Sonntag, 14. Oktober 2018

14. Oktober 1918


„Die Infanteriekompagnien zählten im Durchschnitt nur 1 Offizier und 30 Mann mit 2 bis 3 leichten M.-G. 08/15; die M.-G.-Kompagnien konnten je 4 bis 5 M.-G. 08 bedienen; den Minenwerferzügen der Bataillone standen für je 2 leichte Werfer etwa 16 Mann zur Verfügung. Rechnet man die Offiziere, die Fernsprecher und Melder der Stäbe hinzu, so bestand die ganze „Macht“, mit der das Regiment in seine letzte große Schlacht eintrat, aus rund 450 Köpfen.
Seit 6 Uhr vormittags belegte die Artillerie der 39. Inf.-Division die erkannten feind-lichen Bereitstellungsräume mit Vernichtungsfeuer. Auffallenderweise antwortete die gegnerische Artillerie fast gar nicht.
6.30 Uhr vormittags brach jedoch auf der ganzen Front gewaltiges Trommelfeuer aus allen Kalibern, vermischt mit Nebelgranaten los. In wenigen Minuten war das ganze Gelände bis zur Straße Meenen – Roeselaere in undurchdringlichen Nebel gehüllte. Mit besonderer Wucht lastete das Feuer auf der Gegend der Gefechtsstände der Kampfgrup-penkommandeure und der in ihrer Nähe liegenden Bereitschaften und Reserven. Schon nach einer Viertelstunde versagten alle Fernsprechverbindungen zum Regimentsge-fechtsstand am Nordausgang von Meenen. Der Nebel machte das Erkennen von Blink-lichtsignalen ganz unmöglich.
Dichte Massen englischer Infanterie brachen kurz vor 7 Uhr vormittags aus Gheluwe heraus und östlich davon in südlicher Richtung vor. Sperrfeuerzeichen gingen in der vordersten Linie hoch. Durch das furchtbare von den platzenden Artilleriegeschossen verursachte Getöse hindurch war kurze Zeit Abwehr-Maschinengewehrfeuer hörbar. Dann brandeten die Sturmwellen über das III. Bataillon hinweg. Nicht besser erging es dem II. Bataillon, dessen Kompagnien aus nordwestlicher und westlicher Richtung an-gegriffen sich wehrten, bis auch sie von der Flut verschlungen wurden. Ihre letzten Maschinengewehre hämmerten noch, als der Feind schon tief in ihrem Rücken stand. Der Nebel war so dicht, daß einzelne Postierungen den Gegner erst erkennen konnten, nachdem dieser bis auf wenige Meter an sie herangekommen war. Die ganze Front ge-riet ins Gleiten nach rückwärts. Freund und Feind wogten, im Nebeldunst und Pulver-qualm kaum unterscheidbar, in Richtung auf Coucou an der Straße Meenen – Wervicq und auf Meenen durcheinander. Die Reserven warfen sich, wo sie gerade standen, dem Gegner  entgegen; vergebens, das Unheil war nicht mehr aufzuhalten.
Mit knapper Not entging der tapfere Führer des II. Bataillons, Hauptmann d. R. Klein dem Schicksal seiner Kameraden vom I. und III. Bataillon. Er konnte gerade noch mit wenigen Begleitern seinen in einem Betonunterstand östlich von Hoogpoort-Hof einge-richteten Gefechtsstand durch den einen Ausgang verlassen, als vor dem andern ein englischer Flammenwerfertrupp erschien, dem eine mindestens 100 Mann starke Abtei-lung folgte.
Westlich und nordwestlich von Meenen begann der feindliche Stoß, der auch den Eng-länder viel Blut gekostet hatte, gegen 11 Uhr vormittags endlich zu erlahmen und sich in Einzelkämpfe aufzulösen.
Teile der Gruppenreserve (Inf.-Regt. 134) waren dem Regiment zur Verfügung gestellt und hielten im Norden und Nordwesten der Stadt in einer ungefähr der Eisenbahn nach Roeselaere folgenden Linie den Gegner erfolgreich ab, der mehrfach gegen den Nord-eingang vorzustoßen versuchte.
Unvergänglichen Ruhm hat sich hier die 4. Batterie Feldart.-Regts. 80 erworben. Sie hielt an der Straße nach Gheluwe so lange tapfer aus, bis die britische Sturmflut in die Geschützstellungen vorgebrandet war. Als 10.30 Uhr vormittags die 134er nördlich und nordwestlich von Meenen zum Gegenstoß vorbrachen, da stürmten auch die noch kampffähig gebliebenen Batterieoffiziere mit ihren Kanonieren wieder vor, um die Kanonen wieder zu gewinnen. Das gelang. Die Munition reichte gerade noch aus, eine in Gegend Comerenhoek offen aufgefahrene englische Batterie in Schach zu halten und unter den vom Gegner weiter herangeführten Infanteriekolonnen tüchtig aufzuräumen. Die 134er mußten, nachdem ihr Gegenstoß sie ziemlich weit über die Bahn nach Roeselaere hinausgeführt hatte, 11.30 Uhr vormittags unter dem Druck der feindlichen Übermacht fast bis an diese Bahn wieder zurückgehen. Damit gingen die Geschütze endgültig verloren.
Ebenso wacker haben sich die südlich von der 4./Feldart.-Regts. 80 eingesetzten Batte-rien (3. Feldart.-Regts. 80, 1. und 2. Feldart.-Regts. 32) gehalten, ohne deren aufop-fernde Mitwirkung es unserem Regiment kaum möglich gewesen wäre, das Eindringen des Engländers in den Brückenkopf Meenen bis zum Abend zu verhindern.
Zwischen den Straßen nach Gheluwe und Wervicq verwehrten schwache Teile fast aller Regimenter der 61. Brigade vermischt mit solchen der 40. Inf.-Division dem hier ziem-lich nahe an den Westrand herangekommen Feind das weitere Vordringen. Im Südwes-ten hielt sich Hauptmann d. R. Klein mit Trümmern des I. und II. Bataillons beiderseits de Straße nach Wervicq etwas vorwärts der Eisenbahn Meenen – Tourcoing. Mit dem auf dem anderen Lysufer kämpfenden bayer. Res.-Inf.-Regt. 25 war vorerst noch keine Verbindung erreicht.
Das ausgezeichnete persönliche Verhalten des genannten Offiziers verdient rühmende Erwähnung. Immer ganz vorne, ein leuchtendes Vorbild für die Mannschaft, erkannte er 11 Uhr vormittags, daß der Engländer von Coucou her  zu einem Angriff ansetzte. Er entschloß sich, ihm im Gegenstoß zuvorzukommen, sammelte in seiner Nähe befind-liche Mannschaften der 6. Kompagnie und der Infanterie-Pionier-Kompagnie des Regi-ments, zog die an der Eisenbahnbrücke über die Lys stehende, vom 5. Kürassier-Regi-ment gestellte kleine Brückenwache, die über ein leichtes Maschinengewehr verfügte, an sich heran und stieß mit diesen 30 Mann unaufhaltsam fast bis zu den Gehöften östlich vom Hoogpoort-Hof vor, in denen vor Beginn des großen Angriffs unser I. Bataillon als Reserve gelegen hatte. So viel Kraft und Kühnheit hatte der Engländer von dem kleinen Schwabenhäuflein nicht erwartet. Er wandte sich zur Flucht; mancher Tommy blieb im Verfolgungsfeuer liegen.
Als erster holte Hauptmann Klein zusammen mit dem Offizierstellvertreter Bainder, den Sergeanten Bader und Beller der Infanterie-Pionier-Kompagnie ein paar Feinde aus einem besetzten Mebu* heraus und drang dann nach Coucou vor, wobei er weitere 15 Gefangene machte und 4 Vickers-Maschinengewehre erbeutete. Auch ein am frühen Morgen verlorengegangenes Tankabwehrgeschütz konnte, noch völlig unversehrt, den Briten entrissen werden. Ein kleiner Rest der 1. Kompagnie, Leutnant d. R. Kappler mit 2 leichten Maschinengewehren, der bis südlich der Eisenbahn nach Wervicq abgedrängt worden war, hatte sich dem Vorstoß angeschlossen, gleichfalls einige Gefangene ge-macht und stellte südlich von Coucou die Verbindung mit dem bayerischen Res.-Inf.-Regt. 25 her.
Am Nachmittag herrschte auf dem Schlachtfeld im allgemeinen Ruhe. Der Alkohol-rausch, der die feindlichen Infanteriemassen zum rücksichtslosen Vorstürzen in den deutschen Abwehreisenhagel hinein befähigt hatte, war verflogen. Die Erkenntnis, daß die ausgemergelten deutschen Regimenter im offenen Felde sich noch immer nicht so leicht besiegen ließen, wie britische Generale in hochmütigem Stolz ihren Truppen vor-gegaukelt hatten, wirkte ernüchternd. In einem ein paar Tage später in deutsche Hand gefallenen Befehl war ausdrücklich empfohlen, bei Fortsetzung der Angriffe den vom Regiment 126 besetzt gehaltenen Abschnitt nach Möglichkeit zu meiden!“

aus: „Das 8. Württembergische Infanterie-Regiment Nr. 126 „Großherzog Friedrich von Baden“ im Weltkrieg 1914-1918ׅ, Stuttgart 1929

* Mebu: Maschinengewehr-Eisenbetonunterstand

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