Donnerstag, 26. Mai 2016

26. Mai 1916


„Mit ernster Sorge sah Oberstleutnant Nick der inneren Weiterentwicklung und der Zukunft des Regiments entgegen. Noch stand alles fest, furchtlos und treu, und die Vergangenheit gab die Gewähr für die Zukunft; aber das war die Sorge: wie lange wird es noch gehen? Wird nicht die Widerstandskraft, das psychische Wollen und das physische Können unter dem dauernden harten Druck brechen? Man sah schon damals auch andere Bilder in jener Gegend. Junge Regimenter, die nicht mehr geleistet hatten als das Landwehr-Regiment, zeigten Anzeichen bedenklicher Auflösung. Hatte man 1914 etwa die Landstraßen abgesucht, um die Ausreißer aufzugreifen, hatte man 1914 die Stiefel über den Graben hinausgeworfen, um einen Vorwand zu finden, die Kampf-linie mit einem Ausweis verlassen zu können? Wo hatte man 1914 das vielsagende: „Du, dort vorne ist dicke Luft, ich mache mir zur Feldküche!“ gehört? Das waren keine ausgepumpten Truppen, das waren Soldaten, die nicht aushalten, die nicht siegen wollten. Gewiß, sie waren am Ende ihrer Kraft, weil sie keine Zugangsgräben, weil sie keine Stollen hatten. Warum hatten sie keine? Warum hatten wir Stollen und Zugangs-gräben? Antwort: Weil wir sie haben wollten. Der kleine Damm, der V und X trennte, ehe wir es übernahmen, sagt alles. Wenn auch Oberstleutnant Nick der Widerstandskraft seines Regiments vertrauen mochte, er konnte nicht ohne schwere Sorge über seinen linken Flügel hinaussehen. Und was am Kuhkopf, im vergangenen Winter, in den letzten schweren Kämpfen unerhört gewesen war, die ersten Fälle der Fahnenflucht, von Selbstverstümmelungen traten auf, vereinzelt, bei schwachen Charakteren. Aber wie wird es morgen gehen, und übermorgen? In vier Wochen, wenn neue schwere Kämpfe kommen werden? Oberstleutnant Nick hat nicht gezögert, das zu vertreten, was er zum Besten des Regiments für richtig erkannt hatte. Jedermann, der in jenen Zeiten weiter sah, als ihm der Rahmen einer Kompagnie die Pflöcke steckte, der weiß, was damals unser Kommandeur für das Regiment gewesen ist. Unter den alten, verstaubten Akten liegt ein Schriftstück, das in ergreifender Weise die Nöte und Lasten des Mannes im Regiment schildert, das seit Beginn der Kämpfe über 2500 Mann und 35 Offiziere Abgang gehabt hatte. Die Träger der stolzen Vergangenheit, die Reservisten und Landwehrleute, waren in ihrer Mehrzahl den feindlichen Geschossen oder dem Typhus erlegen. Das Angesicht des Regiments war ein anderes geworden. Jenes Schriftstück schließt mit den Worten:
„Ich melde, daß ich im Hinblick auf die taktische Lage, in Anbetracht des zutage tretenden Erschöpfungszustandes der Offiziere und Mannschaften, und bei der Unmög-lichkeit, die Mannschaften so auszubilden, wie es die im Abschnitt herrschenden Kampfverhältnisse erfordern, ernste Bedenken trage, ob das Regiment in seiner jetzigen Verfassung der gestellten Aufgabe wird gewachsen bleiben. Ich bitte, um hierfür die Verantwortung wie bisher tragen zu können, dem Regiment eine Ruhezeit zu erwirken, in welcher das Regiment wieder fest zusammengeschweißt und auf die alte im Feuer erprobte Kriegstüchtigkeit zurückgebracht werden kann. Sollte diese Bitte nicht gewährt werden können, so bitte ich um Verlegung des Regiments an eine ruhige Stellung des Kriegsschauplatzes, wo dasselbe Ziel erreicht werden kann.““

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922

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