Dienstag, 31. Mai 2016

31. Mai 1916


„Als wir mit dem Feinde zusammentrafen, waren unsere Aufklärungsschiffe schon eine Zeitlang ins Gefecht verwickelt, und ich sah nicht weit vor uns, etwas seitlich, das erste Schiff sinken, ein deutsches Torpedoboot. Das ganze Boot sank nur langsam, mit dem Hinterteil zuerst, bis es direkt aufrecht im Wasser stand und dann allmählich ganz verschwand. Ein anderes Boot war zwecks Rettungsarbeiten in der Nähe. Wir können uns bei solcher Kleinigkeit, denn solche ist es in diesem Falle, nicht aufhalten. Mit der Zeit fingen unsere Geschütze auch an, zu singen, und zwar mit recht kräftiger Stimme. Die Stärke einer solchen Kanonade können Sie sich wohl nicht gut vorstellen. Vom Luftdruck der eigenen Kanonen geht schon manches in Fetzen, was nicht so recht stabil gebaut ist. Vorher habe ich’s selber nicht geglaubt und habe doch schon manches Übungsschießen mitgemacht; dies war aber ein bißchen zuviel des Guten. Von unserer Seite aus sind gute Treffer und überhaupt gute Erfolge beobachtet. Wie sich da die Leute freuen, wenn vom Kommandostand nach überall hingegeben wird: „Treffer beim feindlichen Kreuzer! – feindlicher Kreuzer brennt! – Kreuzer sinkt!“ Das sind Momente, wo man seine eigene schwierige Lage vergißt. Die Gewißheit der guten Erfolge gibt neuen Mut. Aber was hilft es, wenn uns die Sonne zu früh einen Schabernack spielt? Der Feind verschwand im Dunst, und wir standen im schönsten Licht; also die umgekehrte Lage wie vorher, nur, daß sie für uns nur kurze Zeit dauerte. Während der kurzen Zeit haben wir uns aber auch recht unangenehm bemerkbar gemacht. Das ist dadurch bewiesen: der Feind hat größeres Kaliber und kann weiter schießen und hat doch den weitaus größten Verlust; unser kleineres Kaliber muß doch wohl gute Arbeit machen.
Im Laufe des Gefechts mußte ich das traurige Los der „Wiesbaden“ mit ansehen. Geradezu unheimlich war es, wie dies Schiff aufs Korn genommen war. Durch irgendeinen Maschinenschaden war es unfähig geworden, sich zu bewegen, und lag nun zwischen beiden Linien, rettungslos dem feindlichen Feuer ausgesetzt. Salve auf Salve schlug hinter, vor, neben und auf dem Schiff ein. Ich habe es nicht sinken sehen, Gott behüt‘ die braven Toten.
Nach der Tagschlacht war unsere Formation anders geworden, und wir bekamen keine rechte Arbeit mehr. Aber nicht alle waren zur Ruhe gezwungen, das sagt ja allein die Tatsache, daß die „Westfalen“ sechs Zerstörer vernichtet hat. Verschiedentlich kamen Schiffe bei uns vorbei, auf denen eine Explosion dicht hinter der anderen folgte. Das ganze Schiff ein helles Flammenmeer, von oben bis unten, von vorne bis hinten alles taghell erleuchtet. Man will sogar gesehen haben, daß noch Menschen hin und her liefen. Bei Nacht ist es ein hübsches, aber grausiges Schauspiel.“


aus: „Wir Kämpfer im Weltkrieg, Selbstzeugnisse deutscher Frontsoldaten“, Berlin ohne Jahr

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