Sonntag, 8. April 2018

8. April 1918


„Die Bolschewiki bei Sinielnikowo verfügten nicht über Unterführer, welche imstande gewesen wären, Vorstellungen gut anzuordnen und rechtzeitig zu räumen. Ihre Mann-schaften und deren Disziplin genügte hiezu ebensowenig. Sie hatten eine Vorstellung aufgebaut vorwärts von Marjinskaja, Front nach Südwesten, mit etwa 200 – 300 Mann. Das war an sich ganz gut, aber der Bahndamm erlaubte uns ein gedecktes Vorgehen auf seiner Südseite und die Bolschewiki hatten versäumt, dies durch eine starke Aufstellung von M.-G. südlich der Bahn zu verhindern.
Mit Leutnant Breitling an der Spitze drang hier die 2. Kompagnie vor und kam den Bolschewiki in die Flanke, ja bedenklich gegen ihre Rückzugslinie. Die deutschen Geschütze sandten ihre Granaten in die Vorstellung, da liefen die Bolschewiki eiligst zurück: Die 4. Kompagnie verfolgte sie nach Marjinskaja hinein. Hier war nichts mehr von ihnen zu sehen, jedenfalls hatten sie sich in friedliebende Bürger verwandelt. Auch war ein feindlicher Panzerzug von Sinielnikowo her vorgefahren, brachte unsere Verfol-gung ins Stocken und erleichterte so dem Gegner sein Verschwinden.
Noch eine Anzahl kleinerer Vorstellungen befanden sich entlang der Bahnlinie, rein frontal. Sie wurden von uns nach kurzem Widerstand zum Rückzug gezwungen, denn sie mußten ja schon von vornherein mit deutschem Verfolgungsfeuer rechnen, trotz der Unterstützung des Panzerzugs.
Dieser brachte uns leider einige Verluste bei, darunter auch Leutnant Tränkle, nachdem er im Augenblick vorher mit stürmender Hand ein M.-G. genommen hatte, dessen Bedienung sehr tapfer ausgehalten hatte.
Die ersten Schüsse der Bolschewikiartillerie saßen, wie häufig bei ihnen, nur ein wenig vom Ziel entfernt. Ihre Geschütze waren meist von der sehr gut ausgebildeten Matrosen-artillerie bedient. Aber es erfolgte keinerlei weitere Berichtigung des Feuers, wahr-scheinlich mangels einer guten Beobachtung. Schuß um Schuß schlug fortwährend am selben Fleck ein, den man ja somit einfach umgehen konnte.
Unsere eigenen Geschütze hatten anscheinend recht guten Erfolg.
Bei unserem Vordringen waren die 2. und 3. Kompagnie in vorderer Linie gewesen, die 1. und 4. hinter beiden Flügeln in Reserve. Die 4. nahm später die Verfolgung nach Marjinskaja auf und suchte das Dorf nach Waffen ab, die 1. wurde vom rechten Flügel hinter die Mitte gezogen, als der Flügel infolge des Herankommens vom III./L. 126 nicht mehr gefährdet war.
Unter den gefallenen Bolschewiki war ein intelligent aussehender Mann mit guter Kleidung und Wäsche. Rock und Stiefel hatten ihm seine Kameraden ausgezogen und mitgenommen.. Die Einwohner erklärten, es sei der Bolschewikiführer. Ob aber Führer der ganzen Schar von Sinielnikowo, oder nur einer vorgeschobenen Abteilung, ließ sich, zumal bei den Sprachschwierigkeiten, nicht feststellen.
Die Absicht des Detachements, heute in Marjinskaja und Petrowskaja in Quartiere zu gehen, war jetzt nicht mehr durchzuführen. Trotz des Marsches von über 30 Kilometern mußte Sinielnikowo heute noch genommen werden. Das III. Bataillon hatte von dem Marschweg entlang der Bahnlinie abgebogen, um nach Petrowskaja zu kommen. Auf das Geschützfeuer hin ließ der Bataillonsführer halten, so daß das Bataillon verwen-dungsbereit blieb und ritt selbst zum Regimentskommandeur vor. Eine Kompagnie hatte das Bataillon befehlsgemäß als Bahnschutz weiter rückwärts belassen.
Vom Oberst Fromm erhielt Hauptmann Wiedemann folgenden Befehl:
„Der Gegner dürfte mit seinen Hauptkräften 4 Kilometer westlich Sinielnikowo stehen. das I./L 126 und die Artillerie drängen seine Vorstellungen zurück. Ich schätze die feindliche Artillerie nach ihrem Feuer auf 8 – 12 Geschütze. Das III. Bataillon rückt südlich der Bahn auf der Höhe des I. vor.“
Vom I. Bataillon waren jetzt drei Kompagnien in erster Linie, die 1. noch in Reserve. Mehrere M.-G. waren in den Vorstellungen von dem Bataillon genommen worden.
Es wurde vielleicht 4 Uhr nachmittags, bis das III. Bataillon anlangte. Sehr geschickt hatte es ein dürftiges, dünnes Gehölz und ein paar Geländefalten ausgenützt. Trotzdem der Gegner über etwa 60 Reiter verfügte, die wir ziemlich planlos in dicht gedrängten Haufen herumreiten sahen, trotzdem erfuhr er anscheinend nichts von dem Anmarsch des III. Bataillons; wenigstens handelte er, als ob dieses nicht vorhanden wäre. Auch unsere behelfsmäßige Kavalleriespitze ließ er unbehelligt in seiner Flanke erkunden.
Das Gelände südlich der Bahnlinie forderte die Bolschewiki geradezu heraus zu einem Stoß gegen die rechte Flanke des I. Bataillons. Man sah aber auch einzelne Reiter, offenbar erkundende Kompagnieführer, in höchst naiv bolschewistischer Art dort her-umreiten, absitzen, sich hinlegen und wieder zurückreiten. Als das III. Bataillon heran-kam, befahl Fromm diesem:
„Wir stehen anscheinend vor der Hauptstellung des Gegners, der aller Wahrschein-lichkeit nach einen Stoß in die rechte Flanke des I. Bataillons beabsichtigt. Das III. Bataillon baut sich so auf, daß es diesen Stoß seinerseits wieder flankieren kann. Eine Kompagnie bleibt hinter seinem rechten Flügel als Regimentsreserve zu meiner Ver-fügung.“
Alles ging, wie der Detachementsführer erwartete. Der Vorstoß der Bolschewiki gegen die rechte Flanke des I. Bataillons kam, nicht gerade sehr sauber ausgeführt. Er wurde vom III. Bataillon mit der entwickelten 9. und 11. Kompagnie, der M.-G.-K. und dem M.-W.-Trupp samt seinem bei Nowo Ukrainka erbeuteten Gebirgsgeschütz in der halben Flanke gefaßt und mit blutigem Schädel heimgeschickt. Die 12. Kompagnie (Regi-mentsreserve) unterstellte Fromm in diesem Augenblick wieder dem III. Bataillon, welches sie dann noch vorne rechts einsetzte. Der Feind flutete zurück, das III. Bataillon drängte nach, das I. schloß sich dem Vorgehen an, und Sprung auf Sprung, später mit schlagenden Trommlern, ging es vorwärts. Trotz all seiner Artillerie, trotz der vielen M.-G. in seiner Stellung räumte der Feind die Höhen auf der ganzen Linie. Irgendwie zur Verteidigung eingerichtet waren sie nicht.
Bei dem ganzen Gefecht konnte man sich in die Zeit ein halbes Jahrhundert früher zurückversetzt denken, dank der geringen Fähigkeit der Bolschewiki, ihr vorzügliches Waffenmaterial auszunützen. Aus ihrer beherrschenden Stellung, besonders vom Wasserturm des Bahnhofs Sinielnikowo aus konnten sie alles, jeden Anmarsch, jeden Aufbau bei uns einsehen. Ein guter Beobachter dort mit Telephon zu der Führung konnte diese über jede Einzelheit rechtzeitig in Kenntnis setzen.
Trotzdem fuhren unsere Artilleriestaffeln, M.-G.-Fahrzeuge und dergleichen auf dem Gefechtsfeld herum, kaum 2½ Kilometer vom Feind ab, dessen Artillerie die Granaten planlos hinausjagte.
Der Regimentsstab ritt vor, der Kommandeur zu allem hin auf einem Schimmelhengst, Galopp von Bahnwarthaus zu Bahnwarthaus, die hierzulande alle zwei Werst hinter-einander stehen. Dort saß man ab, manchmal in Höhe der Schützenkette, es wurde beobachtet, oft fast ohne jede Deckung, Befehle wurden entsendet. Schüsse pfiffen um die Bahnwärterhäuser und warfen Ziegel und Steine von den Dächern. Ein Pferd erhielt einen Granatsplitter in die Brust und blieb tot liegen; unter den Menschen wurde niemand im Stab getroffen. Den Kommandeur hatte ein förmlicher Siegestaumel erfaßt über dem Gelingen all seiner Anordnungen: den letzten Teil des Angriffs machte er zu Pferd mit, kaum 100 Meter hinter der vordersten Schützenlinie.
Die Nacht brach herein, rasch und fast ohne dämmernden Übergang. die einzelnen Kompagnien unter ihren zum Teil wenig geübten Führern aus dem Beurlaubtenstand befanden sich in den kreuz und quer laufenden Mulden zerstreut, eine hatte offenbar die Richtung verloren und war weit seitlich abgekommen. Es lag Gefahr vor, daß wir uns gegenseitig anschossen. Da mußte gehalten und das Ganze erst wieder einmal einge-renkt werden. Dies brauchte Zeit; ein Nachstoßen, eine Ausnützung des Sieges war nicht möglich. Dazu kam, daß die zurückgefahrene feindliche Artillerie das Gelände dicht vor dem Westrand von Groß- und Klein-Sinielnikowo heftig beschoß.
Erst nach Aufhören dieses Feuers rückte das Detachement in die eroberten Quartiere, und zwar das I. Bataillon und eine Batterie nach Klein-, der Regimentsstab, das III. Bataillon und eine Batterie nach Groß-Sinielnikowo. Auf dem Bahnhof des ersteren Ortes verknatterte ein Eisenbahnzug mit russischer Infanteriemunition, den unsere Artil-lerie in Brand geschossen hatte.
Unser eigener Verlust war verhältnismäßig nicht sehr schwer: 7 Tote und 28 Verwun-dete. Der Feind hatte viel mehr liegen lassen, besonders bei seinem mißglückten Flan-kenstoß.“



aus: „Das Württemberg. Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 126 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

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