Mittwoch, 31. Dezember 2014

31. Dezember 1914



Der Angriff am 31. Dezember 1914

„Zu dieser Zeit lag das II./124 am weitesten vorn, III. in der Mitte und I. am linken Flügel hingen ab. Das Bataillon lag in einer kesselförmigen Vertiefung und hatte von den höherliegenden Franzosen durch Infanterie- und M.-G.-Feuer, besonders aber durch Handgranaten viel zu leiden. Dazu kam, daß die vorgetriebenen Sappen an die feindliche Stellung so nah herangekommen waren, daß mit Entgegenminieren und Sprengen der Franzosen gerechnet werden mußte. Zweimal waren schon französische Minengänge von uns abgeschnitten worden. Um all dem zu entgehen, wurde die Unternehmung beim I. und III. Bataillon befohlen. Bei jedem Bataillon sollte durch die 2./Pi. 29 unter ihrem bewährten Führer Hauptmann Neumann je eine Einbruchsstelle in die feindlichen Gräben gesprengt werden. Durch diese Breschen sollten die Sturmtrupps nach vorwärts, rechts und links vorgehen. Der mittlere und die behelfsmäßigen Minenwerfer waren zum möglichst flankierenden Beschuß der feindlichen Gräben eingebaut. Die zur Verfügung stehende Feldartillerie sollte das Hintergelände unter Feuer nehmen.

9.23 Uhr vormittags erfolgte die Sprengung bei 3./124, die das Zeichen zum Beginn des Angriffs geben sollte, einige Sekunden später die bei der 9. Kompagnie. Die Sturmtrupps sprangen über Sturmleitern aus den Gräben vor und die Handgranatenschlacht gegen den überraschten Gegner begann. Die Franzosen kamen schnell ins Laufen, nur vor einem Blockhaus gegenüber rechtem Flügel der 3./124 entspann sich heftiger Widerstand. Aus einer höher gelegenen feindlichen Stellung kam jetzt auch lebhaftes Infanteriefeuer. Jenseits des ersten genommenen Grabens warf sich alles hin und ein kurzes Feuergefecht begann.

Beim III./124 war unterdessen der Verlauf nicht so glatt gegangen. Die Sprengung hatte hier die feindliche Stellung nicht ganz erreicht, die vorhandenen Handgranaten waren durch die Nässe unbrauchbar geworden. In diesem Augenblich, als schon beim ersten Sturmtrupp ein fühlbares Stocken eintrat, rettete Unteroffizier Suck, 9./124, die Lage. Er sprang auf den vorderen Rand des Sprengtrichters, warf einige Handgranaten in den feindlichen Graben, rief seine Leute und sprang halbrechts vorwärts, dem nächsten französischen Graben zu. Die anderen Sturmtrupps folgten ihren Aufträgen gemäß. So kam an dieser Stelle der Sturm wieder in Fluß. Auf die zurückspringenden Gegner wurde kurz gefeuert und mit dem Eintreffen von Verstärkungen ging es den Weichenden nach. Jetzt gab es kein Halten mehr, die 2. Stellung wurde genommen, ebenso eine 3. und 4. Das I./124 stürmte noch weit über die 4. Stellung hinaus vor nach Süden. In der Nähe eines französischen Hüttenlagers mußte aber Halt gemacht werden, da rechts und links jeder Anschluß fehlte. Die Kompagnien gingen befehlsgemäß auf die 4. Stellung zurück.

Musketier Schiller, 3./124, der nach französischen Tornistern als Beute vor der 4. Stellung gesucht hatte, sah auf einmal Franzosen vor sich. Er schoß auf einen Offizier und verwundete ihn am Kopf. Die dabei befindlichen Mannschaften sprangen fort, so daß es Schiller gelang, den Verwundeten gefangen zu nehmen. Es war dies der französische Abschnittskommandeur, ein Major, sein Adjudant ließ sich mit ihm zusammen wegführen. In dem Stand des französischen Kommandeurs wurden viele wichtige Akten über die Stellung und die Artillerieaufstellung gefunden.

Die Bataillone richteten jetzt die französische Stellung zur Verteidigung ein und legten nach rückwärts Verbindungsgräben an. Plötzlich schlug in die arbeitenden Mannschaften Flankenfeuer von links. Der rechte Flügel des Grenadier-Regments hatte wohl in gleicher Höhe zum I./124 hinübergedrückt, aber nach vorwärts kein Gelände gewonnen, so war der diesem Flügel gegenüberliegende Feind unbehelligt stehen geblieben. Mit dem Grenadier-Regiment sollte jetzt dieser stehen gebliebene Stützpunkt beiderseits von der Flanke angegriffen werden. Es war festgestellt worden, daß der Gegner mindestens 3 M.-G. in der Stellung hatte. Trotzdem ließ sich die 1./124 nicht halten und griff mit allen drei Zügen frontal an. Leutnant d. R. Loewer fiel an der Spitze seines Zuges, der Kompagnieführer, Oberleutnant d. R. Behren, wurde schwer verwundet. Nachdem die 4./124 von seitwärts und rückwärts eingegriffen hatte, hoben die Franzosen die Hände hoch. Zu den schon gefangenen 1 Offizier 93 Mann kamen nochmals 150 dazu. Das Ziel des Tages war glänzend erreicht. Außer den Gefangenen fielen die 3 M.-G. und viele Gewehre und andere Beute in die Hände der Sieger. Beim weiteren Ausbau der Stellung fiel noch Leutnant d. R. Wurster durch Querschläger ins Herz. Die Verluste betrugen 3 Tote, dabei 2 Offiziere, und 8 Verwundete, darunter 1 Offizier.

In der 3./124 hatten sich die Gefreiten Bischoff und Motz durch ganz besonderen Schneid ausgezeichnet, Unteroffizier Suck, 9./124, wurde für sein Verhalten zum Vizefeldwebel befördert und erhielt das E. K. I.

Die rechte Hälfte des III./124 war nicht vorwärts gekommen, da sie über deckungsloses Gelände einen vollbesetzten französischen Graben hätte angreifen müssen.“



aus: „Das Infanterie-Regiment „König Wilhelm I“ (6. Württ.) Nr. 124 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1921

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