Montag, 28. November 2016

28. November 1916


Über die Verhältnisse in den Lazaretten im Hinterland der Somme-Schlacht berichtet der württembergische Stabsarzt Dr. Koerber:
„Und immer noch das rasende Trommelfeuer, das jetzt nur ab und zu Pause macht. Wie schwierig ist da der Transport, wie lange müssen da die Sanitätsautos oft warten, bis sie zu den Hauptverbandsplätzen vordringen können. Und wiederum das Fortschaffen der Schwerverwundeten aus den vorderen Stellungen, aus der Hand des Truppenarztes bis zum Hauptverbandplatz hin durch die zerschossenen und verschütteten Gräben, oft über freies Feld unter dem Hagel von Granaten und Schrapnells! Wie mancher Krankenträger zahlt seine von keinem andern als dem Kameraden oder dem Verwundeten selbst beobachtete, kaum genannte Treue mit dem Leben! Da muß naturgemäß mancher im Unterstand draußen liegen und harren. Die Truppenärzte, die kaum Menschenmögliches leisten, und ihre Helfer, die Sanitätsunteroffiziere und Krankenträger, können nur die Notverbände anlegen. Ein Tag und zwei Tage vergehen, bis irgend eine örtliche Feuerpause das Fortschaffen ermöglicht. Da ist manche Wunde, die bei sofortigem chirurgischen Eingriff wohl günstig verlaufen sein könnte, in Brand und schwere Eiterung übergegangen. Da bleibt uns Chirurgen, denen die nächsten 8 Tage einen nieversiegenden Strom Schwerverwundeter zuleiten, oft nichts anderes mehr übrig, als die unrettbar gewordenen Glieder abzusetzen. Dazu kommen die vielen, die an sich schon so verstümmelt und abgerissen sind, daß von vorneherein kein anderer Weg als der der Entfernung bleibt. Das ist eine schwere drückende Arbeit, technisch ja für den Geübten eine Kleinigkeit gegenüber den großen Operationen, die man im Frieden oder in den ruhigen Zeiten des Stellungskampfs mit allen Hilfsmitteln der ärztlichen Kunst auszuüben gewohnt ist. Jetzt werden die Operationen für die Zeit des ersten Massenan-drangs die Ausnahme, die bei zufällig günstigen Transportverhältnissen möglich ist, die andern die Regel. Und das drückt und lastet auf dem Gemüt. Der ganze Wahnsinn des uns  aufgedrungenen Völkermordens tritt vor die Seele. Man steht in einem Meer von Schmerzen, Verwüstungen blühender Körper, von Blut Brand und Eiter.“


aus: „Schwäbisches Kriegstagbuch“, Stuttgart 1916

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