Freitag, 19. Oktober 2018

19. Oktober 1918


„Am 19. Oktober zeigte der Feind, daß seine bisherigen Teilangriffe nur zur Vorberei-tung und Einleitung eines großen Angriffes mit weitgesteckten Zielen gedient hatten. In der Morgendämmerung, durch dichten Nebel begünstigt, griffen die Franzosen in dichten Massen die Vorpostenkompagnie, nunmehr 1. Kompagnie unter Leutnant d. R. Nuber, an, ohne daß etwa ein Anschwellen des Artilleriefeuers oder bemerkbare Unruhe beim Feind dessen Angriffsabsichten verraten hätten. Da im Nebel die Maschinenge-wehre nicht recht zur Geltung kamen, wurden die schwachen Feldwachen bald umgan-gen. Etwa die Hälfte der Leute konnte sich durchschlagen und erreichte die Hauptwider-standslinie, gegen welche die nachdrängenden Franzosen vergebens anliefen, die andere Hälfte wurde überwältigt und gefangen. Die deutsche Artillerie hatte infolge der durch den Nebel behinderten Beobachtung die von unseren Vorposten abgeschossenen Signal-kugeln nicht erkannt und deshalb nicht mitgewirkt. Nur ein seit 17. Oktober zur Verfü-gung des K. T. K. in Gegend Savy-Ferme vorgeschobener Feldkanonenzug des III./Feld-art. 29 konnte vorzügliche Dienste leisten. Ungünstig war der Umstand, daß das Regi-ment 121 in der vorhergegangenen Nacht behufs Verwendung als Armeereserve heraus-gezogen worden war und der Abschnitt des Regiments demgemäß nach links hatte verbreitert werden müssen. Bei der Nachbardivision rechts, der 10. Res.-Division, hatte der gleichzeitig geführte Angriff dem Feind – allerdings nur vorübergehend – den Besitz der in unserer rechten Flanke gelegenen Fay-le Sec-Ferme gebracht, von wo er uns sehr unangenehm ins Hintergelände sehen konnte; auch beim linken Nachbar, der 227. Divi-sion, waren die Vorposten zurückgedrückt worden. Ein energischer Gegenstoß konnte vom Kampfbataillon, dessen Stab bei der Savy-Ferme lag, aus Mangel an Kräften nicht sofort eingeleitet werden. Als er nach Heranziehen der 6. und 8. Kompagnie um 2 Uhr nachmittags durchgeführt wurde, war es zu spät. Der Feind hatte sich festgesetzt und schickte den vorgehenden Kompagnien einen Hagel von Geschossen aus Geschützen und Maschinengewehren entgegen, daß man froh war, mit geringen Verlusten wenig-stens einige hundert Meter Vorfeld wieder gewonnen zu haben. Wichtig aber war, daß, wie sich nachträglich herausstellte, durch den Gegenangriff die Fortführung des feind-lichen Angriffes, dessen Ziel nicht nur die Wegnahme der Dörfer Vesles und Pierrepont, sondern auch ein 15 Kilometer tiefer Durchbruch der 72. französischen Division nach Norden war, vereitelt wurde. So kam es, daß während die Truppe über dem äußeren Mißerfolg des Tages in wenig freudiger Stimmung war, der Brigadekommandeur auf Grund der Gefangenenaussagen dem Regiment zu dem Abwehrerfolge seine Glückwün-sche aussprach. Die Gesamtverluste des Tages betrugen 3 Mann tot, 2 Offiziere (Leut-nant Fürst Karl Gero v. Urach und Leutnant d. R. Widmaier) und 12 Mann verwundet und 30 Mann vermißt. Während des feindlichen Angriffes erhielten die teilweise von der Zivilbevölkerung noch bewohnten Ortschaften Neuville und Curieux, wo der Regi-mentsstab lag, zum erstenmal Artilleriefeuer.“


aus: „Das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ (1. Württ.) Nr. 119 im Weltkrieg 1914-1918“, Stuttgart 1927

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