Dienstag, 9. Oktober 2018

9. Oktober 1918



„In der Nacht vom 8./9. Oktober wurde die letzte Stellung im Argonnenwald im Wald von Cornay nördlich der Wolfsschlucht bezogen. Damit war endlich seit Beginn der Kämpfe wieder eine gerade, kurze Ostwestlinie in der Kampffront der Division erreicht.
Punkt 12 Uhr nachts begann auf der ganzen Front das Abbröckeln, welches durch geschickte Verschleierung durch M.-G.-Feuer und Handgranaten vom Feinde unbemerkt vonstatten ging. Jedermann hatte nun genugsam erfahren, wie furchtbar ein Rückzug war, wenn Feuer auf Weg und Steg lag; jedes verdächtige Anzeichen, jede feige Aussa-ge eines etwaigen deutschen Gefangenen konnte den Untergang bringen.
Bei der allgemeinen Erschöpfung war es äußerst schwer, nochmals tüchtige, gewandte Männer und Führer für die Nachhuten zu gewinnen, aber auch diesmal versagte die Pflichttreue und Opferbereitschaft der schwäbischen Landwehr nicht.
Die Nacht war stockdunkel, der Rückweg in dem schluchtenreichen, weglosen Gelände äußerst mühevoll. Die auf der Karte eingezeichneten Schneisen waren verwachsen, mit dem Leuchtkompaß mußte der Weg quer durch den Wald gesucht werden. Unter Auf-bietung der letzten Kraft wurde die Gefahrzone durchschritten. Leutnant Hopf schreibt u. a.: „Wenn ich halt machte, um mich zu orientieren, fielen die Leute wie tot um; ich hatte Mühe, die Leute weiter zu bringen.“ Was wäre in solcher Lage die Truppe ohne Führer gewesen!
Leutnant Kohl erzählt: „Die 8. Kompagnie, die am Spätnachmittag des 8. Oktober hinter der 12. Kompagnie eingetroffen war und kurz darauf schon einige blutige Verluste erlitt, sollte einer Bahn stark nordwestlich der Nordsüdstraße entlang in die neue Stellung einrücken. Die Linie hatte offenbar unter starkem Feuer gelegen. Das Geleise war grau-sig schön zusammengeschossen. Widerwärtiger kann es auch auf der so gefürchteten Nordsüdstraße nicht sein. Wir biegen in sie ein. Vorsicht ist am Platze, das wissen wir. Aber daß wir den Gegnern geradezu vor der Nase entlang marschiert waren, das wußten wir nicht; das hat uns im ersten Morgengrauen der Führer eines M.-G.-Zuges erzählt, als wir uns dem Humserberg näherten. Die Front des Feindes verlief dicht östlich der Nord-südstraße.
Mit anbrechendem Tag bezogen wir am 9. Oktober unsere Stellung nördlich der Wolfs-schlucht. Wir waren übermüdet, gruben uns aber sofort ein. Aber kaum gestattete es die Sicht, als die amerikanischen Flieger erschienen und alsbald ein gut geleitetes Artillerie-feuer einsetzte. In einem Erdloch, das sie soeben im Schweiße ihres Angesichts ausge-hoben hatten, wurden drei Mann, darunter der tüchtige Sergeant Vogel* von der 1. Kompagnie, durch einen Volltreffer getötet. Neben das Loch, in dem sich Offizier-stellvertreter Schramm einnisten wollte, schlug eine Granate; der Bursche war sofort tot; Schramm hatte verschiedene und schwere Verwundungen. Mit Wehmut nahm ich von dem vorbildlichen pflichteifrigen Zugführer, der sich beinahe noch entschuldigte, daß er mich in dieser schwierigen Lage nun verlassen müsse, Abschied. Wieder einer der alten goldtreuen und unbedingt zuverlässigen Garde weniger! Nach fünf Tagen starb er im Lazarett in der Kirche in St. Pierremont und wurde auf dem dortigen Friedhof begraben. An diesem Tag verlor die schwache Kompagnie 10 Mann.“
Einsatz der Kompagnien von rechts nach links: 7., 8., 6., 5. Kompagnie, die Abschnitte je etwa 400 Meter breit.
Leutnant Fritz gestattete seinen Leuten nach dem Einrücken in die neue Stellung zunächst auszuruhen, Kaffee zu trinken und dann erst mit dem Eingraben zu beginnen. Das rächte sich sofort, denn von 9.30 bis 2 Uhr lag starkes Feuer auf der Stellung, namentlich eine dicht massierte Feuerwalze brachte der 6. (und 8.) Kompagnie schwere Verluste. Leutnant Fritz schreibt: „Man glaubte, der jüngste Tag sei gekommen.“ Bald stiegen auch die Amerikaner in Massen und mit dem üblichen Geschrei in die Wolfs-schlucht herab. Vor der 5. Kompagnie tauchten Patrouillen in deutschen Stahlhelmen auf. Leutnant Göbel verlangte Parole; da sie undeutlich gegeben wurde, sprang er un-vorsichtig aus seiner Deckung und rief: „Noch einmal.“ In demselben Augenblick krachten zwei Schüsse, die ihm den linken Ober- und Unterarm durchbohrten und ihn nötigten, die Führung der Kompagnie bald darauf abzugeben. Die Wut unserer Leute kannte infolge dieser Hinterlist keine Grenzen mehr. .“

aus: „Das Württembergische Landw.-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

*Karl Vogel wurde am 1. Oktober 1918 zum Vizefeldwebel befördert

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