Freitag, 13. Mai 2016

13. Mai 1916


„Kurz vor Einbruch der Dämmerung wird abmarschiert. Vom letzten Haus sieht ein altes Mütterlein tränenden Blicks den Ausziehenden nach. Über Eclisfontaine geht es die löcherige ausgefahrene Straße nach Véry hinab. Später zieht man den Weg über die Chaudron-Ferme und Charpentry vor, und bei sehr schlechtem Wetter scheut man auch den Umweg über Les Granges nicht. Und strömender Regen und Ablösung sind im Sommer 1916 fast untrennbare Begriffe. Von Véry ab wird es ein böser Schlauch. Immer finsterer wird die Nacht, kein Sternlein schaut durch den regenschweren Wolkenvorhang. Trotz des drückenden Tornisters geht es im Eilschritt vorwärts. Man tappt in Löcher und Pfützen und stolpert in den tief ausgefahrenen Geleisen zwischen Feldküchen, Packwagen und Munitionskolonnen dahin. Dunkle Schatten tauchen auf. Die schon abgelösten Kameraden kommen in einzelnen Gruppen entgegen. Rasche Grüße fliegen herüber und hinüber. Aber weiter geht’s im eiligsten Schritt. Die Straße ist gefährlich. Und da drüben blitzt es schon auf, heulend saust es heran und birst krachend. Nach rechts und links springt alles hinaus ins freie Feld. Ein jeder kennt den Weg. Glücklich die Kompagnie, die im Beausognelager bleibt. Sie hat nicht nur den kürzesten Anmarschweg und die angenehmste Arbeit an dem neuen Laufgraben, der bis zum Waldrand führt, dem Chambronnegraben, sie hat auch in dem von Granaten noch unberührten jungen Buchenwald die beste Unterkunft. Unter Laubhütten und Zelten kann man in Hängematten draußen im Freien schlafen, und nur bei schlechtem Wetter ist man auf die muffigen alten Unterstände angewiesen, die halb in der Erde versenkt und mit dicken Baumstämmen abgedeckt sind. Die andern Kompagnien aber müssen weiter. Eine Kompagnie kommt in die mittlere Bereitschaft in einer Doline östlich der Straße Véry – Avocourt, der die saubere weiße Steinfassade des Kompagnieführer-unterstandes ein freundliches Gepräge gibt. Die beiden andern Kompagnien müssen durch den völlig zusammengeschossenen und verfallenen Ulanengraben. Hier herrscht dunkelste rabenschwarze Nacht. Keine Hand ist vor den Augen zu sehen. Auf den schlammigen glitscherigen Prügeln, die kreuz und quer durcheinanderliegen, rutscht und stolpert man von einer Grabenwand an die andere. Oft sind die Prügelroste durchge-treten, und dann versinkt man bis an den Leib in Wasser und Schlamm. Rechts und links prasseln die Schrapnells, ein Feuerüberfall folgt dem andern. In atemberaubendem Tempo geht es weiter. Mühsam drückt man sich an entgegenkommenden Trupps vorbei. Dort liegt ein Stamm im Graben, dort ein abgerissener Draht. Erschöpft fällt ein Mann, die Kameraden müssen ihm weiterhelfen. Man muß eilen und springen, um den Anschluß nicht zu verlieren. Nur die äußerste Willensanspannung bringt schließlich alle ans Ziel, die Regimentsreserve, die stark unter Feuer liegt, so daß die kahlen Baumstümpfe auch keinen Schutz mehr gegen die brennende Sonne gewähren. Am schlimmsten ist es im F-Stollen, in einer Doline, in der sich das Wasser der ganzen Gegend sammelt. Es ist ein in die über den Felsen liegende Lehmschicht getriebener Stollen mit 2–3 Meter Deckung, die dem schweren Feuer nicht standgehalten hat. Ein Treffer hat den Stollen in der Mitte völlig zusammengedrückt. Man hat ihn mühsam wieder hergerichtet, aber bei jedem Regenfall drücken an der zusammengeschossenen Stelle immer wieder ungeheure Schlammmassen herein. Von den großen Kraterseen auf der Deckung, um die die Weidenröschen blühen, läuft das Wasser ständig in kleinen Bächlein an den Balken und Wänden herab und tropft auf die Lagerstätten. Mäntel, Decken, Tornister sind ewig feucht und schimmeln. Eine ganze Kompagnie ist in diesem großen licht- und luftlosen Stollen untergebracht. Tische und Stühle gibt es nicht. Heraus kann man nicht, da draußen alles naß und feucht ist, und das Feuer den, der sich auf Deckung zeigt, bald wieder in den Stollen zurückscheucht, wo man die ganze Freizeit hindurch ständig auf der Falle liegen muß. Nur an den Eingängen hat man etwas mattes Tageslicht und eine Luft, in der man mit Mühe atmen kann. Im Stollen sind nur einige Winkel trüb von nur schwach brennenden elektrischen Lampen erhellt. Meist ist die Leitung abgeschossen, und dann herrscht drinnen ägyptische Finsternis. Mit den paar Kerzen und dem Karbid muß man sparsam umgehen. Drinnen herrscht eine wahre Treibhausatmosphäre, in der die Pilze auf dem faulen Holz in den phantastischsten Formen und Farben üppig gedeihen. Zu ihren Ausdünstungen kommt der Gestank von dem stehenden Wasser unter den Prügelrösten, in dem neben toten Ratten die herabgefallenen Speisereste modern und faulen. In dieser Luft etwas zu genießen, ist fast unmöglich. Die meisten verzichten auf das warme Essen, das in der Nacht durch die mit Wasser gefüllten Zugangsgräben im Feuer herangeschafft werden muß. Natürlich kommen täglich Kranke ins Lazarett, und daß die andern trotz Fieber und Übelkeit durchhalten, zeigt, daß der Geist der Truppe trotz allen Schimpfens noch nicht gelitten hat.
Nach 6 und später 8 Tagen in Bereitschaft, die mit Transporten, Grabenausbessern, Stollengraben angefüllt sind, geht es in Stellung und zwar seit dem 12. Mai in den linken Abschnitt. Hier liegt der Gegner 600–800 Meter entfernt.“


aus: „Das Württembergische Brigade-Ersatz-Bataillone Nr. 54 und das Württembergische Ersatz-Infanterie-Regiment Nr. 52“, Stuttgart 1923
Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 708

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