Donnerstag, 25. Oktober 2018

25. Oktober 1918



„Am 25. Oktober 6.45 Uhr vormittags setzte im Abschnitt der Division schlagartig Trommelfeuer auf die vordersten Linien, auf erkannte Reserven und Batteriestellungen sowie auf rückwärtige Unterkünfte, insbesondere auch wiederum auf Neuville und auf Anmarschwege ein.
Das Feuer auf die vorderste Linie wanderte 7 Uhr vormittags feuerwalzenartig nach Norden. Gleichzeitig wurde der West- und Südrand von Vesles von den Höhen östlich und nordöstlich von Grandlup mit heftigem Maschinengewehrfeuer belegt. Zahlreiche Mannschaften und drei leichte Maschinengewehre der 12. Kompagnie wurden dadurch außer Gefecht gesetzt.
Die 10. Kompagnie hatte schon um 6 Uhr vormittags von Pierrepont eine Patrouille über die Kanalbrücke vorgesandt, um die Stärke des Gegners festzustellen, der sich in den Häusern an der Wegegabel westlich Pierrepont eingenistet hatte. Die Häuser waren stark besetzt. Außerdem wurde ein auffallend lebhafter Verkehr auf dem westlichen Kanalufer festgestellt. Die Maschinengewehre am Südwestrand von Pierrepont gaben darauf Stö-rungsfeuer auf das westliche Kanalufer ab, bis sie durch das gut liegende Vorbereitungs-feuer französischer Artillerie zum Schweigen gezwungen wurden. Während dieses Feu-ers arbeitete sich der Gegner nahe an Vesles und Pierrepont heran und stellte sich zum Angriff bereit.
Zugleich mit dem Zurückverlegen des Artilleriefeuers brach der feindliche Angriff, ohne vorausgehenden Schützenschleier, in dichten Massen gegen die beiden Dörfer Vesles und Pierrepont vor. Vesles wurde mit den Hauptkräften von Westen her, da, wo sich kein Sumpf befindet, angegriffen. Hier waren 2 Züge der 12. Kompagnie mit 6 Maschinengewehren eingesetzt. Trotzdem, wie wir gesehen haben, schon vor Beginn des Infanterieangriffs erhebliche Verluste durch feindliches Artilleriefeuer bei der 12. Kompagnie eingetreten waren, hielt sich die Besatzung des West- und Südwestrandes von Vesles lange Zeit gegen vielfache Übermacht. Inzwischen gelang es dem Gegner sich im unübersichtlichen Sumpfgelände mit kleineren Abteilungen von Süden und Süd-osten her an Vesles heranzupürschen, die dort eingesetzten Postierungen im Nahkampf zu überwältigen und die Besatzung des Westrandes im Rücken zu fassen. In der Front von einem weit überlegenen Gegner beschäftigt, im Rücken bedroht, blieb der Kompag-nie nichts anderes übrig, als sich kämpfend durch das Dorf auf die Hauptwiderstands-linie hart nördlich Vesles durchzuschlagen. Den am Süd- und Südwestrand stehenden Teilen ist es nicht mehr geglückt, sich zurückzuziehen, sie fielen in Feindeshand.
Der Gegner drängte der 12. Kompagnie auf dem Fuße in dichten Massen nach. Die 2 Züge der 6. Kompagnie, welche die Sicherheitsbesatzung der Hauptwiderstandslinie nördlich Vesles bildeten, waren durch das halbstündige Trommelfeuer geschwächt und erschüttert und nicht in der Lage, dem Vordringen des Gegners vor der Hauptwider-standslinie halt zu gebieten. Sie mußten zugleich mit den Resten der 12. Kompagnie bis in die Höhe noch weiter zurückstehender schwerer M.-G.-Züge ausweichen, konnten jedoch mit deren Unterstützung das Überschreiten der Hauptwiderstandslinie östlich der Klein Caumont Ferme zum Stehen bringen. Gute Dienste leitete hierbei auch ein Geschütz beim K.-T.-K. und zwei leichte Minenwerfer einer Tankkampfgruppe, beide etwa in der Mitte zwischen Vesles und Cuirieux.
Das 6.45 Uhr vormittags einsetzende feindliche Artilleriefeuer hatte die Fernsprech-leitungen vorwärts des Regimentsstandes Neuville an mehreren Stellen zugleich gestört. Mit dem B.-T.-K. in Cuirieux konnte erstmals wieder 10.50 Uhr vormittags durch Fernsprecher verkehrt werden. Die Blinker vermochten vor 9 Uhr vormittags des dich-ten Bodennebels wegen nicht durchzudringen.
Der Regimentskommandeur in Neuville hatte das gleichfalls in Neuville befindliche Ruhebataillon (II.) 7 Uhr vormittags alarmiert. Durch schriftlichen Befehl wurde vom Bereitschaftsbataillon de K.-T.-K. eine Kompagnie (2/3 6.) zum Schutze der rechten Flanke unterstellt, der Rest des II. Bataillons hatte den Auftrag, gegen einen über die Hauptwiderstandslinie auf Cuirieux durchstoßenden Gegner zum Gegenstoß anzutreten.
Demzufolge rückte die 7. Kompagnie in die Gegend östlich des Straßenkreuzes 82,5 und die 5. Kompagnie besetzte die Höhe südwestlich Cuirieux. Bei den während des Vormittags vom Gegner verschiedentlich mit starken Kräften unternommenen Versu-chen. aus Vesles heraus auf Cuirieux vorzudringen wurden die 5. Kompagnie und 1/3 6. Kompagnie zur Verstärkung der schwachen Teile der 12. und 2/3 6. Kompagnie einge-setzt.
9 Uhr vormittags wurde das I. Bataillon nach Cuirieux vorgezogen. Dort erhielt es 10.25 Uhr vormittags den Befehl, aus der Mulde westlich Cuirieux mit rechtem Flügel Richtung Klein Caumont Ferme, mit linkem Flügel entlang der Straße Cuirieux – Vesles  (83,7 – Vesles) zum Gegenangriff vorzugehen und sich in den Besitz der Caumont Ferme zu setzen. An Stelle des I. Bataillons wurde dem Regiment das II./417 zur Ver-fügung gestellt, das in Gegend Cuirieux rückte.
Der Angriff des I. Bataillons kam nach anfänglich gutem Vorwärtsschreiten – wobei 10 Franzosen als Gefangene eingebracht wurden – bald in dem heftigen Maschinengewehr- und Infanteriefeuer aus unserer bisherigen, nunmehr vom Feinde dicht besetzten Haupt-widerstandslinie sowie in dem zusammengefaßten, gutliegenden Feuer der feindlichen Artillerie zum Stehen.  Teile der 2. Kompagnie konnten späterhin vorübergehend in der Hauptwiderstandslinie Fuß fassen, sie wurden jedoch von erdrückender Übermacht wieder zurückgedrängt.
Die zwischen Vesle und Pierrepont stehenden 2 Züge der 9. Kompagnie lagen den gan-zen Tag über in hartem Abwehrkampf gegen starke aus nordwestlicher und westlicher Richtung gegen ihre Flanke gerichtete Angriffe. Dem einmütigen Zusammenwirken der leichten und schweren Maschinengewehre, einer leichten Minenwerfergruppe sowie der Gewehrgranatenschützen und der mit Handgranaten reichlich ausgestatteten Stoßtrupps unter der Führung des stets bewährten tapferen Leutnants d. R. Traber ist es zu verdan-ken, daß die Stellung restlos gehalten und der Gegner, der sich mehrmals bis auf nächste Entfernung hatte heranarbeiten können, immer wieder zurückgeworfen wurde.
Nicht minder heftige Kämpfe spielten sich während des ganzen Tages um den Besitz des „Kopfes“, einer Erhebung westlich Pierrepont, ab.
7 Uhr vormittags hatte der Gegner nach ausgiebiger Artillerievorbereitung und nachdem er die Besatzung der Brücke am Südwestausgang von Pierrepont mit Hilfe zahlreicher Maschinengewehre und Gewehrgranaten niedergekämpft hatte, sich durch überra-schendes Vorbrechen von mindestens drei Kompagnien aus den dicht westlich der Kanalbrücke gelegenen Häusern den Übergang über den Kanal erzwungen und war mit weiteren starken Kräften in das Dorf eingedrungen. Die am West- und Ostrand von Pierrepont stehenden Teile der 10. Kompagnie konnten den Gegner, nachdem er einmal mit gewaltiger Übermacht in die Hauptstraße eingebrochen war, an der Besitznahme des ganzen Dorfes nicht mehr hindern, sie mußten sich, um nicht in Gefangenschaft zu gera-ten, an die am Nordausgang des Dorfes liegende Brücke, welche die einzige Rückzugs-möglichkeit bildete, durchschlagen. Eine Aufnahme des Kampfes, Mann gegen Mann im Dorf, bot bei der gewaltigen zahlenmäßigen Überlegenheit der Franzosen keinerlei Aussicht auf Erfolg.
Leutnant d. R. Fischle der 10. Kompagnie gelang es mit seinem Zuge in der Nähe des Nordausganges von Pierrepont noch rechtzeitig erneut Front zu machen, drei noch feuerbereite leichte Maschinengewehre einzusetzen und durch ihr Feuer die in der Dorfstraße nach Norden vordringenden Massen zum Stehen und in Verwirrung zu brin-gen. Darauf nahm auch Leutnant d. R. Gagstätter, der mit einem Zug der 9. Kompagnie und einem schweren M.-G.-Zug die Besatzung des „Kopfes“ bildete, den Kampf gegen den Gegner auf, der nun den Nord- und Ostrand von Pierrepont stark besetzte, im Dorfinnern mehrere Kompagnien sammelte und zu weiterem Vorstoß bereitstellte. Leut-nant d. R. Fischle konnte sich am Nordausgang des Dorfes nicht lange halten, er zog sich auf den „Kopf“ zurück und unterstellte sich dem Leutnant d. R. Gagstätter.
Sehr geschickt wußte der Franzose seine Feuerwalze mit dem Vorwärtskommen seiner Infanterie in Einklang zu bringen. Auch seine sonstigen Maßnahmen waren gewandt und zielbewußt. Auf dem Kirchturm von Pierrepont und auf anderen hohen Gebäuden tauchten Maschinengewehre auf, welche den „Kopf“ und das Gelände östlich des „Kopfes“, aus dem der Austritt aus dem Sumpfgelände vom „Kopf“ nach Osten allein zu bewerkstelligen war, vollkommen beherrschten.
Sämtliche Versuche des Gegners, sich in Besitz des „Kopfes“ zu setzen, wurden von der tapferen Besatzung, welcher mit leuchtendem Beispiel die Leutnants d. R. Gagstätter und Fischle vorangingen, meist erst nach erbittertem Nahkampf abgewiesen.
Munition und Nahkampfmittel gingen allmählich zur Neige, die zunehmenden Verluste schwächten die Widerstandskraft immer mehr und mehr, da traf gegen 2.30 Uhr nach-mittags auf Befehl des Regiments ein Zug der 5. Kompagnie – einzeln mußten sich die Leute im feindlichen Maschinengewehrfeuer vorarbeiten – mit Munition zur Verstär-kung ein. Mit dieser Hilfe wurde nicht nur der Kopf gehalten, sondern die tapfere Besatzung des Kopfes warf sogar noch feindliche Abteilungen, welche sich bis dicht an die eigenen Gräben hatten vorarbeiten können, aus selbständigem Entschluß im Gegenstoß in das Dorf zurück.
Der Verlust von Vesles und Pierrepont ist dem Einsatz vielfacher feindlicher Übermacht zuzuschreiben, deren Angriff nach sorgfältiger, sehr wirksamer Artillerievorbereitung die Kompagnien, welche in unübersichtlichem Gelände die Dörfer mit schwachen Kräften zu verteidigen hatten, nicht standzuhalten vermochten.“



aus: „Das Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich, König von Preußen“ (7. Württ.) Nr. 125 im Weltkrieg 1914–
1918“ׅ, Stuttgart 1923

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