Donnerstag, 9. August 2018

9. August 1918



„9. August 6.30 Uhr in der Frühe greift der Engländer das III. Bataillon überraschend an, wird aber zurückgewiesen. Feindliche Kampfflieger bekämpfen mit Bomben und Maschinengewehrfeuer das Bataillon und lassen es den ganzen Tag nicht zur ruhe kommen. Es soll als Brigadereserve nördlich des Tailles-Waldes gesammelt werden; es kommt aber nicht zur Ausführung dieses Planes. Mittags zeigt sich ein feindlicher Kampfwagen, der ziemlich schnell wieder verschwindet.
Den ganzen Tag kann man die Vorbereitungen zu einem englischen Angriff deutlich beobachten. Frech marschieren englische Kolonnen geschlossen von hinten vor, rattern Panzerwagen nach vorn. In aller Seelenruhe stellt der Engländer seine Angriffstruppen und seine gefürchteten Tanks bereit, unbehelligt, von niemand gestört. Es ist zum Verzweifeln. Wo bleibt nur unsere Artillerie? Die der 27. I. D. ist zerschlagen und unsere hat andere Sorgen. Sie muß ihre Munition für die Abwehr des feindlichen An-griffs sparen.
Ab 5 Uhr nachmittags beginnt der Engländer mit seiner genau zu erkennenden Aufstellung. In einem Abstand von 100 Meter halten vor der Front des III. Bataillons 8 englische Tanks. Die Engländer entwickeln sich in mehreren lichten Wellen am Hang, dahinter ist weitere Infanterie in Reihen und sogar in Kolonnen aufgestellt. Eine feindliche Stoßbatterie ist deutlich zu erkennen. Die ganze Leuchtmunition wird ver-schossen, um Sperr- und Vernichtungsfeuer anzufordern. Umsonst! Unsere Artillerie schweigt!
Ein Teil des I. Bataillons will eben mit 247ern die erschöpften 123er südlich Morlan-court ablösen, als der Engländer sein Feuer zum Trommelfeuer steigert. Um 6 Uhr abends treten die Tommies zum Angriff an, ihre Tanks sollen ihnen freie Bahn schaffen.
Das III. Bataillon muß sich verraten und verlassen vorkommen. In ohnmächtiger Wut sieht es die feindlichen Angriffsvorbereitungen, und niemand hilft ihm, das schon den ganzen Tag unter feindlichem Maschinengewehrfeuer, das aus der linken Flanke kommt, sehr zu leiden hat. Furchtbar werden die Kompagnien durch Durst gequält. Sie sind am vorhergehenden Tage so plötzlich alarmiert worden, haben so schnell in den Kampf eingreifen müssen, daß sie ihre Feldflaschen nicht mehr haben füllen können. So haben sie seither nichts bekommen. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel, der Staub, der Rauch und der Pulverdampf trocknen vollends ganz die lechzende Kehle aus. Und trotzdem verlieren die Leute den Mut nicht, trotzdem wanken und weichen sie nicht. In vorbildlicher Feuerdisziplin nehmen sie den um 6 Uhr angreifenden Gegner unter wohl gezieltes Feuer. Zweimal branden die englischen Massen gegen die feldgraue Mauer und zweimal brechen sie kraftlos zusammen.
Um 7 Uhr abends dringen Engländer links von der 10. Kompagnie ein. Was sage ich: Kompagnie? Das war einmal! Aber auch der kärgliche Überrest denkt nicht daran, zu verzweifeln, denkt nicht daran, der Übermacht zu weichen. Die paar Mann schwenken gegen den Gegner in der Flanke ein und nehmen ihn unter Feuer. Das kennen sie nicht anders und werden es auch nie anders machen.
Neue Tanks und neue Infanteriemassen tauchen in der rechten Flanke auf. Auch jetzt weichen die braven Kompagnien nicht, sie lassen nicht mutlos die Waffen sinken. Sie wehren sich vielmehr mit allen Kräften, schmelzen aber unter dem feindlichen Feuer wie Butter in der heißen Sonne zusammen. Keine Verpflegung, nichts zum Trinken – Durst ist viel schlimmer als Hunger –, und jetzt wird auch noch die Munition knapp! Die letzten Patronen werden etwa 500 Meter westlich des Tailleswaldes verschossen. Jeder einzelne Mann leistet Unglaubliches im Kampfe gegen die englischen Massen, im Kampfe gegen die für die Infanterie so gut wie unverwundbaren Tanks. Schließlich werden es der Gegner zu viele, die letzte Patrone ist verschossen, – und dann ist es um das Bataillon geschehen. Nach vier langen Kriegsjahren hat es noch Einzigartiges geleistet. Nun liegt es waidwund am Boden, ehrenvoll geht es unter, es kann vor der Geschichte bestehen.
11 Offiziere, 1 Offizierstellvertreter und 226 Unteroffiziere und Mannschaften hat es am 8. und 9. August verloren. Der Bataillonskommandeur – Hauptmann Beckh – ist tödlich verwundet und stirbt in der vordersten Linie in den Trümmern seines Bataillons. Der Tod läßt ihn der Gefangenschaft entgehen.
Nur einigen wenigen Leuten gelingt es, sich noch durchzuschlagen, gelingt es, im letzten Augenblick aus der geschlossenen Zange zu entweichen. Den Kampf geben sie aber noch nicht auf, es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, nun das Weite zu suchen und auf die eigene Rettung bedacht zu sein. Auf der Höhe des Tailleswaldes nehmen sie wieder Stellung und verwehren mit den Trümmern von vier anderen württembergischen Regimentern dem Gegner noch einmal ein weiteres Vordringen.
Das I. Bataillon, dessen 2. und 3. Kompagnie bei R. I. R. 247 eingesetzt sind, hat ebenfalls schwere Verluste erlitten.“

aus: „Ehrenbuch des württembergischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 248“, Stuttgart 1932

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