Freitag, 14. Oktober 2016

14. Oktober 1916


„Bei Tagesanbruch setzte nach verhältnismäßig ruhig verlaufener Nacht heftiges Artillerie- und Minenwerferfeuer aller Kaliber auf die Abschnitte K 1, K 2, den Hohlweg Fresnes – Géenermont und die Riegelstellung ein, Licourt wurde vergast. Dieses war die letzte Vorbereitung und das Zeichen zum allgemeinen Angriff auf der ganzen Front. Um 1 Uhr nachmittags wurden vor dem Abschnitt des rechten Neben-regiments (Inf.-Reg. 183) größere Ansammlungen des Gegners festgestellt, und so mußte auch in unserem Abschnitt mit einem Angriff gerechnet werden. Die Bataillone und Kompagnien wurden hiervon verständigt. Nach kurzer Zeit meldete sich der Ausguckposten beim Gefechtsstand des Bataillons rechts, daß die Franzosen in der Richtung auf Génermont zu in dichten Kolonnen angriffen. Sofort wurden beim Bataillon Sperrfeuerleuchtzeichen abgegeben. Der Gegner besetzte, wie gemeldet, in dichten Kolonnen über Höhe 86 vorgehend, den Meldeweg und Génermont und rollte unsere Linien von links rückwärts auf. Durch die Mulde bei der Zuckerfabrik in den Rücken unserer vorderen Stellung durchstoßend, hatte er wahrscheinlich die vorne liegenden Kompagnien größtenteils in ihren Stollen überrascht. Dabei fielen ihm die noch lebenden Reste der Besatzung des II. Bataillons und die 1. Kompagnie in die Hände. Vorerst kam niemand zurück. Wie sich das Gefecht im einzelnen und besonders der zum Teil wohl mit Hartnäckigkeit geführte Nahkampf abgespielt haben, darüber läßt sich nichts sagen, da die Überlebende sämtliche in französische Gefangenschaft gekom-men waren. Das eigene Sperrfeuer setzte erst später ein, vermutlich weil der Gegner überraschend ganz von links rückwärts vorging.
In zwischen hatte die 10. Kompagnie und zwei zugeteilte Züge der 3. Kompagnie die Riegelstellung besetzt. Der Führer der ersteren, Leutnant d. R. Haaga, führte seine Kompagnie im heftigen Artillerie- und Maschinengewehrfeuer ohne Verluste vor. Er erhielt Befehl, sofort zum Gegenstoß anzutreten und die zwischen Fresnes und Géner-mont verlorengegangene Stellung wieder zu nehmen. Hierzu wurde ihm eines der beim Bataillon in Reserve befindlichen M.-G. beigegeben. Jedoch der Versuch, von der Rie-gelstellung aus den Angriff gegen Génermont vorzutragen, mißlang. Der Gegner hatte im Hohlweg Génermont – Fresnes und am Hang südlich des ersteren Ortes bereits 6 – 8 M.-G. in Stellung gebracht, die ein Vordringen der Infanterie unmöglich machten. Auch lag schweres feindliches Sperrfeuer vor und auf der Riegelstellung, wodurch die Kom-pagnien erhebliche Verluste hatten.
Auch die 6. Kompagnie hatte während des Angriffes vorne die Riegelstellung besetzt. Als der tapfere Kompagnieführer, Leutnant d. L. Köstlin, bald darauf sich nach seinem linken Flügel begab, um den Anschluß zu prüfen, wurde er durch Granatsplitter im Rücken verwundet und mußte ausscheiden, so schwer ihm dies auch wurde. Auch sein wackerer Leutnant Herrmann, der an diesem Tage zum Offizier befördert worden war, wurde durch Granatsplitter am Kopf verwundet. Besonders rühmlich war das Verhalten zweier Geschütze, die am Weg Marchélepot – Ablaincourt standen. Trotzdem sie fast andauernd unter schwerem Feuer standen, so daß es manchmal schien, als würden sie von den einschlagenden Granaten zugedeckt, feuerten sie immer wieder von neuem unermüdlich weiter. Vom Ruhebataillon waren auch zwei Züge der 2. Kompagnie, die oben erwähnten zwei Züge der 3. Kompagnie, und die 4. Kompagnie nachmittags hinter den Abschnitt des II. Bataillons vorgezogen worden und besetzten das Wäldchen nordwestlich Marchélepot und den Bahndamm westlich der Ortschaft. Das eigene Artilleriefeuer wurde nun auf den Hohlweg Fresnes – Génermont und die Mulde südlich davon zurückverlegt. Um 5.30 Uhr abends war die Lage so, daß der Gegner sich in der Mulde südlich des Weges Zuckerfabrik – Fresnes eingrub und daß die Riegelstellung zwischen Fresnes und Omiecourt von uns gehalten wurde. Diese letztere wurde im Laufe des Nachmittags und Abends besetzt und zwar durch: 5. Kompagnie Inf.-Reg. 184 zur Herstellung des Anschlusses nach rechts – daran anschließend 2/3 3. Kom-pagnie – 11. Kompagnie – 10. Kompagnie – 6. Kompagnie; außerdem wurden der 10. und 11. Kompagnie je drei M.-G. des M.-G.-S.-S.-Trupp 22 und der 11. Kompagnie die Granatwerferbatterie des Regiments als Infanterie zugeteilt.
Der Stoß der Franzosen hatte sich mit der Wegnahme unserer vorderen Stellung bei Génermont offenbar zunächst erschöpft, so daß sie sich mit der Besetzung des genom-menen Geländes begnügten, ohne weiter vorzudringen.“

aus: „Das Württembergische Reserve-Inf.-Regiment Nr. 122 im Weltkrieg 1914–1918“, Stuttgart 1922


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