Mittwoch, 17. Dezember 2014

17. Dezember 1914


„Langsam vergingen den beiden Bataillonen bei Ovillers die Monate Oktober und November. In ewig gleicher Einförmigkeit verflossen die Tage und bleierne Langeweile begann zu drücken. Auch der Dezember schien nichts Neues zu bringen. Wohl hörte man von allerlei Gerüchten der Etappe, las von Durchbruchsversuchen, die die französischen Zeitungen verkündigten und sah nach dem Turm der Kathedrale von Albert, der immer noch stand und französische Artilleriebeobachter trug. Die Nachbarregimenter meldeten Bewegungen und Truppenansammlungen hinter Albert. Die Heeresleitung mahnte zur Wachsamkeit. Aber nichts Besorgniserregendes war zu erkennen. Da setzte am 14. Dezember nachmittags heftiges Artilleriefeuer auf Ovillers, besonders die Stellungen des II. Batl. ein und wütete am 16. Dezember von morgens bis abends. Schwer litt die 6. Kompagnie am Westrand des Dorfes. Als es dunkel wurde, bemerkte eine Patrouille unter Unteroffizier Böcker, wie 30 bis 40 Franzosen mit Bündeln in der Hand in einem Kleeacker zwischen den Linien vorgingen. Einige Artillerieschüsse vertrieben den Gegner. Aber Böcker, nun mißtauisch geworden, durchstreifte das Zwischengelände immer wieder. Die Franzosen waren auffallend unruhig, sprachen, schanzten und lärmten, so daß man den Eindruck gewann, es bereite sich etwas Außerordentliches vor. Das Regiment befahl daher erhöhte Gefechtsbereitschaft. Gegen 2 Uhr morgens bemerkte ein Horchposten der 6. Komp., der 200 Meter vor der Stellung in einem Loche lag, wie 8–10 Franzosen 50 Meter vor ihm schanzten und gab Feuer. Es klirrte, wie wenn Stahl auf Stahl schlägt. Da schlichen die Leute des Postens in die Flanke des Gegners und schossen abermals. Hell schrie einer auf und die Franzosen zogen sich eilends zurück. Patrouillen stießen nach, fanden Schutzschilde und merkwürdige, auf Rädern laufende, bis 4 Meter lange Holzgestelle, die ausgehöhlt und mit Sprengpatronen gefüllt waren. Pioniere stellten fest, daß es Minen zum Sprengen der Hindernisse waren. Nun war klar, daß der Angriff bevorstand. Als der Morgen des 17. Dezember anbrach, war das ganze Regiment gefechtsbereit.

Gegen 7 Uhr hörte man bei Thiepval Gefechtslärm. Kurz darauf tauchten vor der Stellung der 8. Komp. die Franzosen in geschlossenen Kolonnen auf. Infanterie und Maschinengewehre eröffneten sofort das Feuer, das von rechts durch die 5. Komp. flankierend unterstützt wurde. Ganze Reihen wurden von den dichten Geschoßgarben niedergemäht; aber immer neue Massen wälzten sich aus dem Grund vom Authuiller Wald herauf. Die Wucht des ganzen Angriffs war auf das II. Batl. gerichtet. Der weit vorgeschobene Baumposten der 7. Komp. war in Gefahr, abgeschnitten zu werden und zog sich zurück. Sofort setzten sich die Franzosen darin fest. Auch vor der 6. und 7. Komp. wurde es lebendig; aber kaum überschritten die vordersten Schützen die Höhe von Ovillers, so prasselten ihnen aus dem Schützengraben der beiden Kompagnien Kugeln entgegen. Die 4. Kompagnie und Teile des Res.-Reg. 120 an der Steinbruchstellung bei La Boisselle griffen von links her in den Kampf ein. Schlagartig setzte das Feuer der Artillerie, die am Südwestrand von Pozières auf das verabredete Zeichen gewartet hatte, ein und schob einen Feuerriegel vor die feindlichen Gräben und hinter die Angreifer. Es war Wahnsinn, gegen diesen Feuerwall anrennen zu wollen. Das Feld bedeckte sich mit Toten und Verwundeten. Wer fliehen konnte, floh. Die andern warfen die Waffen weg und gaben sich gefangen. Aber im Baumposten, der vorgeschobenen Feldwache, zu der ein langer Laufgraben führte, saßen die Franzosen dicht massiert. Ein Gegenstoß, der versucht wurde, kam nicht über den Graben hinaus. Da wurden Maschinengewehre in erhöhte Stellung gebracht. Die Haubitzen jagten ein paar Granaten in das Grabenstück und nach wenigen verheerenden Schüssen ergab sich die Besatzung. 293 unverwundete und 56 verwundete Gefangene wurden eingebracht und viele Waffen und Ausrüstungsgegenstände erbeutet. Ein feindlicher Angriff um Mitternacht auf den Baumposten mißlang aufs neue. Grauenvoll sah es vor der Front des Regiments aus. In Haufen und Reíhen, wie sie der Tod beim Anmarsch hingeworfen hatte, lagen die Gefallenen da. Verwundete schrien um Hilfe. Mitleidig versuchten die Schwaben zu helfen. Aber Gewehrfeuer aus dem französischen Graben trieb sie zurück. Tagelang hörte man noch das Wimmern der Sterbenden. Fünf französische Regimenter waren zum Angriff auf Ovillers versammelt worden, die Regimenter 19, 116, 118, 215 und das 41. Kolonialregiment. An 500 Tote lagen im Zwischengelände. Um 2 Uhr war der Angriff abgeschlagen. Erbittert hämmerte die feindliche Artillerie wieder auf die Stellung des Regiments, um die geschlagene Infanterie zu rächen.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 119 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1920

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