Mittwoch, 16. November 2016

16. November 1916


„Morgens 6 Uhr wird die Eskadron v. Faber du Faur zu einer Erkundung mit unmit-telbarer Unterweisung von der Division in die rechte Flanke ausgeschickt. Sie soll über Sambotin – Turnicesti auf Voinicesti reiten. Die rumänische Front ist links und rechts von Szurduk durchbrochen worden, rasch sind die unsrigen durch die breite Lücke vorgerückt und stoßen schon auf Targu Jiu, indessen die Hauptkräfte der rumänischen Armee noch in weitem Bogen hinauf bis Orsowa an der Donau mit dem Rücken gegen uns stehen.
Um 9 Uhr sammelt sich die Division auf dem Wege Porceni – Mosneni – Sambotin und marschiert westlich ausholend an Targu Jiu vorbei, wo lebhaft gekämpft wird, nach Voinicesti. Dort erhält unser Regiment den Auftrag, weiter auf Ciauru aufzuklären. Um 4.30 Uhr nachmittags treffen wir dort ein, der Ort ist frei vom Feinde, aber das Verhalten der Bewohner, die sich sonst geradezu unangenehm unterwürfig zeigten, ist doch verdächtig. Patrouillen, die weiter vorstoßen, finden zunächst alles frei, eine Feldwache unter Leutnant Frhr. v. Gemmingen (Max) wird an den Nordeingang des nächsten Dorfes Balacesti vorgeschoben. Sicherungen werden auch gegen den Jiul aufgestellt, wir sind der vorderste Teil in dem Rumänenland, die Infanterie kämpft noch mehrere Kilometer weiter nördlich bei Targu Jiu. Am Abend hört man plötzlich in der Nähe heftiges Infanteriefeuer aus östlicher Richtung, die Infanterie scheint noch im Vorrücken. Gleichzeitig fängt es mal wieder an in Strömen zu regnen. Reitende Patrouillen, von der Division an den Jiul entsandt, verlieren sich in der finstern Nacht und kommen in dem Sumpfgelände nicht weiter. Daher immer noch keine klaren Nachrichten vom Feinde. Eine Husarenpatrouille ist eben von Süden durch Balacesti zurückgekommen und meldet dem Regiment beim Durchmarsch, daß alles frei sei, da kommt Leutnant v. Sydow von seiner Erkundung zurück. Er ist mitten in Balacesti angerufen worden, hat einem Kerl aus nächster Entfernung ins Gesicht geleuchtet und einen rumänischen Jäger mit seiner Lammfellmütze erkannt. Darauf wurde es sofort lebendig und von allen Seiten fielen Schüsse, er kam aber noch glücklich heraus. Kurz danach traf Leutnant d. R. Mauser ein, der zur Erkundung der Brücke bei Poiana ausgesandt worden war. Er ist auf dem Hin- und Rückweg durch Balacesti geritten, ohne Feuer zu erhalten. Eine weitere Patrouille wird ausgesandt, die nun Balacesti stark besetzt von feindlichen Jägern findet, die wahrscheinlich eben erst, von Targu Jiu kommend, dort eingerückt sind.
Um 5.30 Uhr morgens wird die Eskadron v. Gemmingen als rechte Seitendeckung der Division über Grosu – Vartu – Matasarii auf Corobaile geschickt. Das Regiment – da die 5. Eskadron noch nicht zurück, nur zwei Eskadronen stark, und die Maschinengewehr-Eskadron – bricht am 16. November, 7 Uhr vormittags, auf und bekommt dicht hinter Ciauru schon die Meldung, daß eine starke feindliche Schützenlinie von der Häuser-gruppe südlich Balacesti auf Balacesti vorgeht. Die Schützen des Regiments in Stärke von etwa 70 (!) Mann gehen daraufhin unter Führung von Rittmeister d. R. Umrath und Rittmeister v. Pagenhardt rechts und links der Straße auf Balacesti vor. Der Gegner, der anscheinend nur mit schwachen Kräften noch in Balacesti saß, ging daraufhin zurück und die Schützen stießen bis an den Südrand des Dorfes nach. Aber ihr wißt doch noch, wie diese rumänischen Dörfer aussahen, deren charakteristischen eins Balacesti war. Unendlich langgezogen dehnten sich die kleinen buntbemalten alten Häuschen die Straßen entlang, dünne Pappelstauden dazwischen. Jedes Häuschen hat seinen Zaun – o, was hätten wir später gefroren ohne diese guten, heizbaren Zäune! – und sein Gärtchen dahinter. Glaubt man sich endlich am Rande, dann tauchen neue Häusergruppen auf. In den Flußtälern ist es unmöglich, zu sagen, wo ein Dorf aufhört, wo das andre anfängt. Alles ist ein langgezogener bewohnter Strich. So hörte Balacesti nicht auf, als wir bis zum Südrand durchgestoßen waren; auf kaum 80 Meter vor uns lagen neue Häuser-gruppen. Von dort her verstärkte sich der Widerstand. Die Rumänen lagen in Deckung und trafen gut. Auch Artilleriefeuer setzte ein und fegte über die Dorfstraße.
Rechts von uns zieht sich ein mächtiger Höhenrücken hin. Dort bei Vartu sieht man deutlich eine Kolonne, etwa ein Bataillon, sich vorbewegen, eine weitere Kolonne taucht dahinter auf. Links schiebt sich eine starke feindliche Patrouille den Jiul entlang, sie scheint Umgehungsabsichten zu haben. Gegen diese entwickeln sich unsere braven Kavalleriepioniere und die Patrouille verschwindet.
Nach kurzer Zeit meldet Rittmeister d. R. Umrath, daß der Feind mindestens zwei Kompagnien Verstärkung erhalten habe und dauernd nach links verlängere. Trotzdem schätzte er den Gegner moralisch nicht hoch ein und bat um die Erlaubnis, angreifen zu dürfen. Wenige Minuten, nachdem er die Meldung geschrieben hatte, machte ein Kopf-schuß dem Leben dieses tapferen, pflichttreuen und allgemein beliebten Kameraden ein Ende. Dicht neben ihm war kurz vorher der zu den schönsten Hoffnungen berechtigende erst im Frühjahr zum Leutnant beförderte Frhr. v. Gemmingen (Max) ebenfalls tödlich verwundet worden. Ein schwerer Verlust für das Regiment.
In dem völlig offenen Gelände hatten unsere Schützen schwer unter dem Flankenfeuer der Rumänen, die vom Höhenrand in die Talebene herabschossen, zu leiden, die Verlus-te mehrten sich auch noch durch Volltreffer der Artillerie, während die Sprengwirkung der Granaten in dem tiefen Morast nur sehr gering war. Der Druck des Gegners auf unsere rechte Flanke machte sich immer stärker fühlbar. Die noch bei den Pferden befindlichen Mannschaften wurden vorbefohlen, aber wir waren auch mit ihnen zu schwach, den Angriff weiter durchzuführen und hatten alle Mühe, unsere bisherige Stellung zu behaupten. So wurden die Verstärkungen schon am Dorfrand angehalten und nachdem diese rückwärtige Stellung besetzt war, krochen die vorderen Schützen – bei dem tiefen, zähen Boden und dem starken feindlichen Feuer keine leichte Arbeit! – ebenfalls dorthin zurück. Allmählich wurde das Wetter unsichtiger und im Lauf des Nachmittags schlief das Feuergefecht ein.
Gegen Abend wurden wir vom Dragoner-Reg. 25 abgelöst und kamen nach Ciauru zurück, wo wir in Bereitschaft lagen. Der Tag hatte uns schwere und schmerzliche Opfer gekostet, 8 Tote und 20 Verwundete mußten gemeldet werden.“

aus: „Dragoner-Regiment „König“ (2. Württ.) Nr. 26 im Weltkrieg 1914–1918“ Stuttgart, 1921


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