Samstag, 5. November 2016

5. November 1916


„Die Stellung wurde von rechts nach links mit1., 2., 3. und 4. Kompagnie besetzt. Die Nacht über und am Vormittag des 4. ging das heftige feindliche Artilleriefeuer gegen die vordere Linie weiter, verstärkte sich am Nachmittag zusehends und hielt bis zum Abend mit größter Heftigkeit an. Auch das naßkalte Wetter hielt an; zäher Schlamm bedeckte fußhoch den Boden. Die Stellung des Regiments war allmählich zur Trichterstellung geworden, stellenweise waren die Granattrichter durch flache Gräben verbunden. Das Gelände zwischen vorderer Linie und Bereitschaft war vom Gegner einzusehen; denn Saillisel war nicht etwa ein schmuckes Dorf, sondern seine Häuser waren zu Schotter zermahlen und die Kirche von Sailly war nur durch einen großen Schutthaufen kenntlich, aus dem ein verkohlter Balken wie ein Galgenarm herausragte. Verbindungs- und Annäherungsgräben gab es nicht; ja sogar die Bildung sogenannter Trampelpfade durch diese Trichterwüste wurde ängstlich vermieden, da sie dem Gegner nur Finger-zeige gaben, um Befehlsstellen, Depots, Stützpunkte usw. zu erkennen und mit seinem Feuer zu zermalmen. Der Verkehr von hinten nach vorne und umgekehrt war also auf das äußerste erschwert. Fernsprechverbindung zwischen Bataillonsgefechts-stand und vorderer Linie war wegen Abhörgefahr untersagt.
In der Nacht zum 5. hielt die äußerst lebhafte Tätigkeit der feindlichen Artillerie an. Auch auf den Riegelstellungen, auf Etricourt und Manancourt lag dauernd schweres Feuer, und infolgedessen kam weder Material noch Munition, Verpflegung oder Geträn-ke nach vorn. Erst gegen Morgen flaute es ein wenig ab, um gegen 8 Uhr vormittags mit verdoppelter Wucht einzusetzen und bis Mittag sich zu größtmöglicher Heftigkeit zu steigern. Feindliche Flieger kreisten in geringer Höhe über der Stellung, leiteten das Zerstörungsschießen und beteiligten sich mit ihren Maschinengewehren am Feuer auf die Grabenbesatzung. Durch eigene Luftbeobachtung wurden starke feindliche Kolon-nen im Anmarsch auf Sailly und Massierung feindlicher Kavallerie bei Combles gemeldet. Auf den gegenüberliegenden Brustwehren tauchten einzelne Franzosen in voller Ausrüstung auf. Was im Graben nicht tot, verwundet oder verschüttet war, machte sich gefechtsbereit. Bereitschaften und Reserven wurden alarmiert und hielten sich zum Eingreifen bereit. Sie brauchten nicht lange zu warten. Um die Mittagsstunde griff der Franzose an; auf irgendwelchen Widerstand schien er nicht mehr zu rechnen. In dichten Kolonnen, Schritt für Schritt gemächlich durch Schlamm und Trichter watend, näherte er sich den deutschen Gräben.
Über den Verlauf des sich nun entspinnenden Kampfes unterrichtet im Rahmen des Regiments wohl am besten ein unmittelbar nach den Ereignissen niedergeschriebener Gefechtsbericht des Hauptmanns Tobias, Kommandeur des I. Bataillons, der hier ohne jede Änderung wiedergegeben wird:
„Um 12. mittags erfolgte der Angriff der Franzosen. Das Ergebnis war folgendes: Bei der 1. Kompagnie, die durch das feindliche Artilleriefeuer weniger gelitten hatte, wurden die Franzosen durch Gewehrfeuer und Handgranatenkampf in ihre Gräben zurückgetrieben. Ein Nachdrängen war nicht möglich, da der feindliche Graben mit Reserven und Maschinengewehren stark besetzt war.
Die Stellung der 2. Kompagnie, sowie rechter Flügel und Mitte der 3. Kompagnie, war durch das feindliche Wirkungsschießen vollständig eingeebnet worden; der überraschende Angriff der Franzosen traf fast nur noch Verwundete, Verschüttete und durch das stundenlange Trommelfeuer Betäubte und gelangte etwa 200 m über die zerschossene Stellung hinaus. Teile der 2. Kompagnie waren zur Vermei-dung unnötiger Verluste während des Trommelfeuers vom Kompagnieführer in die Stellung der 1. Kompagnie genommen worden. Diese rückten bei der Abwehr des französischen Angriffs auf die Front der 1. Kompagnie mit, und verhinderten – den Graben am linken Flügel der 1. Kompagnie abdämmend – durch Hand-granaten und Gewehrfeuer das weitere Vordringen des Gegners im Graben und gegen Saillisel; auch wurde sofort mit Besetzten einer neuen Abriegelungsstellung südlich der Kirche am Ortsrand begonnen.
Bei der 4. Kompagnie und dem linken Flügel der 3. wurde der Angriff noch rechtzeitig erkannt und sowohl durch Infanterie- als auch durch Maschinen-gewehrfeuer glatt abgewiesen. Gegen die Franzosen, die bei der 2. und 3. Kom-pagnie durchgebrochen waren, wurde die Rückseite des vom feindlichen Feuer etwas mehr verschont gebliebenen Grabens der 4. Kompagnie besetzt und durch wirksames Flanken- und Rückenfeuer ein weiteres Vorgehen verhindert. Der bis jetzt noch gehaltene linke Flügel der 3. Kompagnie wurde aufgegeben und der Graben am rechten Flügel der 4. Kompagnie abgesperrt.
Zur Abriegelung der Durchbruchstelle wurde 3.45 Uhr nachmittags den in R 1 befindlichen Kompagnien (6. und 7.) befohlen, am Westrand von Saillisel eine neue Stellung zu beziehen und mit 1. und 4. Kompagnie Verbindung aufzuneh-men. Infolge des eigenen Artilleriefeuers, das um diese Zeit gegen Saillisel, sowie auf das Gelände zwischen R 1 und das Dorf gerichtet wurde, kamen nur wenige Gruppen der 6. und einige Leute der 7. Kompagnie nach vorne, die unter Führung des Leutnants d. R. Hege die befohlene Stellung erreichten.
Zur Verlängerung der Abriegelungsstellung südlich der Kirche wurde die inzwi-schen zur Verfügung gestellte, ebenfalls stark geschwächte 8. Kompagnie, sowie einige Leute der 5. Kompagnie eingesetzt.
Gegen 1 Uhr morgens am 6. November wurde die 4. Kompagnie, die in ihrer alten Stellung Gefahr lief, abgeschnitten zu werden, zur unmittelbaren Verbindung zwischen 6. Kompagnie und Inf.-Regt. 172 zurückgenommen. Nachdem am 6. November vormittags sich die feindliche Artillerie mittels ihrer Flieger auf die neuen Linien eingeschossen hatte, begann um 12 Uhr mittags das Trommelfeuer von neuem und dauerte bis 5 Uhr nachmittags, zu welcher Zeit erneut Angriffe der französischen Infanterie gegen die ganze Stellung des Bataillons erfolgten. Sie wurden jedoch sämtlich mühelos zurückgewiesen, desgleichen auch Einzelan-griffe, die während der Nacht mit schwächeren Kräften unternommen wurden.“



aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

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