Donnerstag, 5. April 2018

5. April 1918


„Der Angriff unter dem Decknamen „Sonnenschein“ bezweckte einen erneuten Durch-bruch der feindlichen Linie vor der Front der 2. Armee und die Verfolgung des Gegners über seine letzten Stellungen hinaus. Das Regiment sollte mit seinem I. Bataillon die Höhe zwischen den Dörfern Bouzincourt und Martinsart frontal, mit seinem II. und III. Bataillon Martinsart selbst umfassend angreifen. Das Angriffsgelände war für die 120er denkbar ungünstig. Vom Westufer der Ancre, das nur auf einer stark beschossenen Kolonnenbrücke zu erreichen war, mußten sie sich zur Hälfte in dem schwer zugäng-lichen Wald von Aveluy, zur anderen Hälfte auf freiem Gelände, in dem nur wenige Baumreihen und Hecken etwas Schutz gegen feindliche Sicht boten, auf die Höhen hinaufarbeiten.
Um 7 Uhr vormittags eröffnete bei unsichtigem Wetter die Artillerie planmäßig ihr Feuer. Wieder kam Gasmunition in reichlichem Maße vornehmlich zur Bekämpfung der feindlichen Artillerie zur Anwendung. Gegen 9 Uhr wurde bei besser werdender Sicht das Feuer aufs höchste gesteigert. Die feindliche Artillerie war bis dahin fast völlig lahmgelegt. Nur eine Batterie jagte alle paar Minuten eine Granate in den Ancrebach, die wohl der Kolonnenbrücke zugedacht war, aber stets ihr Ziel verfehlte. Die Sturm-trupps traten 9 Uhr vormittags an und arbeiteten sich, anfänglich der Feuerwalze dicht auffolgend, gut vorwärts. Aber bald kam das Vorgehen ins Stocken. Im Zwischenge-lände liegende, von der Artillerie nicht erkannte und daher nicht wirkungsvoll genug beschossene Maschinengewehrnester geboten energisch Halt. Alles wurde in Bewegung gesetzt, um ihnen beizukommen. Die Begleitbatterien und leichten Minenwerfer wurden vorgezogen, um im direkten Schuß sie unschädlich zu machen. Im Wald war dies jedoch nicht möglich, hier mußte sich die Infanterie allein weiterhelfen. Trotz der erdenk-lichsten Mühe, die sich jeder einzelne Mann gab, waren die Bestrebungen ergebnislos. Die notwendigerweise eingeschaltete Kampfpause hatte der Engländer sehr zu seinem Vorteil auszunützen verstanden. Seine Reserven waren herbeigeeilt, seine Artillerie hatte ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Unendlich groß waren die Schwierigkeiten gewor-den, die sich jetzt den Württembergern entgegenstellten. Die Lage der Nachbartruppen war fast noch mißlicher. Am Nachmittag raffte sich die brave Infanterie, mit ihren wenigen übriggebliebenen Offizieren an der Spitze, noch einmal auf. Die Reste des III. Bataillons mit ihrem Kommandeur, Hauptmann d. R. Conz, voraus, versuchten in einem Anlauf vom Westrand des Waldes von Aveluy aus in Martinsart einzudringen. Gewal-tiges Feuer von vorne und von der rechten Flanke schlug ihnen entgegen. Da fällt auch noch zu allem Unglück der treffliche Führer, die treibende Kraft zum Angriff, an dem die Leute mit Liebe und Verehrung hingen, durch ein Geschoß zu Tode getroffen nieder. Jetzt ging es nicht mehr weiter. Der Widerstand des Feindes war zu stark, die Erschöp-fung der eigenen Leute und ihre zahlenmäßige Unterlegenheit zu groß geworden, um einen Einbruch in die feindlichen Linien zu erzwingen, nachdem der erste Ansturm an den englischen Maschinengewehren gescheitert war. Der Kampf mußte von der Führung abgebrochen werden. Das Regiment hatte sein Bestes getan, mehr wäre übermensch-liches Können gewesen. Die hereinbrechende Nacht fand die müden Musketiere in der gewonnenen Linie, mit dem Gewehr im Anschlag bereit, drohende feindliche Gegen-stöße abzuwehren. Teile des Grenadier-Regiments 123 waren zur Unterstützung heran-befohlen worden. Zusammen mit ihnen gelang es während der Nacht, den Engländer in Schach zu halten. Der folgende Morgen brachte Ruhe in den Abschnitt und für die Truppen den Befehl, daß sie sich zur Verteidigung des eroberten Geländes einzurichten hätten. Vorderhand schien also die 2. Armee auf eine Fortführung der Operationen hier verzichten zu müssen. Für die Württemberger hatten die Offensivkämpfe ihr Ende gefunden. Der letzte Tag hatte dem Regiment noch besonders schwere Opfer auferlegt. Seine gewaltigen Anstrengungen mußte es mit dem Verlust von 4 Offizieren, 40 Mann an Toten, und 3 Offizieren, 103 Mann an Verwundeten bezahlen. Am schmerzlichsten berührte die Überlebenden der Heldentod des Hauptmanns d. R. Conz, der seinen Offizieren und Leuten während des Krieges fest ans Herz gewachsen war.“



aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm, König von Preußen“ (2. Württemb.) Nr. 120 im Weltkrieg 1914–1918ׅ, Stuttgart 1922

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