Montag, 1. Dezember 2014

1. Dezember 1914


„Schon in der Frühe des 29. Nov. traf von der Brigade die Nachricht ein, daß nach zuverlässigen Nachrichten die Franzosen einen allgemeinen Angriff an diesem oder dem folgenden Tag planen. Daraufhin wuren die in Wittelsheim und Schweighausen befindlichen Reservekompagnien der Stellungsbataillone nach Sennheim und Niederaspach vorgezogen. Der ganze Regimentsabschnitt stand gefechtsbereit. Zuerst hat es den Anschein, als ob die Nachricht sich wirklich bewahrheiten wollte. Auf Steinbach entwickelt sich eine französische Abteilung, es gelingt aber, sie abzuweisen. Waren das die ersten Fühler, die der Gegner vortreibt, wann folgen seine Hauptmassen? Aber heute bleibt’s nur bei jenem größeren Patrouillenstoß. Auch der folgende Tag vergeht, ohne daß ein Franzose vor der Stellung erscheint. Dafür bricht am 1. Dezember das Unwetter auf dem ganzen Brigadeabschnitt los.

An diesem Tag stehen auf dem rechten Flügel in den ausgebauten Stellungen um Sennheim nördlich der Thanner Straße, auf Höhe 425 und in Steinbach die 8. Kompagnie, südlich schließt die 5. Kompagnie an. Im Ochsenfeldhof und an der Idiotenanstalt ist die 1. Kompagnie aufgebaut, beim Lützelhof hat die 2. Kompagnie die Stellungen besetzt. Die 3. und 4. Kompagnie waren nach Sennheim als Reserve vorgezogen worden, ebenso die 6. und 7. Kompagnie, die zeitweise die 8. in Steinbach verstärkten.

Kurz nach 8 Uhr beginnt die französische Artillerie ihr dröhnendes Konzert. Ihr Feuer liegt zuerst auf der Idiotenanstalt, deren Gebäude mit Ausnahme des Lazarettgebäudes außerordentlich schwer leiden. Die nördlich derselben eingebaute Batterie Rausch ist das nächste Ziel, das die Franzosen aufs Korn nehmen. Von allen Seiten fallen die Granaten auf deren Stellung nieder. Bis zu 15,5 Zentimeter Kaliber haben die Franzosen eingesetzt. Und die Batterie kann sich ihrer Gegner nicht erwehren, die stehen weiter weg als die deutsche Reichweite geht. So ist sie zum tatenlosen Schweigen verurteilt und muß den auf sie niederfallenden Granatenregen mit zusammengebissenen Zähnen wehrlos über sich ergehen lassen. Dann kam die Infanterie an die Reihe, die des wirksamen Schutzes ihrer eigenen Batterie so völlig entbehren muß. Die Stellungen am Lützelhof, bei den Fabriken Baudry und Sandozweiler und auf Höhe 425 liegen unter schwerstem Artilleriefeuer, von 9 Uhr an mischen sich noch Gebirgsgeschütze vom Amselkopf her darein. Diese sind am allerunangenehmsten, da der Einschlag da ist, ehe man den Abschuß vernehmen kann. Einzelne Gebäude gehen in Flammen auf; der Rauch liegt schwer auf der Umgebung und gibt den richtigen Stimmungshintergrund. Die Arbeit an den Unterschlüpfen in den letzten Wochen hatte sich gelohnt, bei der Infanterie treten noch keine Verluste auf. Gegen ½10 Uhr fühlt der Gegner mit 1 Kompagnie vom Hirnlesstein her gegen die Feldwachen in Steinbach vor. Es gelingt dem dort befindlichen Halbzug, dem die in der Nähe noch arbeitenden Pioniere zu Hilfe eilen, den Gegner zurückzuwerfen. Ebenso geht es kleineren Abteilungen, die von der Schnetzenburg her vorkommen. Den gleichen Mißerfolg hatte eine durch eine französische Kompagnie versuchte Umgehung auf der Höhe zwischen Steinbach und Uffholz. Auch hier war 4 Uhr nachmittags ein gegen Steinbach unternommener Angriff durch die Sicherungen der 8. Kompagnie, die durch 40 Pioniere verstärkt war, zurückgewiesen worden. Am Abend war auf dem rechten Flügel die Stellung fest in der eigenen Hand geblieben.

Wie war’s inzwischen dem linken Flügel gegangen? Auch hier stand man seit Tagen in Erwartung des kommenden Angriffes. Am Morgen des 1. Dezember dröhnt der Kanonendonner aus der Gegend Ammerzweiler. Also doch! Nun, man hatte seine Vorbereitungen getroffen. Auf Höhe 322 lag die 13. Kompagnie kampfbereit, in den Stellungen um Niederaspach stand die 14. und 16. Kompagnie in den Gräben, Oberaspach sicherte eine 40 Mann starke Feldwache der 14. Kompagnie. In Niederaspach war die 15. Kompagnie als Reserve bereitgestellt.

Im Morgennebel nähern sich die ersten feindlichen Linien den Posten der Feldwache in Oberaspach. Auf 80 Meter kommen die Franzosen heran, aber die Überrumpelung gelingt nicht, Leutnant Storz und seine Leute waren wachsam gewesen und hatten den Angriff im Nu zurückgewiesen. „Aber jetzt wird’s links lebendig,“ schreibt Oberleutnant Feucht, der mit seiner Kompagnie in den Gräben am Ortsausgang von Niederaspach auf Oberaspach Wache steht. „Von Michelbach her fallen Schüsse gegen den Wald, Artilleriefeuer setzt ein. Mit Schrapnells wird der Wald abgesucht. Werden sich unsere Posten dort halten können? Jetzt wird auch Oberaspach beschossen, ein paar Schüsse reichen zum Bahnhof Oberaspach herüber in unsere Nähe. Einer der ersten Schüsse setzt den Hof Geishag in Brand, der 600 Meter vor uns liegt. Die vollen Scheunen geben mächtige Glut. Die Bewohner flüchten ins Ort. Bald wird auch die Straße von Oberaspach nach dem Bahnhof bestrichen. Unsere Verbindung auf diesem Wege soll wohl gestört werden. In Oberaspach Wird’s allmählich immer toller. Unsere Leute lassen sich dort nicht so leicht vertreiben. Der ganze Ortsrand wird beschossen, schon brennt ein Haus, das bei unserem Posten 4 sein muß. Andere Schüsse gelten dem Kirchturm, wo die Franzosen einen Beobachtungsposten vermuten. Das Schulhaus daneben kriegt einen Teil davon ab.  Zwei große Häuser geraten dort in Brand. Die Beschießung wird immer wütender. Bald können wir mindestens 5 größere Feuerherde im Ort feststellen, der Rauch verhindert zeitweise die Beobachtung über das Dorf weg auf die dahinterliegenden Höhen. So können wir nicht sehen, daß dort ein feindliches Bataillon sich zum Vorgehen auf Oberaspach rüstet. Unsere eigene Artillerie schweigt fast ganz. Ihre Stellung ist dem Feinde längst bekannt und er hält sie mit seinen weiter reichenden Geschützen aus großer Entfernung nieder. So geht’s auf Mittag. Die Meldungen aus dem Wald von Michelbach besagen, daß unsere Posten sich vor starker Infanterie auf die Bahnlinie zurückziehen. Da läßt das Feuer auf Oberaspach nach. Was kommt? Eine Schützenlinie bricht aus dem Wald von Michelbach her und nähert sich den Oberaspacher Posten 3, 4 und 5. Wir sehen sie gerade aus der Flanke, über 2500 Meter entfernt. Sie erhält Feuer aus dem Ort. Also sind die Unsern noch dort. Aber bald wird’s ruhig, neue Linien folgen, die vorderste verschwindet im Ort. Wir schätzen auf 2-3 Kompagnien, denen höchstens 30 Mann gegenüberstehen können, wenn sie noch alle gefechtsfähig sind. Vergebens hoffen wir, unsere Artillerie werde sich das schöne Ziel der gemeldeten Infanterie nicht entgehen lassen. Aber die 4 alten Geschütze sind zum Schweigen verdammt. Dafür setzen die feindlichen wieder ein und bestreichen den rückwärtigen Ausgang Oberaspachs, der inzwischen auch von Leimbach her von Infanterie in Stärke von mindestens 2 Kompagnien erreicht wird.“ Tapfer kämpfend wehrt sich die Feldwache bis zum äußersten. Aber gegen die Übermacht kommt sie nicht auf. Schritt um Schritt nur weichen sie dem Feind, dem sie im Häuserkampf Verlust um Verlust beibringen. Aber die feindliche Kugel reißt bald da bald dort einen aus der Reihe der heldenhaft sich wehrenden zu Boden. Der schneidige Führer der Feldwache, Leutnant Storz, stürzt schwer getroffen zusammen und fällt mit 10 anderen Verwundeten den Franzosen in die Hände, 2 Mann sind tot, den übrigen gelingt’s aus der Hölle des Ortes sich durchzuschlagen und den Bahndamm trotz des feindlichen Artilleriefeuers zu erreichen.

„Die Feldwache der 16. Kompagnie im Bahnwarthaus Michelbach zieht sich langsam zurück, da stärkere Infanterie innerhalb des Waldes die Bahnlinie überschritten hat und sie deshalb im Rücken bedroht ist. Einen kurzen Augenblick war die französische Infanterie beim Überschreiten der Bahn sichtbar und das Maschinengewehr trat für einige Sekunden in Tätigkeit. Unteroffizier Kauffmann von der 16. hält mit 6-8 Mann noch längere Zeit an der Bahnlinie vor mir, zieht sich dann ebenfalls und zwar auf mich zurück. Am Waldrand drüben ist ab und zu eine Gestalt zu erkennen, anscheinend nur Beobachtungsposten. Die französische Artillerie hat ihr Feuer vorverlegt in den Wald zwischen Bahnlinie und Höhe 322; andererseits nimmt sie den Bahnhof zum Ziel, vermutet aber offenbar unsern Posten an anderer Stelle, so daß er noch ungefährdet ist. Aber als feindliches Infanteriefeuer in ihre linke Flanke aus dem Walde heraus einschlägt, geraten sie in Not. Da rückt das III. Bataillon aus Heimsbrunn heran, die Verstärkung wirkt belebend und aufmunternd auf die dünnen Grabenbesatzungen.“

„Nun kriegen wir wieder Streufeuer auf Bahnhof und Ort, in der Hauptsache gilt’s wieder der Artillerie, die sich kurz hat hören lassen. Ich suche die französische Batteriestellung zu erkunden, kann aber nichts finden. Als es ruhiger wird und auch am Waldrand vom Feind nichts weiter zu sehen ist, kommt Befehl, eine Patrouille gegen den Wald vorzuschicken. Unteroffizier Kauffmann und ein Teil seiner Leute, die sich dort auskennen, erhalten den Auftrag hiezu. Nur ungern verlassen sie die schützende Gartenmauer. Kaum ist er aber über den vor ihr liegenden Schützengraben hinweg, als plötzlich eine Granate in die 20 Schritt hinter ihm stehende Mauer fährt. Ein mächtiges Loch klafft genau an der Stelle, wo er mit seinen Leuten eben noch stand. Eine zweite geht etwas höher und fährt ins Pfarrhaus. Was noch im Garten war, kam mit dem Schreck davon und konnte unverletzt in die hinter der Mauer angelegten, sehr tiefen und sehr sicheren Unterstände gehen, ehe weitere Teile der Mauer ihnen nachfolgen. Nun geht’s Schlag auf Schlag aufs Pfarrhaus und unsern Graben, der sich kaum 10 Schritt vor der Pfarrhausmauer hinzieht und in dem die 14. liegt. Ich stehe im Beobachtungsstand des Grabens, der sehr geschickt angelegt ist, in teils künstlicher, teils natürlicher Hecke, aber nur gegen Schrapnell Sicherheit bietet. Ich suche die Artillerie zu entdecken und schließlich gelingt’s mir, das Mündungsfeuer am Walde bei der Kiesgrube von Rodern zu sehen. Rasch den Platz in der Karte bestimmt und eine Skizze gezeichnet. Es ist nicht sehr behaglich, den Kopf oben zu behalten, während rechts und links und über einem die Granaten zum Pfarrgarten sausen. Eine geht zu kurz und schlägt kurz vor mir ein. Erde, Schmutz, Eisenteile prasseln herunter. Der durchdringende Geruch der Pikrinsäure nimmt einem fast den Atem. – Aber auf einmal ist’s ruhig. Die heftige Kanonade war Schluß gewesen. Langsam und tiefaufatmend richten sich die Leute wieder auf, es ist 5 Uhr. Wir können uns umsehen, Verluste haben wir in meiner Stellung gar keine, das richtet alle wieder auf. Aber Hunger und Durst melden sich. Ein Krankenträger, der ins Ort geschickt wird, bringt Brot und einen Eimer warmer Milch von einem Bauern. Was für ein Labsal für die Zunge, die am Gaumen klebt! Im Pfarrhaus war das elektrische Licht infolge der Erschütterungen angegangen. Und wie sieht’s da drin nach der Beschießung aus! Alles zertrümmert, die Decken vielfach heruntergebrochen, die Wände zerrissen, die Schränke aufgerissen, die Bettfedern im ganzen Haus verstreut. Alles in wildem Durcheinander im ganzen Oberstock. Die Bewohner waren schon am Morgen geflüchtet. Im Ort wagen sich die Leute wieder auf die Straße. Über 60 Frauen von Oberaspach sind da. Sie waren in der Frühe auf den Markt nach Sennheim und nach Mülhausen gegangen. Es gab nach langer Pause wieder Erdöl zu kaufen. Als sie nachmittags zurückkamen, fanden sie den Kampf im Gang, die Heimkehr war unmöglich angesichts des in Flammen stehenden Oberaspachs. Angsterfüllt über das Schicksal ihrer Angehörigen und vor allem ihrer Kinder mußten sie in Niederaspach bleiben. Später, als keine Aussicht mehr für sie bestand, nach Hause zu kommen, wurden sie nach Mülhausen gebracht.“

Den Franzosen war es somit am 1. Dezember hier auf dem linken Flügel des Regiments gelungen, die beiden vorgeschobenen Feldwachen zurückzudrängen.“
 
aus: „Das Württembergische Landwehr-Inf.-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1923

 

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