Freitag, 1. Juni 2018

1. Juni 1918



„Die ganze Nacht über herrschte lebhafter Gefechtslärm. Der Gegner war sehr nervös; offenbar rechnete er mit einem nächtlichen Angriff von uns und hielt deshalb das ganze Gelände unter starkem Feuer. Unablässig erhellten Leuchtkugeln das Kampffeld. Es war eine Nacht, würdig des vergangenen Tages! Abgespannt hockte man in seinem Erdloch und sehnte den andern Morgen herbei, obwohl man wußte, daß er nichts Besseres bringen konnte. Tatsächlich erging auch schon 8 Uhr morgens folgender Angriffsbefehl:
„Das Regiment greift 10 Uhr vormittags nach Artillerie-Vorbereitung die Pariser Stellung an. Oberleutnant Roller setzt sich mit 2., 3., 5. Komp. und 3. M.-G.-Komp. in erster, 4., 6. Komp. und 1. M.-G.-Komp. in zweiter Linie rechts an Inf.-Regt. 159, links an Inf.-Regt. 53 angelehnt, in Besitz dieser Stellung.“ Die Artillerie-Vorbereitung begann, der Feind erwiderte heftig. Es ging schon auf 10 Uhr, die befohlene Sturmzeit, ohne daß man den Eindruck hatte, daß der Gegner durch unser Feuer erschüttert sei. Die Feuervorbereitung war zu schwach; offenbar fehlte die nötige Munition, um die festungsartige Stellung sturmreif zu schießen. Trotzdem traten zur befohlenen Zeit die Stoßtrupps der 2. und 3. Komp. an und gelangten in schneidigem Anlauf bis an das breite, kaum beschädigte Hindernis. Weiter ging es nicht, da zahlreiche, in hohem Gras versteckte Maschinengewehre ein wildes Feuer eröffneten. Überallher pfiff es und doch sah man keines dieser verdammten Gewehre. Wer wollte sie fassen? Mit ein paar Handgranaten war hier nichts zu wollen; nur planmäßiges, starkes Artilleriefeuer konnte freie Bahn schaffen. Gegen 11 Uhr vormittags setzte zu allem hin noch heftiges feind-liches Artilleriefeuer ein und kurz darauf kam die Meldung, daß die Nachbarregimenter in ihre Sturmausgangsstellungen zurückgegangen seien. Fast gleichzeitig wurde ein feindlicher Tankangriff aus Chaudun heraus beobachtet, der jedoch glücklicherweise schon in der Entwicklung von unserer Artillerie zerschlagen wurde. So lagen unsere 2. und 3. Komp. ohne jeden Flankenschutz vorne am Feind, als gegen 12.30 Uhr mittags ein starker feindlicher Angriff gegen das schon zurückgegangene Inf.-Regt. 159, also tief in unserer rechten Flanke, erfolgte. Jetzt war es hohe Zeit, auch unsere Leute zu-rückzuholen, sollten sie nicht leichtfertigerweise der feindlichen Umfassung ausgesetzt werden. In dieser wenig beneidenswerten Lage hatte Hauptmann Junge – soeben beim Regiment eingetroffen – die Führung des II. Bataillons übernommen.
Endlos schlichen die Stunden dieses Tages dahin. Glühend brannte die Sonne, unaufhör-lich hämmerte die feindliche Artillerie. In dieser dumpfen Stimmung brachte die Nach-richt des Einbruchs der linken Nachbardivision in die feindliche Stellung neues Leben. Sofort wurde auch bei uns der Angriff wieder aufgenommen. Das II. Batl. trat links, das I. rechts der gegen Chaudun vorspringenden Mulde zum Sturm an. Der 4. Komp. unter ihrem Führer, Leutnant d. R. Freitag, gelang es, durch einen feindlichen Laufgraben in die feindliche Stellung einzubrechen. Beim Aufrollen der Stellung aber fiel der Tapfere an der Spitze seiner Kompagnie. Der Angriff stockte. Auch links von uns ging es nicht weiter. Die feindliche Artillerie feuerte, was das Zeug hielt. In rasendem Wirbel schlu-gen die Geschosse ein. Was nun? Ging es vorwärts oder rückwärts? Keines von beiden. Der Kampf stand. Man hatte sich festgebissen. Erst bei Einbruch der Dunkelheit wurden die Kompagnien in die Stellung des Vorabends zurückgenommen, um für die Nacht eine geschlossene Front zu gewinnen. Nur die 4. Komp. hielt im eroberten Graben die Totenwacht bei ihrem gefallenen Führer.“

aus: „Die Geschichte der Württembergischen Gebirgsschützen“ׅ, Stuttgart 1933

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