Dienstag, 31. Januar 2017

31. Januar 1917


Über die Tätigkeit der Krankenträger in Nordfrankreich im Winter 1916/’17 berichtet ein bayerischer Sanitäts-Unteroffizier:
„Fünf Uhr ist unsere Stunde. Die Sanitätskompagnien sind zur Stelle. Der französischen Artillerie muß in anständiger Zug nachgesagt werden: Einige Morgenstunden der Ruhe gönnt sie sich und stets Angefaßt also, je vier Mann eine Bahre und raus! Jeder Bahre schließen sich mehrere Leichtverwundete an. Ich bin wieder Führer der ersten Patrou-ille.
Morgenluft! Ganz im Osten ein Sonnenrändchen! Diese haushohen Löcher um das Fort herum sind wohl Spuren unserer 42er? Rasch durch den Wald! Kann man noch Wald ein „Stoppelfeld“ nennen, auf dem zersplitterte Baumstämme die Halme darstellen? Kein einziger ganzer Baum, kein Grashalm! Granatloch neben Granatloch; man möchte sagen, übereinander, als hätte der betrunkene Allherrscher Tod ein Kanonenrohr ge-schultert, Veitstänze aufgeführt vor der roten Scheibe der aufgehenden Sonne und mit jedem taumelnden Schritt die Mutter Erde verwundet.
Und nun sah ich eine Saat des Todes: unzählige Blindgänger aller Kaliber, Haufen ver-schossener und verlassener Munition, Pferdekadaver, zerschossene Geschütze und Mu-nitionswagen nebst Gespann, Minen, Handgranaten, Gewehrpatronen, Tragbahren, Flugapparate und immer wieder Blindgänger.
Ich habe Ostpreußen gesehen, man hat die dortigen Verwüstungen beschrieben, photo-graphiert, gefilmt. Man hebe sie ins Quadrat: und Ostpreußen bleibt noch immer ein Paradies im Vergleich zum französischen Kampfgebiet!
Die Verwundeten brachten wir an den Waldrand bis zur Feldbahn, wo sie notiert, ge-stärkt und verladen wurden. Wir können ein Stück mitfahren. Ich klammere mich wegen Platzmangels an die Bremse. „Herr Unteroffizier, setzen Sie sich ruhig auf die Bahre zwischen die Beine des Verwundeten, er ist doch tot! Wahrhaftig. Wahrhaftig, während des Transports auf den Schultern von vier Kameraden gestorben.
Das war der erste Tag, der zweite sah uns um 2 Uhr nachts auf den Beinen zum Steil-hang eilen. Das Artilleriefeuer tobte schwächer als gestern und nur zwischen den Bat-teriestellungen.
„Eben erhielt unser abseits stehender Batteriechef einen Volltreffer,“ meldet ein Muniti-onsschlepper, „es blieb nichts von ihm übrig….“ Einer verirrten Gasgranate fällt auch der erste meines Transports zum Opfer. es ist der zweite Verlust eigentlich, denn nach der Rückkehr erfahren wir, daß ein anderer Kamerad, der monatelang meiner Korporal-schaft angehört hatte, den Strapazen der ersten Nacht erlegen war. Fieber, Krämpfe, und ehe die Ärzte die Ursache feststellen konnten – tot!
Ein zerschossener Steinabhang ist unser Ziel. In jedem Loch sind schwerverwundete der Nachtkämpfe geborgen. Ohne Zwischenfall können alle zur Feldbahn getragen werden, auch die verwundeten Franzosen.
Eins wirkt erhebend in all dem unbeschreiblichen Elend: die keine Land- und Uniform-unterschiede kennende Menschlichkeit! Höchste Achtung vor dem Gegner, die auch, wie leicht festzustellen ist, erwidert wird. Die gefangenen und verwundeten Franzosen bewegen sich unter uns wie Kameraden, was sie nicht im geringsten erstaunt, denn auf ihrer Seite sei es genau so. Uns Soldaten ist eine anständige Behandlung des überwun-denen Feindes eine Selbstverständlichkeit, denn wir wissen, daß tagtäglich auch von uns etliche gefangen und verwundet werden.“

aus: „Schwäbisches Kriegstagbuch“, Stuttgart 1917


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