Dienstag, 29. November 2016

29. November 1916


„Hermann Dopffel, mein ältester Sohn, geboren 6. April 1885 in Reutlingen, wo ich damals Stadtpfarrer war, besuchte dort das Gymnasium, dann, infolge meiner Übersied-lung als Dekan nach Geislingen a. St., das dortige Lyzeum, seit 1901 die obersten zwei Klassen des Karlsgymnasiums in Stuttgart. Vom Herbst 1903 an diente er in Tübingen sein Einjährigenjahr ab. In die Verbindung trat er am 22. Oktober 1903.
Körperlich sehr kräftig, geistig aufgeschlossen und rege, frisch und freudig, von sinnig-phantasievollem und unternehmendem Wesen, hat er selbst viel zur reichen, ungetrübt glücklichen Gestaltung seiner Kindheit und Jugend beigetragen und hat seinen zwei jüngeren Brüdern als treuer, erfinderischer Führer ein gutes Teil ihres Kindheitsglücks mitgebaut. Die Spiele und Wanderungen in den Geislinger Wäldern und Bergen, der Bodensee, wo er alljährlich einige Wochen weilen durfte und frühe in tüchtiger Schwim-mer und Segler wurde, legten in ihm den Grund zu inniger Vertrautheit mit der Natur und machten ihn zum Wanderer, der zu Fuß, zu Rad oder mit dem Motor mit scharfen sicherem Auge in jeder Gegend den Weg fand, und alle Schönheit tief in sich aufnahm nach seinem Wahlspruch: „Trinkt ihr Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt!“ Bei der Wahl des Studiums schwankte er eine Zeitlang zwischen Jurist und Architekt. Zu letzterem zog ihn sein ausgesprochener Sinn für jede Art der bildenden Kunst und seine schöne zeichnerische Gabe, sowie die dem praktischen Leben zugewandte Seite seines Wesens. Er entschied sich aber doch für das Jus, dem er auch eine deutliche Veranlagung entgegenbrachte. Seine im Grunde ernste Sinnesart ließ während der Studienzeit das Ziel nie aus den Augen. Aber daneben gab er sich mit frischem Lebensdrang und fröhlichem Jugendmut der studentischen Freiheit hin. Ein lieber Hausgenosse der Haarerei bezeugt es ihm, „daß er einer der fröhlichsten in ihrem Kreise war, jederzeit bereit, sein Teil zur Freude beizusteuern“. Die normännischen Angelegenheiten waren ihm Herzenssache.
Der Gang seiner Studien erlitt eine jähe Unterbrechung in seinem 4. Studiensemester in Leipzig durch eine nervöse Depression, von deren Anbahnung auch die Eltern bei der in jeder Beziehung so kräftigen Veranlagung des Sohns keine Ahnung hatten. Langsam erholte er sich wieder. In seinem innersten Wesen durch die schweren Hemmungserfah-rungen merklich gereift, arbeitete er daheim und im Tübinger Normannenhaus auf den akademischen Abschluß hin, der ihm durch ein gutes Examen besiegelt wurde. Während seiner Heilbronner Referendarjahre gewährte ihm besondere Befriedigung die Teilnah-me an einem mehrmonatlichen staatswissenschaftlichen Kurs in Berlin, der ihn auch nach Lübeck und Hamburg führte. Ganz heimisch machte er sich damals im Berliner Kaiser Friedrich-Museum, wo er sich ein über das Dilettantische hinausgehendes Ver-ständnis der Kunst, besonders der Niederländer, aneignete. Sehr dankbar war er für viele Freundlichkeit, die er in Berlin in einer Reihe von Familien, besonders in den Häusern älterer Bundesbrüder, erfahren durfte.
Nach dem zweiten Examen befriedigte ihn die praktische Tätigkeit als Assessor in Waldsee und Cannstatt und als Mitarbeiter der Rechtsanwälte Dr. Kielmeyer und Dr. Scheuing in Stuttgart in hohem Maß. Im Juli 1914 wurde ihm die Stelle als zweiter Justitiar bei Benz in Mannheim übertragen. Aber ehe er sie antrat, brach der Krieg aus und machte das Weiterbauen au den Grundlagen unmöglich, die für einen tüchtigen bürgerlichen Lebensbau gelegt waren. Gleich seinen zwei jüngeren Brüdern ging er sogleich mit Kriegsbeginn als Leutnant d. R. ins Feld. Mit dem 3. Batl. des Heilbronner Füsilier-Regiments fuhr er am 7. August westwärts. Schon am 24. August wurde ihm in der Schlacht bei Longuyon der Oberschenkel durchschossen. Viele Stunden im Wald liegend und der Erschöpfung nahe, wehrte er, durch einen Baumstamm gedeckt, ver-sprengte Franzosen ab, die ihn aus nächster Nähe beschossen. Besonnene Furchtlosig-keit hatte sich auch schon früher als ein Grundzug seines Wesens bekundet. Es war keine Übertreibung, wenn ihn später der Nachruf des Regts. 122 „einen Mann von größter Unerschrockenheit und vorbildlicher Tapferkeit“ nannte. In seine Genesungszeit fiel der Heldentod seines Bruders Helmut am 21. Oktober 1914 bei Bezelaere, der ihn tief erschütterte. Langsam bis zur Garnisonsdienstfähigkeit hergestellt, wurde er zum Lehr-Regiment für Reserve-Offiziersaspiranten im Lockstedter Lager kommandiert. Er war mit dem Herzen bei seiner dortigen Aufgabe, die fast ein Jahr währte. Die Aspi-ranten durften es fühlen, daß sie einen pädagogischen Freund an ihm hatten. Der Ver-kehr mit den norddeutschen Kameraden und mit den Bundesbrüdern der Umgebung bot ihm viel Anregung. Die freie Zeit und die Nähe von Hamburg benützte er dazu, in Fortführung früherer Beschäftigung mit den Siedlungsfragen zwei Denkschriften auszuarbeiten: „Das Ansiedlungswesen des Deutschen Reiches nach dem Krieg; Unter-suchungen und Vorschläge. Januar 1916“; dazu: „Richtlinien und Vorschläge zur Aus-gestaltung der Anbau- und Siedlungsverhältnisse in den im Osten vom deutschen Heere besetzten Gebieten. März 1916. Im Zusammenhang mit diesen Arbeiten wurde er im März 1916 an die mit dem preußischen Kriegsministerium verbundene Stelle für deutsche Rückwanderer in Berlin versetzt. Über seine Lockstedter Zeit liegt die Äuße-rung seines Regimentskommandeurs vor, die ihm bei einer späteren Gelegenheit mit Absicht offen in die Hand gelegt wurde, „D. hat seine Stellung in sehr guter Weise ausgefüllt, Sein Kompagnieoffizier hatte eine ausgezeichnete Stütze an ihm. Seine ernste Lebens- und Dienstauffassung, sein kameradschaftliches Verhalten, seine außer-dienstlichen schätzenswerten Bestrebungen und wissenschaftlichen Arbeiten betreffs Ansiedlungen im Kriegsgebiet sicherten ihm eine ausgezeichnete Stellung als Mitglied des Offizierskorps. ( … )
Von Berlin aus kam er in mehrfacher Sendung nach Polen, Wolhynien, Schlesien um den Transport deutscher Rückwanderer zu leiten. Dann wurde er durch den Chef der deutschen Verwaltung für Litauen, Fürst zu Isenburg, an die Zentrale dieser Verwaltung in Kowno angefordert. Von Kowno schrieb er heim, wie wundersam ihn bei den Ausritten mit den Herren der Verwaltung der Ausblick nach Osten dem weiten Rußland entgegen anmutete ( … ).
Trotz der hohen Befriedigung, die ihm seine Stellung in Kowno gewährte,  kam über ihn ohne besonderen Anlaß, wohl im Zusammenhang mit den allzu großen Anforderungen, die er an die eigene Kraft gestellt hatte, eine nervöse Depression ähnlich der einst in Leipzig erlebten, Von einem Heimaturlaub mit der Aussicht auf Rückkehr nach Kowno hoffte man Wiedererholung. Leider erwies sich alle Liebe und Fürsorge gegenüber dem krankhaften Hemmungszustand als vergeblich. Das Gefühl, daß die Kraft gerade in dieser großen Zeit und auf der Höhe seiner Aufgabe versagt hatte, hinderte als nieder-drückende Last den Wiederaufstieg. Er brachte es nicht über sich, sich die genügende Zeit zur Erholung zu lassen und wollte durch Annahme einer ihm angebotenen Gerichtsoffiziersstelle in Cambrai vor seiner Rückkehr nach Kowno seine Leistungs-fähigkeit erproben. Die Vorbereitungen zur Abreise überstiegen seine Kräfte. Wie eine Mauer türmte sich das Neue plötzlich vor dem krankhaft getrübten Auge auf. Wenige Stunden vor dem Abreisetermin am 29. November 1916 setzte er durch eigene Hand seiner Laufbahn das Ende – ein Ausgang, über dem nicht freies Handeln, sondern der Zwang der Krankheit obwaltete. Die Wogen der Zeit schlugen über dem irdischen Teil eines Lebens zusammen, das wertvolle Früchte gezeitigt hat und das noch reicheren Ertrag versprach.
Heilbronn. Der Vater: Hermann Dopffel.“


aus: „Gedenkbuch der Tübinger Normannia für ihre Gefallenen.“ Stuttgart, 1921
Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Bestand M 708

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