, mit entsicherter Handgranate. Die Maschinengewehre standen geladen, die Posten dahinter. Die Lage war wieder hergestellt. Nicht so bei den links anschließenden Kompagnien des 22. bayr. Regiments. Zwar war auch hier die eigene Linie behauptet worden, doch saßen die Franzosen nahe aufgerückt am Waldrand, durchweg 50–60 m vor unserer Linie in alten Gräben und Granattrichtern, bis zum linken Flügel von V herüber. Es war bedauerlich, daß das 22. bayr. Regiment mit seinen schwachen Kräften nicht in der Lage war, sofort zum Angriff überzugehen und den Feind vor den Waldrand hinauszudrücken, obwohl ihm die volle Unterstützung durch das Regiment Nick zugesagt war. So blieb der Fran-zose hängen, und die Stellungen V bis X und Z blieben Nahstellungen mit dauernden Handgranatenkämpfen, steter Unruhe und der Möglichkeit überraschenden feindlichen Angriffs.“


aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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