Montag, 23. Mai 2016

23. Mai 1916


„Der Gegner war die ersten Wochen ruhig, entfaltete aber bei Nacht eine rege Tätigkeit hinter der Front. Bei günstigem Wind hörte man Feldbahnen und Fahrzeuge, das Abladen von Eisen und Holz, Klopfen und Hämmern. An klaren Tagen waren zahlreiche Fesselballone am Himmel und die Flieger kreisten von morgens bis abends über der Stellung und leiteten das Einschießen von Batterien. Wir Infanteristen im Schützengraben sahen darin nichts Besonderes. Die höhere Truppenführung aber hatte einen größeren Überblick über die Lage, sie bekam die Berichte des Nachrichten-dienstes und war sich schon im April im Klaren, daß der Engländer vor unserer Front zu einem großen Angriff rüstete. So wurde auch unsererseits alles zur Abwehr vorbereitet. Die Abschnitte wurden durch Einschieben neuer Truppen verkleinert. Dafür wurde innerhalb der Verbände mehr in die Tiefe gestaffelt und nicht mehr alles im ersten Graben eingesetzt. So wurden die zweiten und teilweise auch dritten Gräben besetzt, besondere Reserven zum Gegenangriff ausgeschieden und die Ruhebataillone in die Zwischenstellung Soden – Grallsburg vorgezogen. Infolge dieser Umgruppierung mußte das Regiment etwas nach Süden rücken, so daß der rechte Flügel beim Heidenkopf, der linke vor Beaumont lag (18. Mai). In dieser Stellung wurde fieberhaft gearbeitet, alles nach Möglichkeit verstärkt und verbessert, neue, immer tiefere Unterstände gebaut, neue Gräben angelegt, der Nachrichtendienst organisiert, Munitions- und Lebensmittel-reserven niedergelegt, in Beaumont und bei den „fünf Weiden“ Unterstände für Küchen gebaut und Sanitätsunterstände eingerichtet. Umfangreiche Vorbereitungen traf auch die Artillerie hinter uns. So verging Woche um Woche. Die Patrouillen hatten noch schöne Erfolge, so holte eine Patrouille der 6. Kompagnie am 21. Mai drei Engländer aus dem Graben. Eine kleine Unternehmung am 23. Mai mißlang, weil die eigene Artillerie zu kurz schoß. Die Patrouille mußte sich unter Verlusten kämpfend zurückziehen. Durch Abhören eines englischen Ferngesprächs erfuhr man aber, daß der Engländer dabei mehrere Tote, 46 Verwundete und 2 Vermißte hatte.“


aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 121 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1922

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