Samstag, 28. Januar 2017

28. Januar 1917


„Am 28. Januar steigt das Unternehmen. Um die Aufmerksamkeit des Gegners abzu-lenken und um sein Sperrfeuer zu zersplittern, wird durch vermehrtes Einschießen auf das Wattweiler Werk und die Höhe 425 sowie durch Artillerie-, Minen- und Infanterie-feuer dort ein Unternehmen vorgetäuscht. Um 3.20 Uhr nachmittags eröffnen die Artil-lerie und 24 schwere, 3 mittlere und 18 leichte Werfer der auf dem Hartmanns-weilerkopf in Stellung befindlichen Minenwerfer-Kompagnie 312, sowie des für das Unternehmen herangezogenen Minenwerfer-Bataillons VII ein zweistündiges Zerstö-rungsfeuer mit je 40 Schuß auf den schweren und mittleren Werfer. Für jeden leichten Werfer stehen 150 Schuß als Sperrfeuer zur Verfügung. Die Beobachtung ist ausge-zeichnet. Der Wind treibt die Rauchwolken rasch auseinander. Der meterhohe Schnee verschwindet, und schwarz vom Feuer umloht und von Rauchwolken umweht liegt die Kuppe da. 4 Patrouillen des I. und III. Bataillons, das am 18. Jan. auf dem Hartmanns-weilerkopf abgelöst hat, je I Offizier und 30 Mann, stehen mit Pistolen und Hand-granaten, Messern und geschliffenen Spaten, ein paar Mann mit Gewehr und aufge-pflanztem Seitengewehr bereit. Pioniere mit Drahtscheren und geballten Ladungen sind dabei. Die Schneemäntel und weißen Helmüberzüge werden nicht benutzt. Der Schnee ist im Patrouillengebiet völlig weggefegt. Der Franzose antwortet mit Artilleriefeuer nach rückwärts und ein paar Minen auf die Felsenkaserne. Hauptmann Jörling, der Leiter des Unternehmens, kann der Division immer wieder melden, daß alles gut steht. Der Flieger und die Beobachtung auf dem Tierbachkopf melden richtige Lage des Feuers. Ladehemmungen und Hemmungen am Rohrrücklauf bei einigen Minenwerfern werden schnell beseitigt. In einer Feuerpause von 4.50 bis 5 Uhr werden rasch die günstigsten Einbruchsstellen erkundet und die letzten Drähte im eigenen Hindernis beseitigt. Wieder schwillt das Feuer an. Durch Volltreffer in die Ausschußöffnung fällt ein Werfer aus, mehrere durch Rohrkrepierer und Ladehemmungen. Um so schneller arbeiten die andern. Höchste Feuersteigerung! Jetzt wird nicht mehr ängstlich Deckung genommen. Der Schlagbolzen wird nicht mehr zurückgezogen. Die schweren Minen sinken ins Rohr und fahren sofort von der Schlagbolzenspitze getroffen wieder zum Rohr hinaus. Schuß folgt auf Schuß mit rasender Geschwindigkeit. Die Patrouillen rücken an ihre Ausbruchsstellen. In der Bertasappe steht Vizefeldwebel Lude mit 11 Mann der 11. Kompagnie. Wo bleibt der Führer Leutnant Lebzelter mit den anderen? Schon haben die Werfer ihr Feuer rückwärts verlegt, die Ausbruchszeit ist da, noch immer kommt niemand. Da stürmen die Wackeren allein vor, ohne sich zu besinnen.  Aus einem verschütteten Unterstand kommen 7 Mann heraus, verstört, erschüttert von dem furchtbaren Feuer. Sie heben die Hände hoch und lassen sich willenlos abführen.  Aus der zweiten Linie holen die 12 Mann noch 3 heraus, dann ist’s Zeit heimzukehren. Die Patrouille Gerhardt stößt im ersten feindlichen Unterstand auf heftigen Widerstand. Handgranaten fliegen hin und her. Ein Mann wird verwundet. Aber es gelingt doch, 4 Unterstände auszuräumen und 13 Gefangene, ein Fusil mitrailleur und andere Waffen zu erbeuten. Die Patrouille Brutschin sprengt einige 6 Meter tiefe Stollen und Unterstände, die aber schon vom Feind geräumt sind.  Weiter vorzukommen, ist infolge schweren Maschinengewehrfeuers und Schrapnellfeuers hier ebenso wenig möglich, wie bei der Nachbarpatrouille.  Am schwersten ist der Kampf an der Hexenküche und Feste Bam-berg, wo die Patrouille Weitmann sofort mit Handgranaten und Maschinengewehrfeuer empfangen wird. Trotz ihrer Verluste – 9 Mann verwundet, von denen der Unteroffizier Burkhardt bald stirbt –, gelangt die Patrouille in den völlig erhaltenen, sehr engen, mit Brettern verschalten und überdachten zweiten französischen Graben. Mit Handgranaten wird der Gegner zurückgetrieben, über Tote und Schwerverwundete geht es hinweg, und trotz aller Schwierigkeiten werden 11 Gefangene aus den Stollen herausgeholt.
Pechfackeln weisen den Weg zurück. Das Unternehmen ist völlig gelungen, die feind-lichen Stellungen sind weitgehend zerstört, und außer seinen blutigen Verlusten hat der Gegner 35 Gefangene eingebüßt. Lange nach der Rückkehr der Patrouillen rollt der Gegner nach Beschießung mit Artillerie seine vordere Linie mit Handgranaten wieder auf. Die Tapferen aber finden Anerkennung und im Heeresbericht wird das Regiment namentlich genannt. Aber der Erfolg ist teuer bezahlt. Der bombensichere Ziegelrücken-stollen, in dem die fehlende Patrouillenmannschaft der 11. Kompagnie untergebracht war, ist ein grauenvolles Trümmerfeld. Nur an der hinteren Stollentreppe hört man noch Wimmern und Stöhnen. Fieberhaft arbeiten die Sanitäter und die Rettungsmannschaften in der eisigen sternenhellen Nacht. 4 Leicht- und 20 Schwerverwundete holt man am hinteren Stolleneingang noch heraus, aber im Stollen selbst lebt niemand mehr. In ein Knäuel gepreßt, zerrissen, vom Luftdruck getötet, liegen 4 Offiziere und 59 Mann unter den Trümmern in dem von giftigen Gasen und Dämpfen erfüllten Raume. Ohnmächtig sinken die hierhin vordringenden Rettungsmannschaften zu Boden, und draußen müssen sie sich erbrechen. Nur mit Sauerstoffapparaten kann man, da das Aufräumen des vor-deren Stolleneingangs mehrere Tage in Anspruch nimmt, die schon in Verwesung über-gehenden Leichen und Leichenteile bergen. Den 5 Mann der 11. Kompagnie, von denen nichts mehr zu finden ist, setzt man am Eingang des neuhergerichteten Stollens eine Gedenktafel, die übrigen bestattet man auf dem von Leutnant Herkommer geschaffenen Regimentsfriedhof beim Pionierdorf. Wie da Unglück geschehen ist, ist nicht völlig aufgeklärt. Die Bedienung des Minenwerfers, die das Unglück verschuldet hat, ist tot.  Etwa 5 Minuten vor der Ausbruchszeit der Patrouille ist der Werfer beim Ziegel-rückenstollen, der seine Munition, noch etwa 40 Zentner Sprengstoff, im Stolleneingang untergebracht hat, zerstört worden, ob durch feindlichen Treffer, Rohrkrepierer oder Kurzgänger eines weiter rückwärts stehenden Werfers, das kann niemand sagen. Die Gesamtverluste des Regiments an diesem ehrenvollen wie verhängnisvollen Tage sind: 4 Offiziere (Oberleutnant Ludwig, Leutnant Lebzelter und Dietz, Feldwebelleutnant Joos) und 41 Mann tot, 21 Mann schwer und 12 leicht verwundet. .“


aus: „Das Württembergische Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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