Sonntag, 13. November 2016

13. November 1916


„In der Nacht vom 12./13. November gelang es noch, die Verbindung zum Nachbar-Regiment links herzustellen, das, vom Vulkan-Paß kommend, sich auf dem Drumui Neamtului bis ins Susita-Tal durchgekämpft hatte. Vom Feinde wurde nichts bemerkt. Die bis zur Kirche von West-Valarii vorgeschobenen Aufklärer fanden auch dieses noch in den ersten Morgenstunden frei vom Feind. Nichts deutete auf einen bevorstehenden Angriff hin. Noch um Mitternacht versammelte der Kommandeur die Abteilungsführer, um mit ihnen alle Maßnahmen zu hartnäckiger Verteidigung Valariis zu besprechen. Kaum hatte er sie wieder entlassen, so kam von den im Morgengrauen nach Alexieni ausgesandten Aufklärern die Meldung: Starker Feind in Gruppenkolonne von Süden auf der Straße von Alexieni nach Curpenul. Kurz darauf fielen auch schon aus dieser Richtung die ersten Schüsse. Beinahe gleichzeitig pfiffen von Westen her die ersten Infanterie-Geschosse durch die Dorfstraßen, und wenige Minuten später tauchten auch gegenüber der Mitte unserer Vorpostenstellung feindliche Schützen aus einer Mulde auf. Sofort entspann sich ein lebhaftes Feuergefecht rings um die Ränder von Curpenul. Dem Feind war es offenbar gelungen, im Schutze der Nacht seine Truppen in den Mulden rings um Valarii zu konzentrischem Angriff unbemerkt bereitzustellen. Um für alle Fälle gesichert zu sein, wurde sofort angeordnet, daß zwei im Oberdorf in Reserve liegende Gebirgs-Kompagnien und eine M. G.-Kompagnie eine Aufnahmestellung auf den beher-rschenden Hängen des Lesului dicht nördlich des Dorfes beziehen sollten. Dorthin begab sich auch der Stab. Wenn nicht durch die hin- und herwogenden Morgennebel das Gelände teilweise verhüllt worden wäre, so hätte man von dort aus sogleich einen vorzüglichen Überblick über das in einer sanften Mulde zwischen Obstgärten gebettete Dorf und die umgebenden Hügelzüge gehabt. So konnte man zunächst nur aus dem immer mehr sich steigernden und ausdehnenden Gefechtslärm erkennen, daß der Gegner nicht nur das Bataillon, sondern auch die aus dem Vulkan- und Szurduk-Paß hervorbrechenden deutschen Truppen angreife. Dem Geschützdonner nach mußte er ganz außergewöhnlich starke Kräfte aufgeboten haben und einen entscheidenden Schlag beabsichtigen. Während anfangs von den Vorposten-Kompagnien nur spärliche Meldun-gen kamen, hielt später der mitten durchs Strichfeuer gezogene Draht die Führung stets über den Gang des Gefechtes genau auf dem laufenden. Am stärksten bedroht war zunächst die 4. Gebirgs-Komp. (Leutnant Wahrenberger) auf dem rechten Flügel. Dieser hatte im Dunkel der Nacht den Anschluß ans Gebirge nicht vollkommen gefunden, wodurch es dem Gegner gelang, sich zwischen ihn und das Gebirge zu schieben und ihn von dort aus aufs härteste zu bedrängen. Durch einen kühnen Gegenstoß suchte sich die 4. Luft zu machen, aber immer neue Kräfte zog der Gegner in die Lücke und über-schüttete von dort aus den ganzen rechten Flügel mit wohlgezieltem Flankenfeuer, so daß dieser große Gefahr lief, eingedrückt zu werden. Erst als ein oben im Gebirge liegender Zug der 5. Gebirgs-Kompagnie die Gefahr erkannte und auf eigene Faust einen tollkühnen Vorstoß in Flanke und Rücken des Angreifers unternahm (Offiz.-Stellv. Schild), begann das Zünglein der Waage sich wieder zu unseren Gunsten zu neigen. Mit Handgranaten jagten die Tapferen den Feind unter schwersten Verlusten bis in seine Ausgangsstellung zurück, so daß er auf diesem Flügel ein für allemal seine Angriffslust einbüßte.
Während so der rechte Flügel sich mit Mühe und Not der Übermacht erwehrte, hatte auch der linke, Oberleutnant Rommel, mit 2. Gebirgs- und 2/3 3. M. G.-Komp. (Albrecht) schwere Arbeit zu leisten. Im Schutze des Ufergebüsches und zahlreicher Gartenmauern drang dort der Gegner entlang dem seichten Susita-Bach bis an den Dorfeingang vor. Diesseits des Baches, der linken Grenze des Gefechtssteifens des Bataillons, wurde er durch einen kräftigen Gegenstoß des Oberleutnants Rommel so-gleich wieder hinausgejagt. Über dem Bach drüben dagegen drückte er immer kräftiger vor; eine Kompagnie des Nachbar-Regiments konnte ihm dort nicht mehr standhalten und mußte zurückgehen. Hierdurch verlor der linke Flügel den unentbehrlichen An-schluß an die 41. Inf.-Division, das Württ. Gebirgs-Bataillon war in Gefahr, von ihr abgedrängt zu werden. Auf den Hilferuf des gefährdeten Flügels wurde daher die 6. Gebirgs-Komp. (Jung) über die Susita hinüber den Nachbarn zu Hilfe geschickt. Diese riegelte die Einbruchstelle ab und ermöglichte der Nachbar-Kompagnie, nach Eintref-fen von Verstärkung sich wieder vorzuarbeiten. Hiermit war auch der linke Flügel des Bataillons wieder gesichert.
Auch gegen die Mitte, die 3. Gebirgs-Komp. und 1/3 2. M. G.-Komp. (Jaiser) unter Oberleutnant Lieb richtete der weit stärkere Feind wütende Stöße. Allein er hatte hier noch weniger Glück als auf den Flügeln. Jede der zahlreichen Wellen, die er über die ebenen Mais-Äcker vortrieb, wurde durch unser Feuer niedergemäht. Unsere Maschi-nengewehre hatten hier geradezu ideale Wirkungsfelder. Es gelang ihnen, eine feind-liche Halbbatterie, die im Nebel bis 800 m herangefahren war, vollkommen zu erle-digen. Auch unsere Gebirgs-Artillerie konnte, sobald die Schleier des Morgennebels gewichen waren, vom Gipfel des Lesului aus höchst wirksam die Mulden unter Feuer nehmen, in denen der Gegner sich zum Angriff bereitstellen oder versprengte Züge wieder sammeln wollte. Dank ihrer gewaltig überhöhenden Aufstellung hatte sie und die Abteilung Zickwolff in alle Falten des reich gegliederten Geländes vollkommenen Einblick und eine ungewöhnlich große Schußweite. Die feindliche Artillerie, obwohl der unsern an Zahl und Kaliber überlegen, vermochte doch uns keinen großen Schaden zufügen und war bald durch unsere Maschinengewehre und Geschütze außer Gefecht gesetzt.
Erst in der Abenddämmerung erlosch das feindliche Feuer. Bald ging auch die Gefechts-fühlung mit dem Gegner verloren, der sich nach Süden und Südwesten zurückzog. Auch auf der übrigen Front kam der Kampf zum Schweigen. Bei schwindendem Büchsenlicht meldeten unsere lichtstarken Fernrohre: Auf den Straßen bei Rugii gehen feindliche Kolonnen im Verfolgungsfeuer unserer Artillerie zurück. Konnte so der Erfolg des Tages auf der ganzen Linie als gesichert angesehen werden, so stand doch keineswegs fest, ob der Gegner nicht am nächsten Morgen seine Angriffe mit frischen Kräften er-neuern werde. An eine Ablösung war nicht zu denken. Es mußte daher alles geschehen, um die stark ermüdete Truppe rasch wieder auf die alte Höhe zu bringen. Es galt vor allem, die auf die Neige gehende Munition zu ergänzen und das bitter entbehrte Brot herbeizuschaffen. Die treue Ausdauer der Kolonnen bewältigte auch diese schwierige Aufgabe. Noch in der Nach vom 13./14. November kletterte eine Tragtierkolonne mit 30 000 Schuß die Steilhänge des Lesului herab. Eine andere unter Leutnant Gulden holte 70 000 Schuß aus einer weit entfernten Ausgabestelle im Vulkan-Paß. Auch Brot und Zwieback trafen in beschränkten Mengen ein. So konnte man frisch gestärkt dem Morgen mit Zuversicht entgegensehen. Der erwartete Angriff kam jedoch nicht; der Gegner war in der Nacht weit zurückgegangen.“


aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

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